Ein schlichter Bürobau in Zürich Wollishofen. Der Verwaltungsrat des Vermögensverwalters Entre­preneur Partners hat gerade getagt, Urs Wietlisbach ist Mitglied. Jetzt nimmt er sich Zeit für das Gespräch. Hinter ihm liegt eine sehr spezielle Zeit: Er war an Covid-19 erkrankt.

Als Erstes die Frage: Wie geht es Ihnen?
Wieder gut.

Keine Corona-Folgen?
Ich fühle mich müder – als ob ich immer unausgeschlafen wäre. Dabei schlafe ich gut.

Wie verlief die Krankheit?
Ich lag zwei Wochen voll im Bett, es fühlte sich an wie eine starke Grippe mit 40 Grad Fieber, dabei hatte ich nur 37 Grad. Ärztliche Behandlung brauchte ich allerdings nicht. Das Dengue-Fieber war deutlich schlimmer. Da lag ich auf der Intensivstation in Neu-Delhi, es ging um Leben und Tod. Jedes Jahr gibt es mehr als 50  Millionen Fälle, die Todeszahlen sind etwa gleich hoch wie bei Corona. Aber darüber redet niemand. So ganz rational ist der Umgang mit Corona nicht.

«Milliardär zu sein, ist nicht gottgegeben. Ich werde 90 Prozent meines Vermögens an die Gesellschaft zurückgeben.»

Mit mehr als zwei Milliarden Franken Vermögen zählen Sie zu den reichsten Menschen der Schweiz. Gesundheitliche Krisen schärfen da das Bewusstsein für die grossen Fragen. Wie gehen Sie mit Ihrem Reichtum um?
Ich habe vor einigen Jahren entschieden: Milliardär zu sein, ist nicht gottgegeben. Ich sehe mich da in der amerikanischen Tradition des «Giving Pledge»: Ich werde mehr als 90 Prozent meines Vermögens in meiner Lebenszeit an die Gesellschaft zurück­geben.

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Welche Rolle spielt es, dass Sie keine eigenen Kinder haben?
Keine entscheidende. Ich habe übrigens durch meine neue Beziehung zwei tolle «Bonussöhne» bekommen. Mir geht es darum, mein Vermögen sinnvoll und ­unternehmerisch effizient weiterzugeben.

Das ist gar nicht so einfach.
Die Entwicklungshilfe funktioniert oft sehr mässig, und viele Charity-Organisationen sind nicht gut ­geführt – oft je grösser, desto ineffizienter. Wenn die Kosten für Administration und Fundraising bei über 25 Prozent der Einnahmen liegen, steige ich auf ­keinen Fall ein.

Wie machen Sie es?
Ich koordiniere meine Aktivitäten über die Wietlisbach Foundation. Dann habe ich vor einigen Jahren «PG Impact» gegründet, eine Schwestergesellschaft der Partners Group. Sie betreibt Deep Social Impact Investing in verschiedenen nachhaltigen Bereichen. Dort habe ich sehr viel investiert, auch andere Kollegen aus der Partners Group haben mitgezogen. Heute verwalten wir dort 380 Millionen Franken, auch einige Stiftungen haben uns mandatiert.

«Ich will mein Vermögen sinnvoll und unternehmerisch effizient weitergeben.»

Besonders am Herzen liegt Ihnen die Sportförderung.
Ich esse und trinke gern, deshalb muss ich Sport ­machen. Joggen, Golf, Langlauf, Mountainbike – aber alles auf verträglichem Niveau.

Und besonders Skifahren.
Skifahren ist meine Leidenschaft. Deshalb habe ich 2015 zusammen mit Swiss-Ski die Stiftung «Passion Schneesport» gegründet. Anders als in Österreich oder Deutschland erhalten unsere Nachwuchsath­leten keine Förderung, wir haben auch hier das Milizsystem. Die Kosten können pro Kind auf 30 000 Franken pro Jahr hochgehen. Im letzten Winter haben wir 93 Athleten gefördert, insgesamt sind 1,7 Millionen Franken durch Spenden zusammengekommen. Die Spender zahlen bis zu 50 000 Franken pro Jahr.

Wer ist da dabei?
Samih Sawiris, Martin Bisang, Beat Curti, um nur ­einige zu nennen.

Sportlicher Aufstieg

Bei den Kadetten Schaffhausen frönte er einst dem Kontaktsport Handball, nach HSG-Abschluss und Lehrjahren bei der Credit Suisse und Goldman Sachs wurde Urs Wietlisbach als einer von drei Gründern der Partners Group zu einem der erfolgreichsten Unternehmer der Schweiz. Heute ist er dort exekutiver Verwaltungsrat. Sein Investment bei dem Zuger Private-Equity-Haus mit 22 Milliarden Franken Börsenwert ist mehr als zwei Milliarden wert. Seit eineinhalb Jahren teilt sich der 58-Jährige mit Ex-FC-Basel-Präsident Bernhard Heusler das Präsidium der Sporthilfe.

Jetzt wollen Sie diesen Erfolg bei der Sporthilfe ­wiederholen.
Die Verantwortlichen haben mein Interesse am Sport bemerkt und mich angesprochen. Seit eineinhalb ­Jahren bin ich dort mit dem Ex-FC-Basel-Präsidenten Bernhard Heusler Co-Präsident. Die Schweizer Athleten sind klar benachteiligt: In allen Nachbarländern erhalten die Sportler direkte finanzielle Unterstützung vom Staat – nur bei uns nicht. Dabei gilt längst sogar für einen Ringer oder Kanuten: Wenn du an die Olympiade willst, musst du Profi sein.

Was ist Ihr Ziel?
Wir wollen erreichen, dass 500 Sportler jeweils 30 000 Franken pro Jahr über die Sporthilfe bekommen. ­Inklusive anderer Aktivitäten wie Patenschaften für junge Talente brauchen wir dafür ein Budget von etwa 20 Millionen. Im letzten Jahr hatten wir elf Millionen, davon fünf Millionen von den Lotteriegesellschaften. Doch dieses Jahr kam wegen Corona der grosse ­Einbruch, ausgerechnet zum 50-Jahre-Jubiläum. Das Sponsoring bricht weg, die Firmen machen weniger.

Wie gehen Sie dagegen vor?
Wir organisieren das gesamte Förderkonzept neu. Im Zentrum steht ein Projekt namens «Team Suisse». Dabei handelt es sich um einen neuen Athleten­förderclub. In den USA gibt es das Team US, jetzt bringen wir das Team Suisse.

Reichen denn die Gelder von Swiss Olympic nicht aus? Hier leistet doch der Steuerzahler schon einen ordentlichen Beitrag.
Die Gelder von Swiss Olympic gehen nur an Verbände für die Infrastruktur und das Trainerwesen. Direkt beim Athleten landet nichts. Das wollen wir jetzt in grossem Stil ändern. Schon in der Bevölkerung liegt grosses Potenzial. Derzeit zählt die Sporthilfe gerade 18 000 Gönner. Die Stiftung «Schweizer Wanderwege» hat 86 000 Gönner. Das ist super, da bin ich auch dabei, aber die Wanderwege sind ohnehin vom Staat bezahlt. 75 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind laut einer neuen Studie mittel bis stark sportinteressiert. Wer mitfiebern und Olympiasieger sehen will, sollte etwas geben, darauf hoffen wir. Wenn wir 100 000 Gönner mit je 75 Franken Unterstützung hätten, kämen schon mal sieben Millionen Franken zusammen. Jeder Gönner wird bei «Team Suisse» Mitglied und erhält auch verschiedene Vergünstigungen im Sportbereich.

Welche anderen Kategorien planen Sie?
Dann beginnt der Business Level: KMUs mit sportinteressierten Inhabern können spezielle Pakete kaufen, inklusive Meet & Greet. Und dann kommen oben die vermögenden Schweizer, die hoffentlich grössere Beträge sprechen: Ab 15 000 Franken – und natürlich nach oben offen. Das ist der Bereich «Team Suisse Circle», den ich persönlich leite.

Wie viel spenden Sie selbst?
Eine halbe Million habe ich schon für den «One Million Run» gespendet, als Ende Mai 80 000 Menschen auf Initiative der Sporthilfe mehr als eine Million Kilometer gelaufen sind. Eine weitere halbe Million spende ich zur Lancierung von «First». Jetzt hoffen wir auf weitere Geldgeber. Einfach melden bei urs.wietlisbach@sporthilfe.ch.

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Haben schon welche zugesagt?
Ja, Unternehmer Philippe Gaydoul oder der Multi-­Investor Dan Holzmann beispielsweise. Und im ­Finanzbereich stehen wir beim Sponsoring davor, einen hochkarätigen Platinsponsor zu gewinnen.

Wie weit haben die Geldgeber Zugriff auf die Athleten?
Die geförderten Athleten gehen mit der Sporthilfe eine schriftliche Vereinbarung ein und stehen für Einsätze zur Verfügung.

Urs Wietlisbach

HSG-Absolvent: «Ich habe die Bücher über die Finanzwissenschaft in den Kübel geworfen. Unser Wissen aus St. Gallen ist nutzlos.»

Quelle: Christian Schnur für BILANZ

Trotzdem zeigt bislang kein Grossverteiler Interesse.
Ich verstehe nicht, dass Migros, Coop, Lidl oder Aldi da nicht schon eingestiegen sind. Wir bieten Zugriff auf fast 500 Spitzensportler aus der Schweiz, die sich regional bestens einsetzen lassen: So unterstützen uns zum Beispiel Michelle Gisin, Giulia Steingruber oder Nino Schurter immer wieder.

Obwohl diese Top-Athleten ja schon keine Sporthilfe mehr beziehen, da sie eigene Sponsoren haben.
Nino Schurter ist ein gutes Beispiel: Auch wenn er kein Geld mehr bekommt, stellt er sich auf jeden Fall zur Verfügung. Er ist extrem dankbar, dass ihm die Sporthilfe am Anfang seiner Karriere geholfen hat.

Das Geld für Ihre Charity-Aktivitäten muss verdient werden. Wie verhält sich der Investor Urs Wietlisbach in diesen wilden Börsenzeiten?
Die Hälfte meines Vermögens steckt in Partners-Group-Aktien. Gleichzeitig sind wir drei Gründungspartner direkt an den Investments unserer Firma ­beteiligt, dafür haben wir unser Aktienexposure abgebaut. Ich bin bei der Partners Group Kunde wie eine grosse Pensionskasse, pro rata bin ich bei allen Transaktionen dabei. Zudem haben wir drei Gründer unser Family Office, in dem wir zusammen in verschiedene Vermögensklassen investieren, allesamt nicht aktienkorreliert.

Bekannt sind Sie auch als Fintech- und Immobilieninvestor.
Für kleinere Beteiligungen habe ich etwas Spielgeld zur Seite gelegt, es sind 15 bis 20 Firmen vor allem aus dem Fintech-Bereich, darunter Firmen wie Advalon Evolute, Creditgate24 oder Teyloor. Das läuft praktisch immer über persönliche Beziehungen. Die Immobilien sind deutlich gewichtiger: Zehn Prozent meines Vermögens stecken im Schweizer Markt. Meine Aktivitäten laufen über die Gesellschaft Property One, bei der wir stark im Zweithypotheken-Markt unterwegs sind. Zuweilen übernehmen wir die Entwicklung auch selbst, wie etwa bei der Sunset-Überbauung in Schindellegi.

Die verstorbenen Wirtschaftsgrössen Andy Rihs und Sergio Marchionne wohnten dort. Was passiert mit ihren Villen?
Bei Marchionne sehen wir noch keine Bewegung, die Villa von Andy Rihs scheint auf dem Markt zu sein.

Ein grosser Faktor für den Erfolg der Partners Group in den letzten Jahren waren die billigen ­Einkäufe während der letzten Finanzkrise. Ist Ihre Firma jetzt auch auf grosser Shopping-Tour?
Die Situation ist sicher vergleichbar. Allerdings haben wir die grossen Direktinvestitionen das letzte Mal erst ab 2010 gemacht. Zu Beginn der Krise forderten die Verkäufer noch immer die Vorkrisen-Preise. Das ist auch dieses Mal so. Was wir jetzt schon machen: Kleinere Zukäufe im Rahmen unserer Buy-and-Build-Strategie. In den USA sind wir beispielsweise erfolgreich unterwegs mit Physiotherapiekliniken oder bei Kindertagesstätten. Hier können wir jetzt günstige neue Betriebe erwerben.

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«Ich habe schon vor drei Jahren alle Aktien ausser Partners Group verkauft. Im März habe ich den Crash erwartet.»

Wann beginnt die Welle der grossen Zukäufe?
In sechs bis neun Monaten geht es los, wir sind darauf vorbereitet. Was wir jetzt allerdings auch schon in grossem Stil kaufen: Private Schuldverschreibungen. Da sind selbst erstklassige Papiere bis zu einem Drittel tiefer zu kaufen, weil mancher Investor Geld braucht.

Die Börse hat sich im Vergleich zur Finanzkrise ­erstaunlich schnell erholt. Wie lässt sich das trotz der gigantischen Unsicherheit erklären?
Ich habe jegliche Bücher über die Finanzwissenschaft endgültig in den Kübel geworfen. Unser ganzes Wissen von der Hochschule St. Gallen ist überholt. Schon die grossen Geldmengen, die während der Finanzkrise ins System gepumpt wurden, hätten zu Inflation führen müssen. Doch die Banken mussten mehr ­Eigenkapital halten, deshalb ist das Geld nicht vollständig im Kreislauf angekommen, und wegen der gestiegenen IT-Effizienz blieben die Lohnkosten tief.

Im Vergleich mit der jetzigen Geldflutung war die Finanzkrise nur ein laues Lüftchen.
So ist es. Allein die Fed verdreifacht ihre Bilanzsumme und kauft jetzt sogar Unternehmensanleihen, teilweise sogar Junkbonds. Was will ein Pensionskassenmanager da machen? Corporate Bonds zahlen keine Zinsen mehr und sind zudem noch illiquid. Also ­bleiben nur Immobilien und Aktien. Doch beide sind hoffnungslos überbewertet.

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Kommt ein Riesencrash?
Ich habe schon vor drei Jahren bis auf meinen Partners-Group-Anteil alle Aktien verkauft. Im März habe ich den Crash erwartet. Doch was passiert jetzt? Wir geben eine Gewinnwarnung heraus, und unsere Aktie steigt. Die Firmengewinne werden in diesem Jahr massiv einbrechen, doch das interessiert die Börse derzeit nicht. Ja, der Crash müsste kommen. Doch die Zinsen sind extrem tief, und nirgends am Horizont ist ein höheres Zinsniveau erkennbar. Gleichzeitig wartet extrem viel Geld an der Seitenlinie, das noch nicht investiert ist. Gesund ist das alles nicht.