Es dauerte keine zwei Wochen: Dann war das Paket geschnürt, mit dem das Corona-bedingte Liquiditätsproblem der Unternehmen gelöst werden sollte. Zwei Wochen Durcharbeiten, zwei Wochen, wie Martin Godel vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sie noch nie erlebt hat. Zwei Wochen Ausnahmezustand, in denen er sein Team anwies, alles andere liegen zu lassen. Denn es musste schnell gehen, sollte der epidemiologischen Welle keine Pleitewelle folgen. Das Resultat ist eine von allen Seiten hochgelobte Koproduktion von Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

Das Finanzdepartement entwarf die ­nötigen Verordnungen, öffnete den Tresor und mobilisierte die Banken, die Finanz­institute präsentierten sich als Schalterhalle der Nation und händigten den ­Corona-gebeutelten Firmen die dringend benötigten Gelder aus.

Die einen top, die anderen flop

Die Banken haben ihre Stellung in der Krise stärken können – und nutzen ihre Chancen. Neu sind die Versicherer die Buhmänner. Mehr dazu hier. HZ+

Godels Seco-Abteilung für KMU-Politik sorgte mit dem virtuellen Behördenschalter für Unternehmen für einen einheitlichen Auftritt, orchestrierte die Zusammenarbeit mit externen Spezialisten, wie zum Beispiel der IT-Firma Elca, der Kommunikationsagentur Farner oder der Hotline-Betreiberin Callpoint – und holte zudem jene Organisa­tionen an Bord, ohne die das alles nicht möglich ­gewesen wäre oder jedenfalls nicht so schnell: die vier vom Bund anerkannten Bürgschaftsgenossenschaften, die drei regional aus­gerichteten Organisa­ti­onen BG Ost-Süd, BG Mitte und Caution­nement romand sowie die gesamtschweizerisch tätige Bürgschaftsgenossenschaft Saffa für Frauen.

Bürgen für die geforderte Summe

Ihre Kernaufgabe besteht darin, den KMUs einen erleichterten Zugang zu Bankkrediten zu ermöglichen, wenn diese etwa für Neugründungen, Investitionen oder Nachfolgeregelungen zusätzliches Geld benötigen. Die Bürgschaftsgenossenschaften gehen bei den kreditsuchenden Unternehmen vorbei, nehmen vertiefte, qualitative Prüfungen vor, holen Informationen ein und bürgen dann bei einem positiven Befund ganz oder teilweise für die geforderte Summe. Denn kleinere Unternehmen haben es oft schwer, an neues Geld zu kommen – sei es, weil sie keine oder zu wenig Sicherheiten mitbringen oder weil sie letztlich für die Banken uninteressante Kunden sind, die viel Aufwand, kaum ­Gewinn und im schlechtesten Fall gar ­Verluste versprechen.

Das Bürgschafts­wesen ist eine Ergänzung zum herkömm­lichen Kreditmarkt, wie Godel sagt, ein ­«Nischenprodukt». Per Ende 2019 profitierten schweizweit an die 2000 KMUs von einer Bürgschaft, das Volumen der verbürgten Kredite belief sich auf insgesamt knapp 300 Millionen Franken.

Wachstum um den Faktor 50

Doch mit dem Nischendasein ist es jetzt vorbei. Mit den Covid-19-Krediten bis zu 500 000 Franken und den Covid-19-Plus-Krediten bis zu 20 Millionen Franken kommen rund 130 000 weitere Bürgschaften im Wert von insgesamt über 15  Milliarden Franken hinzu. Damit hat sich die Summe der von den vier Organisationen verbürgten Kredite innert weniger Wochen um den Faktor 50 vervielfacht, die Anzahl der Bürgschaften gar um den Faktor 65. Die Genossenschaften bürgen gegenüber den 123 involvierten Banken für die Kredite. Bei Ausfällen können sie sich ihrerseits an den Bund wenden. Finanzminister Ueli Maurer hat vorsorglich 40 Milliarden Franken ­reserviert.

Alle vier Bürgschaftsgenossenschaften mussten zur Bewältigung des Wachstums ihr Personal aufstocken, gemeinsam heuerten sie temporär ein PwC-Team an, das während des Covid-19-Kredit-Zeit­fensters vom 26. März bis zum 31. Juli die Antragsschwemme erfasst und dafür sorgt, dass alles reibungslos in die gemeinsame Datenbank einfliesst. Bezahlt wird das ­alles vom Bund, der die Bürgschaftsgenossenschaften für die Verwaltung der Covid-19-Kredite finanziell unterstützt.

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Die PwC-Zentralstelle wird nach dem 1. August wieder aufgelöst, ab dann dürften die Bürgschaftsgenossenschaften wieder kleiner werden – weil keine neuen Bürgschaften hinzukommen und weil erste Covid-19-Kredite wieder zurück­bezahlt werden, wie Cautionnement-­romand-Chef Christian Wenger betont. Dennoch wird seiner Organisation wie auch der BG  Ost-Süd, der BG  Mitte sowie der BG  Saffa die Arbeit aus der Corona-Krise noch lange nicht ausgehen. «Die ­Bewirtschaftung des Portfolios fängt gerade erst richtig an», sagt Daniel Schwander, Geschäftsführer der BG  Ost-Süd.

So muss das Bürgschafts-Quartett Missbrauchsverdachtsfällen nachgehen, die Kontakte zu den Unternehmen und den Banken pflegen, Amortisationspläne betreuen, Sanierungen begleiten und im Falle von Konkursen Gläubigerrechte ­geltend machen. Aufgaben, die noch mindestens fünf Jahre dauern können. Denn so lange haben die Unternehmen gemäss der bundesrätlichen Verordnung Zeit, die ­Covid-19-Kredite zurückzuzahlen, in Härte­fällen sind es gar sieben Jahre.

Gegründet wurden die Bürgschaftsorganisationen vor rund 100 Jahren von Verbänden fürs Gewerbe.

Das Bürgschaftswesen ist rund 100 Jahre alt, seine Ursprünge liegen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Gewerbeverbände gründeten damals erste Bürgschaftsgenossenschaften als Selbsthilfeorganisationen, vornehmlich für die von den wirtschaft­lichen und sozialen Folgen des Kriegs ­besonders stark betroffenen Branchen. Es entstand ein Geflecht von mehrheitlich ­lokalen Organisationen. Ab 1959 beteiligte sich auch der Bund, indem er einen Teil des Ausfallrisikos übernahm. Doch mit der Immobilienkrise in den 1990er Jahren geriet das ganze Konstrukt ins Wanken und musste in der Folge neu konzipiert, von anderen staatlichen Beihilfen getrennt und vor allem professionalisiert werden.

2007 trat das neue Gesetz in Kraft, mit dem Unternehmen Bürgschaften von bis zu 500 000 Franken während bis zu zehn Jahren erhalten können, 2019 wurde der Maximalbetrag auf eine Million Franken erhöht. Bürgschaftsnehmer sind in der Regel Klein- oder Kleinstunternehmen aus tiefmargigen Branchen – Läden, Garagen, ­Restaurants und Zulieferer. Der Branchenmix habe sich mit der Corona-Krise nicht wesentlich verändert, sagt Schwander. «Es hat einfach von allen mehr.»

Die Bürgschaftsorganisationen tragen 35  Prozent des Ausfallrisikos, der Bund übernimmt 65  Prozent und beteiligt sich zudem mit bis zu drei Millionen Franken pro Jahr an den Verwaltungskosten der ­Genossenschaften. Im Gegenzug macht er ihnen Vorschriften – etwa in Bezug auf die Governance, die Transparenz oder die ­Rechenschaftspflicht. Zudem handelt er alle vier Jahre mit allen Bürgschaftsorganisationen gemeinsam eine neue Leistungsvereinbarung aus. Der Bund fördert und fordert also das Bürgschaftswesen, weil die KMUs hierzulande zwei Drittel der Arbeitsplätze stellen und weil er eine gewisse Gegenleistung erwartet für seine Steuergelder.

Von zehn auf vier Organisationen

Seit 2007 kann der Bund festlegen, wie viele Bürgschaftsgenossenschaften er überhaupt anerkennen will. Das führte zu einer Reduktion von zehn auf vier Organisationen. In der Westschweiz haben sich mit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes die fünf kantonalen Genossenschaften zum Cautionnement romand zusammengeschlossen, im Zentrum der Schweiz ­konstituierte sich die BG  Mitte. Die dritte ­regionale Bürgschaftsgenossenschaft hingegen, die BG  Ost-Süd, wurde bereits im Jahr 1933 gegründet.

Die drei Organisationen teilen sich geografisch die Schweiz auf, wobei die Westschweizer Bürgschaftsgenossenschaft bis vor der Corona-Krise mit Abstand die grösste war: Sie hatte am meisten Personal, am meisten Aussenstellen und stellte rund die Hälfte der Bürgschaften und des Volumens aus. In der Romandie ist das Bürgschaftswesen bekannter und akzeptierter, sagt auch Valentin Werlen, ­Geschäftsführer der BG  Mitte, zu deren Gebiet­ nebst sieben Deutschschweizer Kantonen auch der Jura gehört. «Es ist eine kulturelle Frage.» Doch mit den Covid-19-Krediten hat sich das Blatt gewendet: Neu steht die BG  Ost-Süd mit knapp 62 000 neuen Bürgschaften im Wert von rund 7,3 Milliarden Franken an der Spitze – weil sie mit 13 Kantonen das grösste Einzugs­gebiet hat, aber auch weil das von der Corona-Krise besonders arg getroffene Tessin ebenso dazugehört wie der wirtschaftsstarke Raum um die Kantone Zürich und Aargau, wo es viele Unternehmen gibt.

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Frauen haben die Wahl

Ein Spezialfall ist die gesamtschweizerisch tätige BG  Saffa, deren Entstehung auf die erste nationale Schweizerische Ausstellung für Frauen­arbeit von 1928 in Bern zurückgeht, von der auch das Kürzel abgeleitet ist. Mit einem Teil des Erlöses aus der Ausstellung gründeten die damaligen Frauenorganisationen 1931 die Bürgschaftsgenossenschaft für Unternehmerinnen – und wurden regelrecht mit ­Gesuchen überrannt, wie Saffa-Geschäftsführerin Andrea Theunert festhält. «Denn die Frauen, die während des Krieges die Arbeiten der Männer übernommen hatten, wollten sich nicht mehr zurück an den Herd drängen lassen. Viele von ihnen pochten auf einen ausserhäuslichen Erwerb.» Und so können Unternehmerinnen – anders als ihre männlichen Kollegen – heute wählen, ob sie sich bei Geldbedarf an die für sie zuständige regionale Organisation wenden wollen. Oder an die Saffa.

In Bezug auf Grösse, Besitzer und Organisation unterscheiden sich die vier Genossenschaften relativ stark, was mit ihrer jeweiligen Geschichte zu tun hat. Hinter den Kulissen hingegen arbeiten sie eng zusammen. 2016 haben sie ihre IT und ihre Prozesse vereinheitlicht und dazu eine ­gemeinsame Tochterfirma, die Bürgschafts-Support AG, gegründet. Ein Pro­fessionalisierungsschritt, der sich nun in der Krise ausbezahlt hat, wie Seco-KMU-­Politik-Chef Godel betont. «Ohne diese zentralisierte IT-Infrastruktur wäre die ­Bewältigung dieser Krise noch schwieriger geworden.» Und hätte wohl auch mehr Zeit gebraucht. Zeit, welche die Unternehmen nicht hatten.

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