Wer mit dem Auto von Fleurier auf direktem Weg in Richtung Ste-Croix fährt, erreicht nach einigen Kilometern – beinahe zwangsläufig – die Ortschafft Buttes. Auch hier blühte die Uhrmacherei einst in Gestalt der Buttes Watch Co., kurz BWC genannt. Die Renaissance des Gewerbes zeigt sich gleich am Ortseingang links, wo ein langgestrecktes Gebäude die Vorbeifahrenden begrüsst. Und Baukräne künden davon, dass die bauliche Expansion noch weitergeht.

Panerai wichtigster Auftraggeber

Der Name Manufacture Horlogère ValFleurier steht freilich nur in kleinen Lettern an seinem Eingang. Besuche, namentlich solche von Menschen, die nicht in geschäftlicher Verbindung zu ValFleurier stehen, sind hier nicht unbedingt erwünscht. Der Grund ist nachvollziehbar: Hier arbeiten mittlerweile 255 helle Köpfe für eine stattliche Anzahl von Mitgliedern der Richemont-Gruppe. Ganz oben steht Panerai, der erste und wichtigste Auftraggeber. Alle gewerblichen Manufakturaktivitäten der Marke mit den italienischen Wurzeln gehen hier über die Bühne. Will heissen: Hier entstehen die Komponenten, welche später in Neuenburg bei Panerai zu kompletten Uhren weiterverarbeitet werden.

Noch diskreter vollziehen sich in Neuenburg im Panerai-Stammhaus ValFleuriers Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Hier lässt Klein gar keine Gäste zu, denn alles Handeln der ungefähr 60 Techniker und Ingenieure geschieht unter dem Vorzeichen strengster Geheimhaltung.

Zu den gern gesehenen ValFleurier-Kunden gehört neben Panerai und Piaget hingegen die jüngste Marke der Richemont-Gruppe: Ralph Lauren Watches, deren Roll-out während des SIHH im Januar 2009 in Genf erfolgt. Wenn es darum geht, Klein diesbezügliche Informationen zu entlocken, schweigt er aber wie ein Grab. «Fragen Sie die Marken selbst. Das sind unsere Auftraggeber. Wenn die etwas sagen oder zeigen wollen, gerne. Von mir hören Sie nichts.»

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Auskunftsfreudig gibt sich der agile Enthusiast in Sachen ValFleurier dann aber doch. Immerhin kann er auf das Erreichte ungemein stolz sein. Wo sonst ist es gelungen, innerhalb weniger Jahre eine derart grosse und moderne Produktionsstätte für mechanische Werkekomponenten aus dem Boden zu stampfen?

Die weitläufigen Hallen beherbergen in gut schweizerisch-militärischer Ordnung aufgestellte und wegen der grossen Glasfronten keineswegs geheimnisvoll abgeschirmte Fertigungszentren. «Der Mitbewerber schaut gerne hier vorbei, um zu zählen und zu erspähen, was wir tun», bekennt Klein. Und es sieht so aus, als dass er sich diebisch über die Neugierde anderer freut und die rund 60 computergesteuerten Automaten der neuesten Generation ausgesprochen gerne herzeigt. Die braucht es aber auch, um jedes Jahr qualitativ hochwertige Kits für 80000 Uhrwerke zu produzieren.

Verdoppelung der Produktion

Dazu sollen, ja müssen die Maschinen an 300 Tagen im Jahr laufen. Etliche davon, die keiner menschlichen Assistenz bedürfen, sind schon jetzt ohne Unterbrechung rund um die Uhr tätig, damit ValFleurier das aktuelles Programm mit etwa 10000 verschiedenen Artikeln erfüllen kann. Übers Jahr 2008 kommen gut 1 Mio Bauteile zusammen.

Für 2009 steht bereits eine Verdoppelung dieses gigantischen Quantums an. Die Tendenz bleibt, wenn die aktuelle Wirtschaftskrise der Branche definitiv keinen Strich durch die Rechnung macht, auch danach weiterhin steigend.

Die trotz weitgehender Automatisierung erforderlichen Fachkräfte finden Klein und sein Stab an Managern in der Schweiz und auch im nahe gelegenen Frankreich. Etliche davon arbeiten ihr Pensum in zwei Schichten ab.

Mit Blick auf alles Erreichte könnte Klein ungemein stolz sein. Aber der zeigt beim Rundgang doch auch gewisse Sorgenfalten auf seiner Stirn: «Eigentlich wachsen wir viel zu schnell.» Dieses selbstkritische Resümee wird Klein aber nicht viel helfen. Angelo Bonati wartet sehnsüchtig, Philipp Leopold Metzger von Piaget auch. Und Montblanc harrt händeringend seiner «Rieussec»-Komponenten. Ergo heisst es tatsächlich «schaffen, schaffen, schaffen». Am besten wären Zyklen rund um die Uhr, an sieben Tagen, das ununterbrochen übers ganze Jahr hinweg. Aber so weit wird es dann wohl doch nicht kommen. Mehr Personal führt nach Kleins Auffassung nicht zwangsläufig zu einem grösseren Ausstoss: «Für jedes Quantum an Werken gibt es immer ein angemessenes, ja optimales Quantum an Mitarbeitern. Bei zu vielen Leuten kann die Produktion sogar sinken.»

DNA der Marke muss bleiben

Auf die Frage, wann Silizium in die Uhrwerke von ValFleurier einziehen wird, reagiert Klein eher zurückhaltend. «Das Material befindet sich noch in der Testphase. Man muss noch abwarten, ich muss mir Oberflächenbehandlungen überlegen.»

Anderseits haben er und sein Team noch jede Menge Pläne in petto. Die neuesten Panerai-Uhrwerke werden ihren Einstand beim Genfer Salon im Januar geben. Ein wichtiges Ziel besteht zudem im Absenken der Kaliber-Produktionskosten. Alles Weitere werde die Zukunft zeigen. Klein besitzt eine klare Konstruktionsphilosophie, die wie ein Baukastensystem funktioniert: «In jedem Fall muss die DNA der auftraggebenden Marke unbedingt gewahrt bleiben. Das ist eine ganz besondere Herausforderung.» An selbstironischem Stolz bezüglich seiner Kreationen mangelt es Klein auf jeden Fall nicht. «Das Panerai-Tourbillon, das Hähnchen am Grill, ist eine der besten Erfindungen in Sachen Mechanik!»