Der Mann verströmt die Aura des Erfolgreichen: Rolf Hess (46) hüllt sich stets in edles Tuch, hat Charme und meist ein Lächeln im Gesicht. Stolz schwingt in der Stimme des Thurgauers mit, wenn er seinen Aufstieg vom KV-Stift zum Multiunternehmer kommentiert: «Ich hatte weder einen reichen Vater noch einen einflussreichen Götti.» Fast etwas gar bescheiden für den Sohn eines Bankfilialdirektors und Kantonalpolitikers aus dem Thurgau.

Seit einiger Zeit plant Hess seine piekfeinen Auftritte wie nach dem PR-Lehrbuch. Dazu gehört auch, Anlässe in Luxushotels mit gutbetuchten Referenten zu organisieren, Professoren und andere Honoratioren als Verwaltungsräte in seinen Firmen zu platzieren sowie einen leutseligen Umgang mit den Medien zu pflegen. Dieses Verhältnis hat sich allerdings abgekühlt, seit BILANZ versucht, über ein laufendes Ermittlungsverfahren gegen den Financier zu berichten.

Allerdings ist es schwierig, das Resultat seiner von ihm so demonstrativ gepflegten Offenheit richtig einzuschätzen: Hess wechselt seine Engagements so rasch, dass «Teledata» mit der Auflistung seiner Dutzenden von Verwaltungsrats- und Managementpositionen sowie seiner Beteiligungen seit Monaten hoffnungslos veraltet ist.

Das kumulierte Eigenkapital der Firmen, in denen Hess aktiv ist, beläuft sich auf über 50 Millionen Franken. Seit knapp einem Jahr ist er gewichtiger Aktionär der neuen PG Partner Bank in Zürich. Das Mandat als Verwaltungsratspräsident hat er allerdings im Januar bereits wieder abgegeben. Nicht bekannt ist, ob er das wegen der hängigen Ermittlungen der Bezirksanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte des Kantons Zürich getan hat: Voraussetzung für eine Bankbewilligung ist nämlich, dass alle mit der Verwaltung betrauten Personen einen guten Ruf geniessen und Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit bieten.

Auch den Ausstieg aus den Verwaltungsräten seiner Prosperco-Beteiligungsgesellschaften kündigte er vor einigen Wochen an. Die Aktien der Prosperco New Century werden seit Anfang März an der Berner Telefonbörse gehandelt. Fernziel ist die Kotierung an der Schweizer Börse. Daneben sammelt er in der Valarte-Gruppe unter anderem Immobilien.

Über das, was den diplomierten Wirtschaftsprüfer und Exmitarbeiter von Deloitte Haskins & Sells sowie des Jacobs-Konzerns antreibt, mutmasst ein ehemaliger Vertrauter: «Er tut alles für seine Karriere und will den Zürchern zeigen, dass auch einer aus der Provinz nach oben kommt.» Promi-Status geniesst er trotzdem nur in der Ostschweiz: unter anderem als Veranstalter der Hess Golf Trophy in Erlen TG, wo er sich mit Ex-Raichle-Chefin Beatrice Werhahn oder Bernina-Boss Hanspeter Ueltschi umgibt. Er präsentiert sich als Rotarier bei Kulturpreisverleihungen, und seine Prosperco ist Sponsor des Fussballclubs Wil. Mit dem Thurgauer SP-Nationalrat und Anwalt Jost Gross brachte er sich Mitte der Neunzigerjahre als selbst ernannter Retter maroder KMU-Betriebe ins Gespräch. Eigens wurde eine Restructa Sanierungs AG begründet. Mittlerweile ist Gross ausgeschieden, und die Firma heisst Reconcepta.

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie rasch ein Unternehmen im Einflussbereich von Hess seinen Namen wechselt. Ein weiteres: Aus der Fullpoint Finanz wurde zuerst die Prosperco Finanz + Invest, kurz darauf wechselte man zu Valarte Finanz + Invest, schrieb der «Beobachter». Heute heisst die Gesellschaft Youwin. Wenn sich die Verhältnisse so rasch ändern, wird es schwierig, Hess und seine Aktivitäten nachvollziehbar darzustellen.

Sein mindestens neun Monate dauerndes Engagement als Herr über die Fullpoint trug ihm erste Kratzer an seinem Image ein: Denn gegen das einstige Management der Fullpoint wird vom Zuger Verhörrichteramt wegen gewerbsmässigen Betrugs und Wuchers ermittelt. Grund: Den enormen Renditeverlockungen erlagen Hunderte meist unbedarfte Anleger. Von 100 Franken, die man «investierte», wurden gleich mal gegen 40 Prozent als «Kommissionen» und «Gebühren» abgezogen. Die Anleger verloren Millionen. Heute bezeichnet Hess sein Engagement bei der Fullpoint als «Fehlinvestition».

Praktisch zeitgleich gab er auch sein Verwaltungsratspräsidium bei der Cros Research for Options and Securities in Tägerwilen TG auf. Danach wurde das Unternehmen durch eine Revisionsfirma von Hess betreut. Die Firmengeschichte endete abrupt: Im Sommer 2000 schritt die Eidgenössische Bankenkommission ein. Anfang Februar dieses Jahres wurde der Konkurs eröffnet. Von Behördenseite rechnet man ebenfalls mit Hunderten von Geschädigten, die Verluste in Millionenhöhe erlitten haben. Ein ehemaliger Cros-Mitarbeiter sagte gegenüber BILANZ: «Das Geld war verloren, sobald es der Cros überwiesen wurde. Es ging nur darum, möglichst hohe Kommissionen zu garnieren.»

Manchmal sass Hess aber auch im Verwaltungsrat einer Gesellschaft, die er gleichzeitig von einer seiner mit ihm verbundenen Revisionsfirmen prüfen liess. Dies praktizierte er noch bis vor kurzem, obwohl das Aktienrecht seit 1991 verschärfte Anforderungen an die Unabhängigkeit der Revisoren vorschreibt. Insbesondere gelte es, Interessenkonflikte und die Gefahr unsachlicher Rücksichtnahmen zu vermeiden. Derartige Konstellationen sind heute weit gehend vom Tisch, da Hess sich Ende 2000 von seiner Revisionsfirma Hess Grant Thornton getrennt und sie für zehn Millionen Franken an die BDO Visura verkauft hat. Diesen Schritt bezeichnet Hess grosszügig als Aufbruch zu einer neuen «unternehmerischen Vision».

Seinen Aktionskreis hat Hess in den letzten Jahren stetig und unaufhaltsam erweitert. Nicht immer zu seinem Vorteil: In Deutschland verlor er rund 300 000 Franken bei einem Leasinggeschäft mit dem Headhunter Wolfram Hatesaul, der sich 1996 erhängte. Dem tschechischen Glücksritter Viktor Kozeny kaufte er aserbaidschanische «Privatisierungs-Vouchers» ab. Mit Kozeny teilt er noch ein anderes Hobby: Beide sind Honorarkonsuln von Grenada. Dort war Hess bis vor kurzem mit der Worldwide Financial Services im Offshoregeschäft tätig. Was es brachte, konnte nicht eruiert werden. Trocken kommentiert ein Bekannter Hess’ Karriere: «Er ist auf den Geschmack des schnellen Geldes gekommen.»

Seinen vielen Medienverlautbarungen ist zu entnehmen, dass Hess den wirtschaftlichen Erfolg sucht. Ob er darunter auch seinen Einsatz für Complete-e verbucht? Hess Grant Thornton war bis im Frühling 2000 die Revisionsfirma der Softwareschmiede Complete-e. Über seine Prosperco Finanz Holding kaufte Hess sechs Monate vor dem Börsengang im Rahmen der Kapitalerhöhung für 800 000 Franken Complete-e-Aktien und verkaufte sie mit schönem Gewinn – vor dem Absturz des nur knapp am Konkurs vorbeigeschrammten Unternehmens.

Als die Abwahl von Hess Grant Thornton als Complete-e-Revisionsstelle anstand, sträubte sich eine Gruppe um den ehemaligen Verwaltungsrat Roger Bigger dagegen. Nun hat sich Bigger zusammen mit Hess bei der PG Partner Bank eingekauft und ist dort als Chief Operating Officer (COO) aktiv. Ins Gerede gekommen war Bigger schon wegen seiner Beteiligung am maroden Pommes-frites-Automaten-Bauer Tege. Auch bei Tege prüfte Hess Grant Thornton die Bücher.

Der Thurgauer hat Glück mit seinem Beziehungsnetz: So investierte die DC Bank der Burgergemeinde Bern Millionen in die Prosperco-Gruppe. Die Bonität sei ordnungsgemäss geprüft worden, heisst es seitens der Bank. Im DC-Bankrat sitzt auch der prominente Berner Medienrechtler Franz A. Zölch, der wiederum bis im letzten November Verwaltungsrat von zwei Prosperco-Beteiligungsgesellschaften gewesen ist. Hinsichtlich seiner Tätigkeit bei der DC Bank und der Prosperco-Gruppe hält Zölch fest: «Meine Einsitznahme war transparent, allen Beteiligten im Voraus bekannt und mit keiner weiteren Funktion verbunden.»

Das Investment der Burger-Bank ist fürwahr hochprozentig: Die börsenkotierte Prosperco New Century ist an einer Palin Ltd. mit Steuerdomizil auf der Isle of Man beteiligt. Palin ist Lizenznehmerin von sechs russischen Wodkasorten. Diese Beteiligung der besonderen Art macht immerhin 23 Prozent des Portefeuilles aus. Peter Heller, Chef der Berner Telefonbörse, kommentiert vorsichtig: «Die Qualität einer Anlage ist generell ein heikles Thema.»

Die Kritik an Hess nimmt zu – auch in seinen Stammlanden. Beobachter in der Ostschweiz warten gespannt, was mit dem «Ostpark-Tower» in Frauenfeld passieren wird. Das 20 Millionen teure Bauprojekt, vom Volksmund flugs in «Hess-Tower» umbenannt, befindet sich im Rohbau und sollte mit Mitarbeitern diverser Hess-Firmen belegt werden.
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