BILANZ: Früher wurden Sie kritisiert, weil Sie nicht gespendet haben. Nun geben Sie 30 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke weg. Sind Sie krank?
Warren Buffett: Ich fühle mich bestens. Letzten Oktober liess ich einen Check-up machen, mein Arzt attestierte mir, ich sei in bester Verfassung.
Dann hat Ihre neue Grosszügigkeit mit dem Tod Ihrer Frau Susie zu tun?
Ja, Susie war zwei Jahre jünger als ich. Wir beide glaubten, dass sie dereinst mein Aktienpaket an der Investmentholding Berkshire Hathaway erben und die Verteilung unseres Vermögens an die Gesellschaft durchziehen würde.
Sie meinen: Sie wollten Ihr Vermögen schon immer vermachen?
Ja, Susie sagte das oft. Philanthropie war auch mir immer sehr wichtig, aber ich dachte mir, das kann auch noch in 10 oder 20 Jahren sein. Die Idee war, das Geld einmal in grossem Stil weiterzugeben, statt jährlich kleinere Summen zu spenden.
Diese Idee vom späten Geschenk hat Ihnen mehr entsprochen?
Zweifellos. Ich übernahm die Kontrolle bei Berkshire Hathaway in den siebziger Jahren, mit 15 Millionen Dollar. Ich hatte wenig Geld – weniger als eine Million Dollar – ausserhalb von Berkshire. Mein Salär betrug 50 000 Dollar. Wenn ich mich da als grosser Philanthrop hätte gebärden wollen, hätte ich mich von Berkshire-Aktien trennen müssen. Das aber wollte ich nicht.
Immerhin haben Sie in den sechziger Jahren die Buffett Foundation lanciert.
Als wir 1952 heirateten, sagte ich zu
Susie, ich würde eines Tages reich sein. Nicht weil ich besonders begabt war oder schon gar nicht wegen harter Arbeit, sondern weil ich einfach mit dem richtigen Können zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Susie war nicht sehr begeistert über meine Absichten. Als wir immer reicher wurden, war für uns klar, dass wir das
Vermögen einmal der Gesellschaft zurückgeben würden. Weder Susie noch ich wollten alles unseren Kindern vererben. Klar, wir lieben sie. Nur: Sie hatten von Haus aus riesige Chancen, gute Ausbildungen, vieles stand ihnen offen – da macht es keinen Sinn, sie auch noch mit Geld einzudecken.
Mitte Juni gab Bill Gates bekannt, er werde sich künftig primär um seine Stiftung kümmen. Gleichzeitig spendeten Sie der Stiftung Milliarden. Kein Zufall?
Doch. Ich hätte meinen Plan aber auch wahr gemacht, wenn er voll bei Microsoft geblieben wäre. Gleichzeitig bin ich glücklich, dass er nun mehr Zeit seiner Stiftung widmet. Melinda und Bill werden wohl froh sein, dass sie künftig über noch mehr Ressourcen verfügen werden.
Ist es nicht etwas ironisch, dass
der zweitreichste Mann der Welt dem reichsten Milliarden übergibt?
Ja, so betrachtet tönt das tatsächlich lustig. Die Wahrheit ist aber, dass ich das Geld nicht ihm gebe, sondern über ihn und Melinda weiterverteile.
Es heisst, die Gates Foundation sei bürokratisch. Gleichzeitig hassen Sie nichts mehr als Bürokratie. Kann das gut gehen?
Die meisten grossen Organisationen – Berkshire einmal ausgenommen – sind bis zu einem gewissen Grad bürokratisch. Wenn nun gewisse Leute den Vorwurf
erheben, die Gates Foundation sei bürokratisch, dann meinen sie vielleicht, dass die grossen Entscheide nur von Bill und Melinda gefällt werden. Das passt mir. Ich will, dass sie die Nägel einschlagen.
Sie werden jetzt in den Stiftungsrat der Gates Foundation einziehen. Weshalb?
Für den Fall, dass die beiden im Flugzeug abstürzen. Weiter hoffe ich auf konstruktive Diskussionen. Ich weiss, dass ich nicht den gleichen Drive als Philanthrop habe wie Bill und Melinda. Bis man in der Philanthropie konkrete Ergebnisse erzielt, dauert es sehr lange – das würde mich stören. Und ich müsste mich mit zu vielen Leuten rumschlagen, mit denen ich mich nicht rumschlagen will. Und dann gibt es noch eine andere Sache: In der Philanthropie macht man immer wieder grosse Fehler. Ich würde mich mehr aufregen, wenn mir die Fehler selber unterliefen, als wenn sie jemand anders macht.
Was bedeutet Ihr Entscheid für Berkshire Hathaway?
Wenig. Mein Ziel ist es weiter, Berkshire erfolgreich zu betreiben. Nur der
Besitzername auf dem Aktienzertifikat wird sich ändern. Da ich meinen Aktionären stets klar machte, dass meine Firmenanteile einmal in die Philanthropie gehen, ist es für sie ein Null-Ereignis. Auch für mich persönlich. Ted Turner, dessen philanthropische Aktivitäten ich ausserordentlich bewundere, hat mir mal verraten, seine Hände hätten gezittert, als er eine Spende über eine Milliarde Dollar unterschrieb. Nun, ich persönlich spüre nichts dergleichen, weil das Ganze für mich keine emotionale Seite hat.
Ihre Kinder gehen nun leer aus?
Nein. Ich habe immer gesagt, dass meine Familie nicht riesige Summen aus meinem Nettovermögen kriegt. Meine Kinder haben bereits früher Geld von mir und Susie erhalten, und es wird weiteres dazukommen. Ich habe seit 20 Jahren meine eigene Philosophie: Ein Vermögender soll seinen Kindern so viel geben, dass sie alles tun können, aber nicht genug, dass sie nichts mehr tun müssen.

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