Nach aussen gibt Mark Schneider den Manager alter Schule mit perfekt sitzendem dunkelblauem Anzug, weissem Hemd, randloser Brille und strengem Scheitel.

Insgeheim aber ist beim Nestlé-­Chef mehr Silicon Valley drin als bei manch ­einem Peer, der seinen Innovationsgeist mit T-Shirt und Sneakers zelebriert. 

1400 Quadratmeter als «Beschleuniger» für neue Ideen

Im Nestlé-Forschungszentrum in Lausanne lässt Schneider auf 1400 Quadratmetern einen «Beschleuniger» für Forschung und Entwicklung fertigstellen, den R&D Accelerator. Zwei Tennisfelder als Tüftelwiese für das, was künftig auf unseren Teller kommen soll – hoch über dem Genfersee gelegen.

Ziel ist es, den Nahrungsmittelkoloss aus Vevey fit zu machen für eine im Schnellzugstempo näher kommenden Zukunft mit personalisierten Nahrungsmitteln, sich selbst auflösenden Verpackungen, intelligentem Kochen zu Hause und ein pflanzlichen Alternativen zu Fleisch.

Zudem soll die Forschungsanlage mitten im Sattgrünen über Lausanne die Bildung eines Hotspots für Ernährung am Arc Lémanique befeuern, rund um die industrielle und akademische Achse mit Nestlé, der EPFL und der Hotelfachschule Lausanne. Was der Tech-Industrie das Silicon Valley ist, soll bei den Nahrungsmitteln der Genfersee werden  – das neue Food Valley

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Food ist das neue Internet

Kein Zweifel, die Innovation bei Landwirtschaft und Ernährung beschleunigt sich. Food gilt als das neue Internet, die Dinge verändern sich rasend schnell. 2018 wurden weltweit 16,9 Milliarden Dollar in sogenannte Agrifood-Startups gepumpt; die Steigerung lag, wie schon im Vorjahr, bei sagenhaften 43 Prozent.

Der auf Agrifood spezialisierte kalifornische Risikokapitalgeber Agfunder zählte weltweit 1450 Deals für 2018; der Medianwert für Investments in reife Food-Startups lag im zweiten Halbjahr 2018 bei 115 Millionen Dollar gegenüber 44,4 Millionen im Vorjahr. Es herrscht Goldgräberstimmung.

Lange hinkte die Landwirtschaft, ein 7,8-Billiarden-Dollar-Geschäft, das weltweit noch immer 40 Prozent der Menschen beschäftigt, hinterher. Die Innovationsgeschwindigkeit vermochte mit der anderer Industrien nicht mit zu halten, gemäss McKinsey ist die Agroindustrie die am wenigsten digitalisierte Industrie.

Doch nun ist auch das Geschäft mit den Nahrungsmitteln, vom Anbau auf dem Feld bis zur Auslieferung kulinarischer Köstlichkeiten im Restaurant, in der Zukunft angekommen.

USA, China, Indien – die Top drei für Agro- und Food-Startups

Am meisten tut sich in den USA, wo das Research von Agfunder 567 Investments für 2018 zählte oder 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Volumen belief sich auf 7,9 Milliarden Dollar, was einem Plus von 67 Prozent entsprach. 

Wichtiger amerikanischer Hotspot ist Kalifornien. Die Westküste ist mit Beyond Meat, Immpossible Foods und Meatable ein Brennpunkt für pflanzliche Fleischalternativen und kultiviertes Fleisch. Zudem sitzt hier mit Perfect Day (ehemals Muufri) ein Unternehmen, das sich aufgemacht hat, mit synthetisch hergestellter Milch die Milchindustrie zu aufzumischen. 

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Nestlé-CEO Mark Schneider über die Nachhaltigkeits-Initiativen seines Konzerns - Interview auf CNBC mit Jim Cramer, 27. August 2019.

An zweiter Stelle folgte 2018 China, mit einem Volumen von 3,5 Milliarden und 184 Deals. «Während das Total in Dollar nur 5 Prozent höher lag als im Vorjahr, sprang die Zahl der Deals um 500 Prozent in die Höhe», schreiben die Analysten von Agfunder; das zeige, wie gesund das chinesische Agro- und Food-Ökosystem sei und wie schnell es sich entwickle. Platz drei geht an Indien, wo Swiggy, ein indischer Restaurant-Marktplatz 2018 eine satte Milliarde Dollar eincashte. Ein wichtiger weltweiter Brennpunkt für Agro- und Food-Startups bleibt Israel – auch wenn der Standort 2018 einen Rückgang von einem Viertel beim investierten Kapital verzeichnet.

In Europa hat Berlin die Nase vorn, in der Schweiz ist es Zürich

In Europa ist Berlin top. Deutschland mag das Land von Saumagen, Eisbein und des grossen Tierleids in gewaltigen Schweine-Farbiken sein; seine Hauptstadt aber ist weltweites Mekka der Veganer und Vegetarier und auch sonst Treffpunkt für alle, die in der Welt der Ernährung mit neuen Ideen unterwegs sind. Kurz dahinter folgt Zürich, das mit dem ETH-Spinoff Planted (pflanzliches Hühnhen) und dem digitalen Hofladen Farmy, zwei der erfolgreichsten Schweizer Food-Startups hervorgebracht hat.

Doch nun macht sich die Romandie rund um Platzhirsch Nestlé auf, sich im Ranking der weltweiten Hotstpots für Ernährung ihren Platz zu ergattern.

Dem R&D Accelerator von Nestlé kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu. Der Beschleuniger sei «das Herzstück eines einzigartigen Ökosystems mit einer hohen Dichte an Expertise im Bereich Food», schrieb Nestlé bei der Ankündigung des Innovations-Beschleuniger im Frühling. 

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Interne und Externe kämpfen um die «Slots» im Accelerator

Entscheidend dabei: Sowohl externe als auch interne können sich um einen «Slot» im Accelerator bewerben, also um ein Zeitfenster, während der sie in den Räumlichkeiten hoch über Lausanne ihre Ideen vorantreiben und wenn möglich zu Produktreife bringen können. Mit inbegriffen: der Zugang zur Forschungsinfrastruktur von Nestlé, mit Labors, Küchen und Anlagen für die industrielle Skalierung ihrer Innovationen.

Food gilt als das neue Internet – die Dinge verändern sich rasend schnell.

Nestlé-Chef Mark Schneider und sein Forschungschef Stefan Palzer schlagen damit zwei Fliegen auf einen Schlag: Zum einen holen sie sich den Innovationsgeist der Schnellboote ins Haus, die den Supertanker aus Vevey mit gesundem Snacking und klimafreundlichen Milchalternativen abzufangen drohen. Zum andern sorgt der Mix von intern und extern dafür, das auch die Nestlé-Forschung den neuen Wind zu spüren bekommt.

Beim Accelerator geht es vor allem um eines: Tempo

Denn:  Schneider wäre nicht Schneider, wenn es dabei nicht um eines gehen würde: Tempo. Ganze sechs Monate haben die Teams Zeit, um ihr Produkt zu entwickeln und eins zu eins am Konsumenten testen. Klar, dass noch nicht alles bis ins Detail geregelt ist. Doch es reicht, um zu entscheiden, ob ein Food-Projekt weiterverfolgt wird – oder abgebrochen. 

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Für Nestlé kommt das einer Revolution gleich. Der Konzern war in der Vergangenheit dafür bekannt, nur mit ausgefeilten Neuerungen an den Start zu gehen – um den Preis, dass Neuentwicklungen oft zwei, drei Jahre Zeit bean­spruchten. «Das ist ein Paradigmenwechsel, um schneller auf Trends zu reagieren», sagt Accelerator-Chef Thomas Wagner.

Alles dreht sich um die Achse Nestlé-ETH

Dazu kommt – als zweiter Pfeiler des Westschweizer Food Valley – die Vernetzung mit Akademia, allen voran mit der ETH in Lausanne (EPFL). Seit fünf Jahren gibt es hier das Integrative Food and Nutrition Center. Seine Mission: die Verbindung der Industrie mit den 350 Laboren der EPFL, die für Neuentwicklungen im Bereich Ernährung und Landwirtschaft von Bedeutung sein könnten. 

«Wie wir uns heute ernähren, ist nicht nachhaltig», sagt Christian Nils Schwab, Leiter des Zentrums. «Unser Ziel ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, das Food-System auf eine neue Basis zu stellen», sagt er. «Wir müssen das Bestehende verbessern und nach neuen Lösungen suchen», sagt der Zentrumsleiter, der als Mikrobiologe mit langjähriger Industrieerfahrung, unter anderem bei Nestlé, beide Hüte aufhat – den universitären und den von Big Business. 

Dabei hat die EPFL keine eigene Abteilung für Ernährung

Der Monsieur Food vom Lausanner Campus setzt dazu auf  Präzisionslandwirtschaft mit Robotik Dronen, die Optimierung der Wertschöpfungskette und personalisierte Ernährung. Er kann dabei an die Kultur von Spin-Offs anknüpfen, die auf den ehemalige EPFL-Präsident Patrick Aebischer zurückgeht. Beispiel  eines  erfolgreichen Spin-Offs ist Gamaya. Das Startup hat eine Kamera entwickelt, die Lichtstrahlen in spektrale Komponenten zerlegt und Unterschiede in Feldern für den Bauern sichtbar macht, die von Auge nicht erkennbar sind. 

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Sein Handicap  dabei ist, dass die EPFL, anders als der grosse Bruder in Zürich keine eigene Abteilung für Ernährung hat. Die Lausanner Foodies setzen deshalb auf eine Verbindung bestehender Kompetenzen im Bereich Verpackungsmaterialien, der Gewinnung von Materialien aus biologischen Stoffen. «Wir arbeiten mit den Kompetenzen, die wir haben», sagt Christian Nils Schwab

Zudem setzt das Integrative Food and Nutrition Center auf industrielle Partner. Mit dabei sind der Duft- und Aromenhersteller Firmenich, der Getreidemühlenfabrikant Bühler, die Industriebetriebe von Migros (M-Industrie) – und natürlich Nestlé. Zudem ist das Integrative Food and Nutrition Center mit ausländischen Partnern im Gespräch.

Wichtig dabei: Die Mitglieder des Center zahlen einen fixen Beitrag an die Infrastruktur; Klauseln, welche das Zentrum bei der Auswahl weiterer Partner einschränken, gibt es keine. «Das ist wichtig, damit wir unsere Unabhängigkeit wahren können», sagt Christian Nils Schwab

Klar ist: Die Dynamik in Sachen Food in der Romandie nimmt zu. Doch die Region hat noch einen langen Weg vor sich. «Zürich ist noch immer Nummer eins in der Schweiz, wenn es um Food-Tech geht», sagt Arman Anatürk, Co-Gründer und CEO von FoodHack.ch, ein Netzwerk für Nahrungsmittelunternehmer in der Schweiz. Wenn er in der Deutschschweiz eine Veranstaltung organisiere, dann kämen 150 Leute, in der Romandie seien es 100. Doch die Chancen seien intakt, dass man Lausanne in zehn Jahren in einem Atemzug mit Zürich nennen werde. 

Wenn das keine vielversprechenden Aussichten für den Manager mit dem Look alter Schule und dem neuen Spirit an der Spitze von Nestlé sind.

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Diese 6 Foodtrends verändern die Nahrungsmittelindustrie – und bieten Chancen für neue Startups

Beyond Burger
Quelle: Keystone .

Food Trend 1: Alternativen zu Fleisch und Milch

Die Landwirtschaft ist für 25 Prozent der weltweiten Klimaerwärmung verantwortlich; 8 Prozent der Agrarfläche fallen für den Anbau von Futtermitteln für Tiere weg, unter anderem für Rinder und Kühe, die wiederum besonders klimaschädliches Methangas ausstossen. Die Fleischindustrie steht unter Druck, auch weil sich immer mehr Menschen schwer damit tun, dass jährlich siebzig Milliarden Tiere ihr Leben lassen müssen, nur um auf unseren Tellern zu landen. Um kaum einen Trend wird zurzeit so viel Aufhebens gemacht wie um den alternativer Proteinquellen.

Doch die Innovation kommt nicht nur aus Kalifornien, wo Beyond Meat und Impossible Foods neue Massstäbe setzten. In Zürich sorgen die Jungs von Planted mit ihrem pflanzlichen Hühnchen für Furore. Peace of Meat, ein weiterer künftiger Spieler mit Schweizer Beteiligung, ist gerade daran, sich als Anbieter von Fleisch «ohne Schuld» aufzustellen. Neben CEO Dirk von Heinrichshorst aus Sachsen-Anhalt wirkt hier der Genfer David Ochmann, ehemals Migros, als Managing Director.

Doch auch diese beiden Namen aus der Romandie sollte man sich merken: Majbritt Byskov-Bridges und Mine Uran. Die beiden Ladys von Alver vermarkten Proteine aus Algen. Das ist zwar nicht neu, doch sie haben einen Trick gefunden, um die Bitterkeit zu eliminieren. Und hier ist die Preisfrage zu den alternativen Proteinquellen: Was läuft bei Milchschokoladen- und Babymilch-Hersteller Nestlé in Sachen künstlicher Milch?

MODEL RELEASED. Scientist viewing results of a genetic test on a digital tablet.
Quelle: Getty Images/Science Photo Libra

Food Trend 2: Personalisierte Ernährung

Der Mensch ist, was er isst, heisst es. Aber auch das gilt: Der Mensch soll essen, was er ist. Bei der personalisierten Ernährung geht es um Nahrungsmittel oder -zusätze, die auf den einzelnen Organismus und dessen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Vorbild ist die personalisierte Medizin, die aufgrund der biologischen Ausstattung eines Patienten, zum Beispiel der genetischen Disposition, massgeschneiderte Therapien für den Einzelnen anbietet.

Personalisierte Ernährung ist Big Business. Schätzungen gehen von einem Marktvolumen von 11,5 Milliarden Dollar für 2025 aus. Mixfit mit Gründer Reza Zanjani aus Boston, Massachusetts, verkauft ein System, um auf die Bedürfnisse des jeweiligen Körpers zugeschnittene Getränke herzustellen. Das Ganze ist nicht ganz billig, das Starterkit mit Maschine und einer Monatsration kommt auf 458 Dollar, danach werden monatlich 59 Dollar fällig. Seit 2018 gehört das Unternehmen zu 50 Prozent der niederländischen DSM, die von Kaiseraugst aus ein Geschäft für Nahrungsergänzungsmittel betreibt. Zudem hat Mixfit eine Partnerschaft mit dem Westschweizer Aromenhersteller Givaudan.

Auch Nestlé ist am Thema personalisierte Ernährung intensiv dran. Seit 2018 experimentiert der Konzern in Japan mit künstlicher Intelligenz und Gentests. Dabei erhalten die Kunden der seit 2015 existierenden Online-Plattform Nestlé Wellness Ambassadors aufgrund von Blut- und DNS-Tests individuelle Ernährungstipps.

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Young woman buying vegetables at farmer's market stall.
Quelle: Getty Images

Food Trend 3: Lokal geht vor global

Going local, also der Trend hin zu Nahrungsmitteln aus der Nähe, ist wohl derjenige, der den Nahrungsmittelkonzernen am stärksten in die Quere kommt. Jahrzehntelang war Grösse an sich schon ein Vorteil, nun sind es die Nestlés dieser Welt, die die zusätzliche Meile gehen müssen, um mit ihren Produkten bei den Konsumenten zu landen.

Top ist Farmy. Die Zürcher mit Co-Gründer Roman Hartmann machten 2018 fast 7 Millionen Franken Umsatz, davon mehr als zwei Drittel mit Bioprodukten. Farmy ist vor allem im Grossraum Zürich und neu rund um Lausanne präsent.

In der Westschweiz surfen eine ganze Reihe von Startups auf der Welle der «proximité». Das Waadtländer Startup La petite Épicerie bringt mit einer App Konsumenten und Produzenten zusammen, die Produkte können rund um die Uhr sieben Tage in der Woche in einer Lagerhalle im waadtländischen Bavois abgeholt werden. Noch einen Schritt näher zum Konsumenten geht Caulys. Das Startup aus Renens bringt die Landwirtschaft nach Hause und bietet Mini-Gewächshäuser an, damit der Städter sein Basilikum, seinen Salat und seine Erdbeeren daheim in der guten Stube oder im Office selbst ziehen kann. Die Vorteile liegen auf der Hand: kein Transport, keine Pestizide, kein Abfall, keine Verpackung. Steckdose genügt. Als Partnerin figuriert unter anderem die EPFL; Co-Gründer Grégoire Gentile war Tutor an der EPFL, sein Compagnon Tom Lachkar macht dort gerade seinen Master.

Plastik
Quelle: Getty Images/EyeEm

Food Trend 4: Weg vom Plastik

Wussten Sie, dass Sie jede Woche eine Kreditkarte essen? Nicht in dieser Form natürlich, sondern als Mikroplastik in der Nahrung. Die Verschmutzung vor allem der Ozeane mit Plastikmüll hat gigantische Ausmasse angenommen; schätzungsweise 86 Millionen Tonnen schwimmen bereits in den Weltmeeren herum, jede Minute kommt Plastik im Umfang einer Ladung eines Müllfahrzeugs dazu.

Doch die Suche nach Alternativen zu Plastik ist gerade bei Food gar nicht so einfach, vor allem dann, wenn es um Verpackungsmaterialien geht, die direkt mit den Nahrungsmitteln in Berührung kommen. Hier ist Plastik fast unschlagbar: Das Material interagiert nicht mit den Lebensmitteln, es reagiert nicht auf Feuchtigkeit, es hat eine konservierende Wirkung und es wirkt als Barriere gegen Gerüche.

Trotzdem, die Suche nach Alternativen läuft auf Hochtouren. Nestlé wird in den nächsten Wochen in Lausanne ein Verpackungsinstitut in Betrieb nehmen. Doch auch bei den Startups tut sich einiges. Origin Materials hat eine Plastikflasche entwickelt, die zu 80 Prozent aus erneuerbaren Materialien besteht. Die Hälfte des Kapitals kam von Nestlé Waters und Danone. Vieles kommt, wie schon beim Kampf gegen die Verschwendung, aus dem hohen Norden. Die schwedische Xylophane AB entwickelt biologisch abbaubare Verpackungen für besonders sensible Lebensmittel, die finnische Sulapac vertreibt Verpackungen aus Holz, die sich wie solche aus Plastik modellieren lassen.

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A heap of windfall apples. Food Waste
Quelle: Getty Images

Food Trend 5: Verschwendung vermeiden

Fast ein Drittel der Nahrungsmittel landet im Abfallkübel, irgendwann auf dem Weg vom Bauern in unsere Haushalte. Allein in der Schweiz werden jährlich 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Hauptverantwortliche des alltäglichen Unsinns sind die privaten Haushalte, doch auch in den Läden und in der Gastronomie bleiben gigantische Mengen an noch geniessbaren Lebensmitteln auf der Strecke.

Viel tut sich dagegen im hohen Norden. Das dänische Startup Too Good To Go verbindet Restaurants und Shops, die Nahrungsmittel übrig haben, in ganz Europa, auch in der Schweiz. Das schwedische Startup Whywaste unterstützt den Handel, darunter die schwedische Coop, mit einer Software dabei, Verschwendung zu vermeiden.

Auch diese beiden jungen Frauen aus der Westschweiz kämpfen gegen die Verschwendung: Anastasia Hofmann und Naomie MacKenzie, Absolventinnen der Lausanner Hotelfachschule und Gründerinnen von Kitro. Ihr Rezept: Eine Kombination von Hard- und Software. Die beiden haben eine Waage entwickelt, die es möglich macht, die Quellen der Verschwendung zu eruieren, also: Kommt die Verschwendung vom Teller des Gastes, aus der Küche oder dem Lager? Auch diesen Namen sollte man sich merken: Uglyfruits. Das Neuenburger Startup vertreibt, direkt vom Produzenten und innerhalb von 48 Stunden, in der ganzen Schweiz Biogemüse und -früchte, die zu gross, zu klein oder unförmig sind und die sich deshalb nicht regulär verkaufen lassen.

Circle-pivot irrigation system irrigating a corn field (Zea maize)
Quelle: Getty Images

Trend 6: Intelligente Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist ein Klimakiller, doch ohne sie geht es nicht. Die Klimabelastung wird allein schon deshalb zunehmen, weil bis in dreissig Jahren mehr als neun Milliarden Menschen auf dieser Welt leben werden. Also braucht es eine Landwirtschaft, die möglichst schonungsvoll mit den Ressourcen umgeht.

Auch hier gibt es einen Westschweizer Hotspot. Zu den Schwerpunkten des Integrative Food and Nutrition Center der EPFL gehören Roboter und Drohnen. Das EPFL-Spin-off Gamaya hat 3,2 Millionen Franken für die Entwicklung einer Drohne aufgenommen, die dem Bauern ein präzises Bild vom Zustand seiner Felder ermöglicht. Die hyperspektrale Kamera ermöglicht es, Krankheiten und Unkraut frühzeitig zu erkennen, damit diese gezielt und mit minimalem Aufwand bekämpft werden können. Der Kniff: Lichtstrahlen werden in spektrale Komponenten zerlegt, womit Unterschiede zwischen den Feldern ersichtlich werden, die sich von Auge nicht erkennen lassen. Ecorobotix aus Yverdon-les-Bains hat eine selbstfahrende, zu 100 Prozent mit Solarenergie betriebene Unkraut-Jät-Maschine entwickelt. Der Effekt: 90 Prozent weniger Pestizide. Das Startup hat 2018 10 Millionen Franken aufgenommen.

Das Rapperswiler Startup Agricircle verlinkt Bauern und die Daten ihrer Höfe mit denen anderer Höfe. Ziel ist es, die Entscheidungsfindung auf den Höfen zu verbessern und damit auf lange Sicht das Management von Bauernhöfen mit Big Data zu revolutionieren.

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