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Betrug
US-Behörden schnappen «Erfinder der Abzock-Szene»

Brian C.: Von Deutschland international zur Fahndung ausgeschrieben. Pacer.gov/ZVG/Archive.org

Lange floh er, nun wurde Brian C. geschnappt: Er ist eine der Hauptfiguren, die aus der Schweiz Zehntausende abzockten. Eine Geschichte von Betrügereien, getunten Sportautos und Geld in Plastiktüten.

Von Christian Bütikofer
am 16.11.2016

Ende Juni 2016 ging der passionierte deutsche Pokerspieler Brian C. den Polizeibehörden in den Vereinigten Staaten ins Netz. Die Justiz fakelte nicht lange und steckte ihn ins Metropolitan Detention Center in Los Angeles. Ende Mai hatten die Frankfurter Staatsanwälte den 31-Jährigen international zur Fahndung ausgeschrieben, Brian C. wird gewerbsmässiger Betrug zur Last gelegt. Bereits im Oktober 2014 hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gegen ihn und sieben weitere seiner Kumpane Anklage erhoben. Die meisten von ihnen wurden diesen August verurteilt.

Brian C. und sein Umfeld gehörten zur so genannten «Nutzlosbranche» – einem Geflecht vornehmlich deutscher Personen und Schweizer Firmen, die aus Zug in den 2000er-Jahren regelmässig mit versteckt kostenpflichtigen Internet-Angeboten und anschliessendem Inkasso Millionen von Euro generierten. Gesichert sind alleine für ein Projekt 32'517 Zahlungseingänge im Wert von fast 2,03 Millionen Euro. Die entsprechenden Akten liegen handelszeitung.ch vor.

Zehntausende Beschwerden

Brian C. und seine Partner waren wegen massiven Kundenbeschwerden häufig Thema in den deutschen Medien, füllten TV-Formate wie Akte von Sat1 oder Plusminus der ARD. Durch ihr unverfrorenes Gebaren landeten sie schliesslich auch im Visier der Frankfurter Staatsanwälte. Als die Ermittlungen den Anfangsverdacht des Betrugs bestätigten und sich die Schlinge fester zuzog, suchte Brian C. das Weite. Er floh nach Malaysia.

Seit 2006 zockte C. mit seinen Leuten laut Anklageschrift eine Vielzahl von Personen aus dem gesamten Gebiet von Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Webseiten ab, die angeblich kostenlose Dienste anboten – im Kleingedruckten allerdings versteckte Kosten enthielten. So etwa auch mit der Webseite Lebensprognose.com, die durch die Schweizer Xentria AG betrieben wurde und die sich später in Internet Service AG unbenannte. Zu viele Beschwerden gab es, der Ruf war miserabel.

Zentrum Kanton Zug

Das Angebot der Betrüger bestand darin, dass Kunden gegen eine Zahlung von 59 Euro die Möglichkeit eingeräumt wurde, eine sogenannte Lebensprognose durchzuführen. Dass der «Dienst» jedoch kostete, war gut versteckt. Nachdem die Opfer ihre Daten fürs vermeintliche Gratis-Angebot eingaben, erhielten sie kurz darauf per E-Mail eine Rechnung. Zahlten sie nicht, wurden sie bald von einer deutschen Inkassofirma kontaktiert. Auch diese Firma hatte ihren Ursprung in der Schweiz und gehörte zur gleichen Gruppe um die Europe Holding aus Zug.

Um von Kunden zu profitieren, die sich telefonisch beschwerten, richtete die Gruppe eine «Beschwerdehotline» ein – eine kostenpflichtige Telefonnummer mit Call-Center-Agenten im Hintergrund. Dies geschah durch die MC Mobile Communication – auch sie wurde über die Schweiz gegründet.

30 Prozent Rendite

Akten, die handelszeitung.ch vorliegen, zeigen, dass die Masche äusserst lukrativ war. So fuhr die Gruppe allein für das Geschäft mit der Lebensprognose mindestens 30 Prozent Rendite ein. Das war nur eines von vielen «Projekten», die von Zug aus mit der Xentria aufgegleist wurden. Eine weitere Geschäftsidee war etwa das Anbieten von Wetten über Sportexperten.com. Dort wurde behauptet, man sei «Vermittler» der Wetten – ein Sprecher vom Bundesamt für Justiz meinte, dass das Angebot gegen das schweizerische Lotteriegesetz verstösst und informierte die Strafverfolgungsbehörden. Schon bald gab es für die Abzocker in der Schweiz Ärger mit der Justiz. So zeigen die Akten, dass bereits im Herbst 2008 Hausdurchsuchungen im Umfeld der Xentria in der Schweiz stattfanden.

Brian C. selbst lebte auf grossem Fuss, fuhr etwa einen getunten Mercedes Benz CLS AMG im Wert von 140'000 Euro. In den Akten steht, er habe die Geschäfte in der Schweiz etwa auch darum aufgezogen, weil ihm ein Geschäftspartner als Gegenleistung Schulden in der Höhe von 100'000 Euro beglich. Gegenüber anderen Vertretern der so genannten «Nutzlosbranche» bezeichnete sich C. laut Ermittlungsakten als «Erfinder der Abzock-Szene».

Monatliches Gehalt: 10'000 Euro in bar

Der Rubel rollte, der faktische Geschäftsführer Brian C., der kein Bankkonto besass, zahlte sich monatlich ein Gehalt von 10'000 Euro in bar aus. In der Wohnung von Brian C. befand sich zudem eine Kommode mit einer Plastiktüte, in der sich Bargeld in kleiner Stückelung befand (10-Euro-Scheine, 20-Euro-Scheine). Kollegen von ihm konnten sich daraus bedienen, sobald Bedarf bestand. So steht es in den Justiz-Akten.

Durch ein ausgeklügeltes System fanden die Einnahmen ihren Weg zu den weiteren Hintermännern. So transferierte die Schweizer Xentria ihre Gewinne auf ein Konto der spanischen Firma International Marketing Group in Masplomas/Gran Canaria. Sobald Bargeld gebraucht wurde, hob der Kurier Bilal A. das Geld ab und flog nach Deutschland. Für seine Dienste erhielt er 2000 Euro monatlich.

Mit Porno-Mails auf Radar des Seco

Die Ermittlungsakten zeigen weiter, dass zwischen C. und einer weiteren Gruppe, die in diesem Geschäft gross auf Abzocktour ging, rege Kontakte bestanden. So ist belegt, dass zwischen C. und den Hintermännern von Porno-E-Mails der Schweizer Firma Happy Passion von Oliver S. und Benjamin A. reger Austausch bestand.

Die Happy Passion betrieb die gleiche Masche, wie C. mit der Xentria: Die Opfer wurde mit Nachrichten wie «Ihr Nacktbild wurde freigegeben» dazu versucht zu «überzeugen», für die Löschung dieser angeblichen Bilder etwas zu zahlen. Vor der «Betrügerei» der Happy Passion warnte sogar das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) offiziell.

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