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Vatikan: Der heilige Investor

Papst Benedikt XVI. hat im Kirchenstaat nicht mehr lange das Sagen. (Bild: Keystone)

Das komplexe Finanzimperium des Vatikans ist reichlich undurchsichtig. Die Schweiz ist ein wichtiger Standort für Investitionen der Kirchenmonarchie.

Von Jean François Tanda
am 11.02.2013

Seit Jahrzehnten macht der Vatikan in der Finanzwelt mehr Schlagzeilen mit fragwürdigen Geschäften als mit ethischem Banking. Immer wieder waren seine Vertreter und Finanzinstitute des Kirchenstaates in dunkle Machenschaften und Skandale verwickelt. Mord, Korruption und Geldwäscherei - der Heilige Stuhl war in manchem Skandal mitten drin statt nur dabei. 

Er war Hauptaktionär des Banco Ambrosiano, dessen Generalmanager 1982 unter mysteriösen Umständen starb. Roberto Calvi war der Geldwäscherei und finanzieller Verbrechen angeklagt - und wurde noch vor dem Prozess aufgeknüpft unter einer Londoner Brücke aufgefunden, die Taschen gefüllt mit Ziegelsteinen.

In den 1990er-Jahren war der Vatikan in den Korruptionsskandal Enimont verwickelt, der im Zuge der Ermittlungen von Mani pulite in Italien aufgedeckt wurde. Zuletzt sorgte Ettore Gotti Tedeschi für Negativschlagzeilen. Der Chef der Vatikanbank wurde im Mai 2012 entlassen, weil er im Visier von Korruptionsermittlern aus Neapel steht.

Vatikanbank grösster Finanzakteur

Der Kleinstaat zählt nur 900 Einwohner, doch als Finanzplatz ist er ungleich bedeutender. Zwischen 1. April und 11. Oktober 2011 beliefen sich die grenzüberschreitenden Transaktionen mit dem Vatikan auf 4,2 Milliarden Euro. Gemäss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich lagen Ende März 2012 über 1,8 Milliarden Dollar aus dem Vatikan bei ausländischen Banken, 70 Millionen davon in der Schweiz. Umgekehrt hatten internationale Banken 21 Millionen Dollar im Vatikan. Ob darunter auch Schweizer Banken sind, lässt sich der Statistik der Nationalbank nicht entnehmen.

Grösster Finanzakteur im kirchlichen Ministaat ist die Vatikanbank mit dem offiziellen Namen Istituto per le Opere di Religione (Institut für religiöse Werke). Sie verwaltet Gelder von 6,3 Milliarden Euro, die 104 Mitarbeiter betreuen 20772 Kunden.

Doch das Institut mit Sitz in direkter Nachbarschaft zum Apostolischen Palast, dem Amtssitz des Papstes, besitzt mehr als nur ein Geheimnis. Bei rund einem Fünftel aller Bankverbindungen gab es in den letzten fünf Jahren keinerlei Kontobewegungen. Die Kontoinhaber sind unbekannt. Insgesamt lagen auf diesen 4494 nachrichtenlosen Konti Ende November 2011 über 30 Millionen Euro.

Besuch von Geldwäscherei-Inspektoren

In den 1980er-Jahren stand die Vatikanbank nach dem Bankrott der Banco Ambrosiano am Rande des Ruins. Einer ihrer Retter war der Freiburger Bankier Philippe de Weck, der zuvor von 1976 bis 1988 als Verwaltungsrat der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft geamtet hatte. Nun soll mit Brülhart erneut ein Freiburger für Ordnung sorgen.

Papst Benedikt XVI., der heute nun aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt ankündigte, ebnete dafür den Weg. Im Dezember 2010 erliess er ein sogenanntes Motuproprio. Mit dem päpstlichen Akt führte das Kirchenoberhaupt in seinem Zwergstaat Regeln gegen Geldwäscherei und eine entsprechende Meldestelle ein. Im Februar 2011 gelangte sein Staatssekretär, Kardinal Bertone, an den Europarat mit der Bitte, Geldwäscherei-Experten mögen eine Evaluation vornehmen.

Doch die Glasnost-Politik der absoluten Wahlmonarchie startete mit einem Rückschlag. Im November 2011 und März 2012 erhielt sie Besuch der Inspektoren der Expertengruppe des Europarates zur Bekämpfung von Geldwäscherei, Moneyval. Zwar lobten die Experten den Kirchenstaat dafür, dass er einen «langen Weg in kurzer Zeit» hinter sich gebracht habe. Doch die Kritik überwog. Der Heilige Stuhl erfüllte nur 9 der 16 Schlüssel- und Kernempfehlungen, die heute international Standard sind.

Ein Plus von 9,85 Millionen Euro

Eine Kritik betrifft die Meldestelle für Geldwäscherei. Sie habe zu wenig Kompetenzen und dürfe teilweise keine Sanktionen erlassen. Sorgen bereiten Moneyval die nur «beschränkt erhältlichen» Informationen über Non-Profit-Organisationen aus dem Vatikan sowie die «hohen Volumen von Bargeldtransaktionen».

Wie ernsthaft Papst Benedikt seine Reformen vorantreiben wollte, war bis zuletzt nicht klar. Schliesslich rettet die Dividende der Vatikanbank den Heiligen Stuhl vor roten Zahlen. 2010 flossen von der benachbarten Bank rund 55 Millionen Euro in den Papst-Palast, mehr als ein Fünftel der Staatseinnahmen.

Eine andere wichtige Einnahmequelle ist der Peterspfennig - eine Kollekte, bei der jedes Jahr Ende Juni die Katholiken in der ganzen Welt Geld für den Papst sammeln. 2010 kamen dadurch 67 Millionen Dollar zusammen. Am Ende des Geschäftsjahrs verzeichnete der Vatikan offiziell ein Plus von 9,85 Millionen Euro.

Immobilien und Grundstücke im Wert von 424 Millionen Euro

In den Jahrtausenden seiner Existenz konnte der Heilige Stuhl ein riesiges Vermögen anhäufen. Es ist mannigfaltig investiert. Laut Schätzungen gehören ihm ein Viertel aller Liegenschaften in Rom. Das päpstliche Immobilienimperium umfasse rund 50'000 Liegenschaften. Gemäss Haushaltsbericht 2008 besitzt die katholische Kirche Immobilien und Grundstücke im Wert von 424 Millionen Euro in Frankreich, England und der Schweiz. Sakralbauten wie Kirchen und Klöster sind nicht eingerechnet.

Während die kirchlichen Immobilien in Frankreich und England von jeweils einer Gesellschaft verwaltet werden, besitzt der Vatikan in der Schweiz neun Immobilienfirmen. Eine Sprecherin des Vatikans wollte Fragen zu den hiesigen päpstlichen Grundstücken und Gebäuden nicht beantworten und verwies auf den Verwaltungsratspräsidenten, einen Genfer Anwalt. Gilles Crettol gab sich am Telefon erst unwissend, später nahm er die Fragen schriftlich entgegen, doch beantwortete sie nicht.

Offiziell sind die päpstlichen Renditeobjekte im Eigentum verschiedener Immobiliengesellschaften. Doch wirtschaftlich Berechtigter ist der Vatikan. Geschäftsunterlagen belegen, dass vor allem in Lausanne Menschen wohnen, deren Miete letztlich nach Rom fliesst. Der Vatikan tritt zwar nie in Erscheinung, war aber schon immer im Verwaltungsrat vertreten.

Jahrzehntelang und bis vor kurzem Alleinaktionär

Einer dieser Vatikan-Gesandten in der Schweiz heisst Paolo Mennini. In der Schweiz ist er Verwaltungsrat in zehn Vatikan-Gesellschaften, in Rom Delegierter der Sezione Straordinaria der Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica (APSA). Damit ist Mennini Kadermitglied in jener Abteilung des Kirchenstaats, welche Besitztümer des Vatikans im Wert von 680,7 Millionen Euro verwaltet.

Sein Arbeitsort ist zugleich regelmässiger Sitzungsort für die Zusammentreffen des Verwaltungsrates der Schweizer Aktiengesellschaften, wie aus Protokollen hervorgeht. Diese belegen, dass der Kirchenstaat jahrzehntelang und bis vor kurzem Alleinaktionär war, teilweise via seine Investmentgesellschaft in Luxemburg, das Groupement Financier Luxembourgeois.

Ob das Aktionariat in den letzten fünf Jahren änderte oder nicht, lässt sich aufgrund der Unterlagen nicht mit Sicherheit sagen. Erschwert wird die Transparenz dadurch, dass die Aktien nur auf den Inhaber lauten. Gemäss dem Moneyval-Bericht des Europarats vom Juli 2012 ist der Vatikan jedoch in allen seinen Immobiliengesellschaften Alleinaktionär.

Geld von Benito Mussolini

Wenig Zweifel gibt es dagegen über die Herkunft des Geldes, mit welchem die Immobilien gekauft wurden. Das Geld der APSA stammt hauptsächlich aus den Lateranverträgen vom 11. Februar 1929, abgeschlossen zwischen dem Heiligen Stuhl und Benito Mussolini. Der Faschistenführer vertrat das damalige Königreich Italien. Mit den Lateranverträgen wurde die Römische Frage geklärt. Der Papst anerkannte Rom als Hauptstadt Italiens, umgekehrt anerkannte Mussolini die Souveränität des Vatikans.

Gleichzeitig wurde der Vatikan mit 750 Millionen Lire in bar entschädigt und mit italienischen Staatsanleihen im Wert von 1 Milliarde Lire. Das Geld floss in die Kasse der Amministrazione Speciale della Santa Sede, der Vorgängerorganisation der APSA. Nur wenige Jahre nach Vertragsunterzeichnung machte sich der Vatikan auf grosse Einkaufstour in der Schweiz.

Die ersten Immobiliengesellschaften kaufte er 1933. 1934 und 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, folgten weitere Zukäufe. Die letzten Akquisitionen tätigte der Kirchenstaat während des Kriegs. Doch er gab sich immer bedeckt. Hinweise auf den Vatikan werden in den Unterlagen von jeher vermieden.

«Vor dem 1. April 1961 gab es keinerlei Beschränkungen»

So wird in den Unterlagen mehrmals suggeriert, Grossaktionär der jeweiligen Firmen sei ein «Henry de Maillardoz aus Freiburg» oder ein «Bernardino Nogara aus Mailand». Doch wird verschwiegen, dass die beiden Männer 1929 bis 1967 jeweils Direktor der «Amministrazione Speciale della Santa Sede» waren. Einzig in einem Protokoll aus 2007 wird erwähnt, dass Verwaltungsrat Mennini - heutiger APSA-Delegierter - «den» Aktionär vertritt.

Heute müsste der Heilige Stuhl wegen der Lex Koller für den Kauf von Immobilien um Bewilligungen ersuchen. Doch damals, als die päpstlichen Gesandten in der Schweiz nach Renditeobjekten Ausschau hielten, gab es das Gesetz noch nicht.

«Vor dem 1. April 1961 gab es keinerlei Beschränkungen für den Erwerb durch Ausländer - weder durch natürliche Personen noch durch juristische Personen mit Sitz im Ausland, noch durch juristische Personen mit Sitz in der Schweiz mit ausländischer Beherrschung», sagt Jürg Schumacher vom Eidgenössischen Amt für Grundbuch- und Bodenrecht. Ausländische Gesellschaften konnten die vor 1961 erworbenen Grundstücke bedingungslos und ohne Auflagen behalten.

Aus Gründen der Steueroptimierung

Neben den neun Immobiliengesellschaften in Genf und Lausanne mit mehr als einem Dutzend Liegenschaften besitzt Vatikanstadt mindestens eine Beteiligungsgesellschaft.

Seit 2006 hat die Investmentgesellschaft ihren Sitz in Freiburg. Zuvor war die während des Zweiten Weltkriegs gegründete Firma in Genf. Doch die Financiers des Papstes wollen dem Schweizer Staat nicht unnötig Geld abliefern. Aus Gründen der Steueroptimierung verlegten sie den Sitz nach Freiburg. Nun spart der Vatikan 15 Prozent Steuern.

Firmenzweck ist laut Handelsregister, sich «im Sinne einer Holding» an Gewerbe-, Finanz- und Industrieunternehmen zu beteiligen. Wo der Vatikan von Freiburg aus investiert ist, war jedoch mit einer Ausnahme nicht herauszufinden. Gemäss Firmenunterlagen spiegelte sich die Senkung des Nominalwerts der UBS-Aktie 2006 in den Büchern, weil sich die Aktiven in der Bilanz verkleinerten.

Barreserven in Höhe von 340,6 Millionen Euro

Doch insgesamt läuft das Geschäft gut. 2007 schrieb die Freiburger Vatikan-Filiale einen Gewinn von 288433 Franken. Zusammen mit dem Vorjahresgewinn kumulierte sich der Gewinnvortrag für das Jahr 2008 auf mehr als 3,6 Millionen Franken. Regelmässig fliesst eine Dividende nach Rom.

2008 besass der Heilige Stuhl Barreserven in Höhe von 340,6 Millionen Euro, fast 520 Millionen Euro in Wertpapieren und Aktien sowie eine Tonne Goldbarren im Wert von 19 Millionen Euro. Dies ging aus dem Haushaltsbericht hervor, der damals den Medien zugespielt wurde. Auslöser der unfreiwilligen Transparenz war Bischof Carlo Mario Vigano, Ex-Finanzchef des Vatikans.

Er schaffte es, den Kleinstaat aus den roten Zahlen zu bringen - doch er schuf sich dabei Feinde. Denn er drückte die Ausgaben und kündigte dubiose Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten. Er berichtete von «Korruptionspraktiken», Aufträge seien immer an die gleichen Firmen gegangen, obwohl diese doppelt so teuer waren wie Konkurrenten. Am Ende wurde Vigano nach Washington versetzt - die Probleme blieben in Rom.

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