Der amerikanische Präsident Donald Trump soll versucht haben, das deutsche Biotech-Unternehmen Curevac zu kaufen – damit der Impfstoff, an dem es arbeitet, im Erfolgsfall nur den Amerikanern zu Gute kommt. Und die deutsche Regierung blockiert Lastwagen, die Schutzmaterial in die Schweiz liefern sollen.

Beides ist nicht sehr edel, doch das soll hier nicht das Thema sein. Noch bedenklicher ist nämlich, dass beide Aktionen womöglich nicht einmal im Interesse der jeweiligen Bevölkerungen sind, für die sie angeblich gestartet wurden. 

Denn: Die Engpässe, die es bei einer Pandemie gibt und wie wir sie mit Covid-19 gerade erleben, sind nicht die üblichen. Sie funktionieren nicht nach dem Muster dass derjenige, der die knapp gewordenen Güter hat, fein raus ist. Und dass derjenige, der nicht zum Zuge gekommen ist, halt schauen muss, wo er bleibt.

Die Ressourcen müssen dorthin, wo die Not ist

Die Rationierungssituation, mit der wir hier konfrontiert sind, ist keine klassische. Ihre Logik ist eine andere. In Fall von Covid-19 gibt es nicht nur das humanitäre Gebot, die Kräfte dort zu konzentrieren, wo die Not am grössten ist. Es gibt auch ein übergeordnetes Interesse, die beschränkten medizinischer Ressourcen genau dort ein zu setzen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

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Ein Impfstoff müsste, sollte er denn zur Verfügung stehen, zuerst dort zur Anwendung kommen, wo die Covid-19-Fallzahlen gerade am dramatischsten ansteigen. Das wäre nicht nur im Interesse derer, die betroffen sind; es würde auch helfen, einen folgenden grossen Ausbruch zu vermeiden und so das Risiko für alle zu senken.

«Was nützt es Deutschland, wenn die Schweiz Covid-19 nicht wirksam bekämpfen kann, weil ihr Schutzmasken fehlen?»

Das gleiche gilt für die Schutzmaterial: Was nützt es Deutschland, wenn die Schweiz Covid-19 nicht wirksam bekämpfen kann, weil ihr Schutzmasken fehlen? Jeder, der sich in der Schweiz unnötig infiziert, vergrössert auch das Risiko für Deutschland.

Diese Pandemie verlangt von jedem, dass er für die anderen mitdenkt und im Interesse aller handelt. Das gilt im Kleinen, wenn die Jungen zum Schutz der Älteren auf ein Stück Spass verzichten; oder dass die Senioren auf ihren liebgewonnenen Ausflug verzichten, damit sie sich nicht unnötig anstecken und möglicherweise einen Platz auf der Intensivstation belegen, der sonst für einen Verunfallten zur Verfügung stehen würde. 

Das Virus setzt alle ins gleiche Boot

Das gilt aber auch im Grossen, für Donald Trump oder die deutsche Regierung und ihren Gesundheitsminister Jens Spahn, die den Export von Schutzmaterial bremsten. Auch sie sitzen letztlich im gleichen Boot. Solidarität zu üben, das ist in diesem Fall nicht nur eine Frage der Menschlichkeit; es ist auch ein Gebot der Vernunft.

Peking hat es begriffen. Dieser Tage ist ein chinesischer Flieger mit Schutzmaterial in Rom gelandet. Zudem unterstützten chinesische Ärztinnen und Pfleger italienische Spitäler. Gewiss, da spielt auch mit, dass Hilfsleitungen für andere immer gut dafür sind, sich ins richtige Licht zu rücken. Doch hier geht es mehr als nur um Propaganda. China hat gelernt aus Covid-19. Die Europäer und die Amerikaner haben dagegen in Sachen Pandemie noch eine steile Lernkurve vor sich.

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