Um ganze 5 Prozent sind gestern die Technologietitel gemessen am Nasdaq-Index abgesackt. Seit 22 Jahren hat die US-Notenbank nie mehr in einem Schritt so stark ihren Leitzins angehoben wie am Mittwoch – um einen halben Prozentpunkt. Das eine hat natürlich mit dem anderen zu tun. Die Aussicht auf eine deutlich restriktivere Geldpolitik ist der wichtigste Grund für den Einbruch der Börse.

Und dennoch wirft der Börseneinbruch gestern Fragen auf. Immerhin haben die Börsen unmittelbar auf den Zinsentscheid des Fed fast schon euphorisch reagiert. Der erwähnte Nasdaq hat um 3,2 Prozent zugelegt, die breite US-Börse gemessen am S&P 500 Index um 3 Prozent. Am Donnerstag dann schloss der gleiche S&P 500 mit einem Minus von 3,5 Prozent.

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Weniger begeistert als in den USA haben Börsen in Europa bereits unmittelbar auf den Zinsentscheid des Fed reagiert, die meisten beendeten den Tag leicht im Minus. Der Schweizer Leitindex SMI blieb praktisch unverändert. Zu Handelsbeginn am Freitag blieben aber auch die Verluste mit einem Minus von 0,26 bescheiden. 

Ausdruck für eine massive Unsicherheit

Wie aber ist der deutliche Stimmungsumschwung in nur einem Tag in den USA zu erklären? Darüber begannen Analystinnen und Analysten gleich nach Börsenschluss am Donnerstag zu rätseln. Die Antworten zeugen von der Unsicherheit in Bezug auf die Entwicklung der Realwirtschaft, das weitere Vorgehen der US-Notenbank Fed und den Verlauf der Teuerung in den USA.

Zum einen besteht die Angst, die scharfe Kurskorrektur beim Fed werde in den USA eine Rezession auslösen, während die umgekehrte Sorge darin besteht, dass das Fed zu wenig aggressiv gegen die Teuerung vorgeht und später noch viel härter auf die geldpolitische Bremse treten muss. Dazu kommen die geopolitischen Spannungen vor allem wegen des Kriegs in der Ukraine, die dadurch steigenden Energie- und Rohwarenpreise und die Lockdowns in China. 

Die dominierende Erklärung für die positive Reaktion unmittelbar nach dem Zinsentscheid des Fed war die Erleichterung der Händlerinnen und Händler, dass der Zinsanstieg nicht noch stärker ausfiel. Angesichts der hohen Inflation von zuletzt 8,5 Prozent kam die Sorge auf, das Fed werde die Zinsen sogar um 0,75 Prozent erhöhen. Fed-Chef Jerome Powell hat das am Mittwoch sogar für die nahe Zukunft so gut wie ausgeschlossen. 

Eine neue Sicht auf den Fed-Entscheid

Dann aber – so die verbreitete Einschätzung – hat man an den Märkten realisiert, wie scharf die Kehrtwende beim Fed auch so schon ist. Auch für die nächsten Zinsrunden des Fed werden Anstiege um 0,5 Prozent erwartet. Bis zum Februar 2023 wird der Leitzins jetzt bereits bei rund 3 Prozent erwartet, wie sich aus Marktdaten lesen lässt. Zum Zinsanstieg hinzu kommt noch die Absicht des Fed, die Bilanz rasch zu reduzieren, um auch auf diesem Weg den Märkten Liquidität zu entziehen. 

Gespiegelt wird das Bild auch künftig deutlich steigender Zinsen an den Anleihenmärkten. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen stieg wieder auf über 3 Prozent auf einen Stand wie seit 2018 nicht mehr. Höhere Renditen bedeuten umgekehrt tiefere Anleihenkurse.

Erneut getrieben durch Tech-Titel

Dass die Ausschläge in den USA deutlich stärker ausfallen als in Europa, liegt vor allem an der grossen Bedeutung der Technologietitel – was sich am 5-Prozent-Einbruch des Tech-Index Nasdaq um 5 Prozent in der Nacht auf heute zeigt. Die bisherigen Superstar-Firmen wie Tesla (–8,3 Prozent), Amazon (–7,6 Prozent), Meta/Facebook (–6,8 Prozent), Netflix (–7,7 Prozent) oder Apple (–5,6 Prozent) brachen sogar besonders stark ein. 

Es war dieser Index und es waren diese Titel, die in den letzten Jahren die US-Börse generell und den Nasdaq im Besonderen nach oben katapultiert haben. Der Grund war vor allem die Erwartung deutlich steigender Einnahmen in Zukunft, weshalb deren Aktien als Wachstumstitel bezeichnet werden. Bei steigenden Zinsen sinkt nun aber zum einen der Gegenwartswert von künftigen Gewinnen und zum anderen sinken die Erwartungen angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Eintrübungen und der hohen Preise. 

Was sind die Alternativen?

Mit dem sich abzeichnenden Ende der extrem expansiven Geldpolitik und der Tiefstzinsen werden Anlegerinnen und Anleger wieder gezwungen, genauer hinzuschauen, in was sie ihr Geld investieren wollen, weil die Damen und Herren des Geldes nicht mehr die Börsen insgesamt stützen können. Die Entwicklung spricht vor allem für Aktien von Unternehmen, die einen stabilen Cashflow generieren, deren Geschäft nicht in erster Linie von weit in Zukunft liegenden Gewinnerwartungen abhängt und die relativ konjunkturresistent sind. 

Diese Kriterien erfüllen vor allem Firmen an der Schweizer Börse wie der Nahrungsmittelmulti Nestlé oder die Pharmafirmen Novartis und Roche. Die drei dominieren den Schweizer Leitindex SMI. Dieser hat zwar seit Jahresbeginn ebenfalls 8,3 Prozent an Wert verloren. Doch das ist deutlich weniger, als die anderen grossen Weltbörsen eingebrochen sind. Der Nasdaq zum Beispiel hat in der gleichen Zeit mehr als 20 Prozent seines Wertes verloren.