Engel aus Bienenwachs, Silberschmuck vom langhaarigen Goa-Typen, Magenbrot im rosa Sack und Glühwein im Mehrwegbecher. Es weihnachtet und die Heilsarmee trompetet ihr Halleluja.

Mittendrin im ganzen Trubel fällt ein Markthäuschen besonders auf. Hell ausgeleuchtet, farbig und im eigenen Corporate-Design. Es ist der Stand von Edith Dreher. Die 60-Jährige hat vor drei Jahren Dreher’s Fine Food gegründet und produziert hochwertige Produkte aus Ingwer und anderen Zutaten. Die Produkte vertreibt die Schaffhauserin übers Internet und in Delikatessengeschäften. So auch in der Jelmoli-Gourmet-Factory.

Der Markt als Marketing-Instrument

Neben den klassischen Absatzkanälen hat Edith Dreher auch Weihnachts- und andere Märkte entdeckt. Dort ist sie nahe bei den Kunden, deren Wünschen und macht Markt-Forschung. Doch die innovative Unternehmerin hat eines schnell gelernt: «Weihnachtsmärkte sind der absolute Knochenjob» und ergänzt: «Ich bin abends nudelfertig und oft ohne Stimme». Doch sie wollte auf Märkte, zu den Kunden, um ihre Produkte in der Region Schaffhausen, Frauenfeld und Winterthur bekannt zu machen.

14 Stunden Tage keine Seltenheit

In diesen Tagen öffnen in der ganzen Schweiz die Tore zu den Advents- und Weihnachtsmärkten. Ein kurzer Blick in die Ausschreibungen zeigt die vorgeschriebenen Präsenzzeiten. In Einsiedeln auf dem Klosterplatz bewegen sich die Öffnungszeiten zwischen 8,5 und 10 Stunden. Hinzu kommt die Zeit für Aufbau und Abbau. Angestellte hat kaum ein Marktfahrer, denn «die meisten sind Familienbetriebe. Nur so sind die langen Präsenzzeiten mit dem Gesetz zu vereinbaren», beschreibt die Unternehmerin die Situation der meisten Standbetreiber.

Am Weihnachtsmarkt im Zürcher Hauptbahnhof muss ein Standbetreiber täglich von 11 bis 21 Uhr präsent sein. Und das vom 21. November bis an Heiligabend. Dazu kommen je nach Markt zum Teil saftige Standgebühren. Im Hauptbahnhof Zürich sind das mindestens 7000 Franken oder 15 Prozent vom Umsatz. Die Einsiedler nehmen pro Non-Food Stand 1500 Franken. Für Dreher kommen aus Zeitgründen zeitlich lange Märkte wie jener im Hauptbahnhof oder in Einsiedeln nicht in Frage.

Konkurrenz ist gross

«Die Warenkette muss top organisiert sein. Vor allem der Nachschub. Der Stand muss optisch höchsten Ansprüchen genügen» beschreibt Edith Dreher ihre Erfahrungen. Im Gegensatz zu vielen Marktfahrern spricht sie offen. Die Sichtbarkeit – oder wie es in der Fachsprache heisst die Visibility – sind wichtige Eckpfeiler für den Erfolg. «Nicht jeder Marktfahrer hat das begriffen – ich bin mit Premiumprodukten vielleicht auch eine Ausnahme.»

Konkurrenz und Ablenkung der Besucher sind sehr gross. Es muss den Kunden packen, fasst Edith Derher zusammen. «Der Kunde muss den Aha-Effekt haben, damit er stehen bleibt und probiert. Dafür muss man sich optisch abheben.»

Hartes Brot

Über Umsätze, Margen und den Geschäftsgang herrscht in Marktfahrer- und Schaustellerkreisen Schweigen. Für viele ist das Business hart und der einzige Rettungsanker. Oft steckt das ganze Vermögen in der Auslage und zwei, drei Konkurrenten bieten die gleiche Ware feil.

Die Fine-Food-Unternehmerin hat in diesem Punkt Glück. Sie ist einzigartig mit ihrem Nischenprodukt und sagt: «Ich muss nicht zwingend von den Märkten leben. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für einige Marktfahrer ein harter Beruf ist.» Dreher ist mit ihren Ingwerprodukten schon mehrfach ausgezeichnet worden, auch international. Und dennoch: «Alleine von den Märkten könnte ich nicht leben», sagt die Unternehmerin.

Nachfrage nach Standplätzen ist gross

Vielen Neueinsteiger dürften Umstände und Risiko des Marktfahrerdaseins bekannt sein. Doch jedes Jahr sind neue Anbieter auf den Märkten und wollen einen Platz bekommen. Der Weihnachtsmarkt im Zürcher Hauptbahnhof könnte doppelt so gross sein. Auf 150 Plätze kommen 380 Interessenten. Der Standort garantiert hohe Besucher-Ströme.

Die Einsiedler Markveranstalter haben 137 Stände zu vergeben und könnten den Markt ebenfalls locker verdoppeln. «Alle arbeiten auf die Monate November und Dezember hin und hoffen auf gute Geschäfte». Der Druck sei enorm, erzählt Dreher und verkauft einen Likör in Designerverpackung.

Die Zeit an den Märken sei hart und lang – doch Edith Dreher weiss auch um die Vorteile der Kundennähe, des Imagewerts und des Direktverkaufes. Aus einer Idee für den Verkauf der eigenen Fine-Food-Produkte hat sich eine Leidenschaft entwickelt – trotz der Nebenwirkungen.

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