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Briefkastenfirmen
Wegen Schweizer Investoren droht Costa Rica eine Gaskrise

Markt in San José, Costa Rica
Markt in San José, Costa Rica: den 4.7 Millionen Einwohnern könnte eine Gaskrise drohen.Quelle: Keystone

Ein mexikanischer Rosenkrieg und zwei Briefkastenfirmen aus dem Wallis sorgen in Costa Rica für Angst vor Energieknappheit.

Von Marco Brunner
am 10.08.2018

Liebe, Betrug und Geld. Die drei Hauptzutaten für eine Telenovela sind auch Teil dieser Geschichte. Neben einem milliardenschweren Gasbaron aus Mexiko, seiner Geliebten und der rachsüchtigen Ex-Frau, übernehmen ausserdem zwei diskrete Schweizer Firmen prominente Rollen: Cervin Investissements AG und Rhône Investissements AG

Es geht hier aber nicht etwa um ein Drehbuch für eine lateinamerikanische Seifenoper, sondern um harte Fakten und Tatsachen in einer globalisierten Welt. Eingeschrieben im Handelsregister des Kantons Wallis und verwaltet von einem Genfer Treuhänder, sind Cervin und Rhône massgeblich dafür verantwortlich, dass sich die gut fünf Millionen Einwohner Costa Ricas vor Gasknappheit fürchten müssen. Es droht eine Situation wie vor drei Jahren, als zehntausende Haushalte während fast drei Wochen ihre Gasflaschen nicht mehr füllen konnten.

70 Prozent Marktanteil in Costa Rica

Vor rund einem Monat haben die beiden Schweizer Firmen im zentralamerikanischen Land vor versammelter Presse angekündigt, dass sie als Alleinaktionäre die operationelle Kontrolle über den Gaszulieferer Gas Nacional Zeta zurückfordern. 2015 hatte das Unternehmen immerhin einen geschätzten Marktanteil von über 70 Prozent in Costa Rica. Hintergrund der PR-Offensive ist aber nicht etwa ein Übernahmepoker zwischen zwei Branchenleadern, sondern ein unerbittlicher Scheidungskrieg in Texas

Zwischen dem Mexikaner  Miguel Zaragoza und seiner Ex-Frau läuft seit 2014 ein Verfahren. Nachdem der achtzigjährige Milliardär seine Gattin für eine dreissig Jahre jüngere Hausangestellte verliess, hatte seine Verflossene genug. Das Ex-Ehepaar streitet sich seither um Tafelsilber, Häuser und Firmenbeteiligungen. Unter anderem auch um jene an Gas Nacional Zeta in Costa Rica. Der texanische Richter hatte in einem ersten Entscheid die Hälfte des Vermögens von Miguel Zaragoza der Ex-Frau zugesprochen. Und er ordnete Schutzmassnahmen an.

Zehn Firmen in Luzern, Sion und Genf

Der Schweizer Anwalt der Ex-Gattin verlangte daraufhin bei der Genfer Justiz die Geschäfte von zehn Firmen des  Gasbarons einzufrieren und zwölf Konten bei Credit Suisse, UBS und BNP Paribas zu blockieren. Das Firmengeflecht von Zaragoza ist eindrücklich und erstreckt sich von Luzern über Sion bis Genf. Laut einer Recherche des Westschweizer Radios RTS verwaltet ein Trio von Schweizer Treuhändern das Briefkastenimperium, zu dem auch Cervin Investissements AG und Rhône Investissements AG gehören. Ausserdem taucht die Geliebte von Zaragoza im Handelsregister bei mehreren Unternehmen auf.

Die Genfer Richter haben dem Ersuchen der Ex-Frau Ende 2015 stattgegeben. Doch inzwischen wurde dieser Entscheid wieder aufgehoben. Laut RTS ist nun im Kanton Wallis ein ähnliches Gesuch bei einem Gericht hängig. Bei Cervin und Rhône wollte sich auf Anfrage der «Handelszeitung» zum Fall niemand äussern.

Die Verantwortlichen bei Gas Nacional Zeta kritisieren die Schweizer Beteiligungen: «Cervin und Rhône sind eine List, um Vermögensteile von Miguel Zaragoza zu verstecken», sagt der Anwalt des Unternehmens gegenüber RTS.  Der Vertreter der beiden Walliser Unternehmen in Costa Rica beteuert hingegen, dass «aktuell keine Verbindung» zwischen dem mexikanischen Gasmagnaten und Cervin und Rhône bestünde. Und dies trotz den Einträgen im Schweizer Handelsregister, die auf das Gegenteil hinweisen.

Gas Nacional Zeta verurteilt das Vorgehen der Schweizer, die in seinen Augen richterliche Anordnungen ignorierten: «Die Schweizer Verwaltungsräte - die nie einen Fuss nach Costa Rica gesetzt haben - wissen von den Schutzmassnahmen, wirken aber trotzdem weiterhin in den Unternehmen.» Der Rechtsvertreter von Miguel Zaragoza argumentiert gegenüber RTS wiederum, dass das erste Urteil des amerikanischen Richters, das die 50-50 Teilung des Vermögens angeordnet hatte, in zweiter Instanz gekippt wurde. So seien also auch die Schutzmassnahmen hinfällig. 

Zehntausende Haushalte ohne Gas 

Unterdessen droht in Costa Rica eine Gaskrise. An der Pressekonferenz im Juli haben die Vertreter der beiden Schweizer Firmen auf eine ähnliche Situation im 2015 hingewiesen. Damals kam es bei Gas Nacional Zeta zum Putsch. Unterstützt von Polizeikräften jagte eine Gruppe Männer im Dienste von Miguel Zaragoza, die aktuelle Geschäftsleitung von Gas Nacional Zeta aus den Büros. Bevor die Justiz des zentralamerikanischen Landes intervenierte.

Die neue Leitung war dem mexikanischen Milliardär zwar treu ergeben, aber nicht im Stande, die Geschäfte des Gaslieferanten zu führen. So kam es zu einer ersten Gaskrise. Während siebzehn Tagen konnten zehntausende Haushalte ihre Gasflaschen nicht füllen. Eine Lösung gab es erst als die vorherige Direktion wieder eingesetzt wurde. Dort steht nun ein treuer Schwiegersohn der Ex-Frau von Zaragoza dem Unternehmen vor. Gut möglich, dass die Situation erneut eskaliert und der Mexikaner die Kontrolle wieder mit Faustrecht an sich reissen will.

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Viel Juristenfutter für die Welt

Der Fall ist viel Juristenfutter und beschäftigt Kanzleien und Richter rund um den Globus. Laut RTS hat im März 2017 ein Schiedsgericht der Weltbank eine Forderung von Cervin (französisch für «Matterhorn») und Rhône über 75 Millionen US-Dollar abgewiesen. Die Schweizer massten sich an, als Geschädigte des Staates Costa Rica aufzutreten und verwiesen auf ein Investitionsschutzabkommen zwischen den Regierungen in Bern und San José.

Nach vierjährigem Prozess verurteilte das Schiedsgericht die beiden Walliser Unternehmen zur Zahlung einer Million US-Dollar Prozesskosten an Costa Rica. Gemäss RTS warten die Zentralamerikaner bis heute auf die Begleichung. Trotz mehreren Zahlungserinnerungen, die in die zwei Briefkästen im Schweizer Bergkanton flatterten.