Eine Luxusuhr zu entwickeln, dauert Jahre. Vom Design über den Prototyp bis zum Endprodukt. Maschinen stanzen, schleifen und polieren bis zu 600 Metallteile im Mikroformat. Ein Mensch setzt sie von Hand zusammen. Der Wert der Uhr wächst so Millimeter für Millimeter.

Bald aber sollen weite Teile der kostspieligen Handarbeit passé sein. Denn feinmotorische, kollaborative – mit Menschen interagierende - Roboter sind in der Luxusuhrenindustrie auf dem Vormarsch. Sowohl Grossproduzenten wie auch feine Exklusivmarken setzen bereits erste elektronische Helferlein in der Herstellung ein. Nun will ABB die Automatisierung rasch vorantreiben. Gespräche mit Schweizer Luxusuhrenherstellern über den möglichen Einsatz von ABB-Robotern in deren Produktionen laufen.

Roboter produzieren edle Uhren

ABB ist mit seinen Ambitionen nicht alleine. Roboter von Herstellern wie Fanuc und Mitsubishi sind für mehrere Uhrenedelmarken bereits im Einsatz. Lieferanten wie Kuka, Stäubli und Robotec picken bei Schweizer Uhrenproduzenten schon länger Kleinteile auf und fräsen winzige Löcher in die Uhrengehäuse. Der Markt wächst. Wir sind überrascht, wie gross die Nachfrage nach Robotern in dieser Branche ist, sagt ein ABB-Mitarbeiter.

Dem Vernehmen nach sprach ABB kürzlich mit Vertretern des Genfer Luxusuhrenherstellers Frédérique Constant über die Automatisierung. Und darüber, was ABB leisten kann: Die Lieferung eines kollaborativen, zweiarmigen Roboters, der seine menschlichen Kollegen ebenso wie Uhrenkleinstteile erkennen kann, die Uhrenkomponenten erspürt, aufnimmt und ins Gehäuse einsetzt.

Handarbeit versus Automatisierung

Offiziell will sich ABB dazu nicht äussern. Das Thema ist durchaus heikel. Schweizer Luxusuhrenhersteller befinden sich im Spannungsfeld zwischen dem Verkaufsargument der traditionellen Handarbeit und der kostengünstigeren Automatisierung. Sinkt der Anteil der Handarbeit bei Uhren, welche für 3000 Franken aufwärts über den Ladentisch gehen, könnte das Edle, Exklusive an den schmucken Teilen verloren gehen.

Der Luxusuhrenproduzent Patek Philippe setzt mittlerweile zu 30 Prozent Roboter in der Produktion ein, 70 Prozent sind noch Handarbeit. Decor, Polissage und Perlage werden immer noch von Hand gefertigt, betont Patek-Sprecherin Jasmina Steele.

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Beim Hersteller Frédérique Constant sind Maschinen bei der Montage einzelner Uhrenteile im Einsatz, welche gut 100 unterschiedliche Bewegungen ausführen können. Die künstlerische Fertigkeit und das Setzen der Edelsteine bleiben allerdings Handarbeit, das ist unser grösstes Asset, sagt Constant-Sprecherin Annabel Corlay. Für die Endmontage braucht es noch den Uhrmacher.

Roboter als Künstler

Für Roboterproduzenten wie ABB ist das kein Hindernis. Der zweiarmige ABB-Roboter Yumi arbeitet bei entsprechender Programmierung bereits sehr präzise. Das hilft ABB, um sich weitere Marktanteile zu sichern – auch im Luxusuhrensegment.

Die Automatisierung in der gesamten Fertigungsindustrie nimmt stetig zu. Barclays Research sieht hier für den ABB-Roboter Yumi einen boomenden Markt. Bis 2020 sollen mit 250'000 Stück pro Jahr bereits mehr kollaborative als herkömmliche Roboter verkauft werden. ABB setzt alles daran, sich einen möglichst grossen Marktanteil für seine Fertigungsautomaten zu sichern. Das Zusammenbauen von Luxusuhren mit ihren Präzisionsuhrwerken, wozu es viel Feingefühl und ein scharfes Auge braucht, ist dabei neu.

Erfahrung sammeln konnte ABB bereits in der Halbleiterindustrie. Yumi setzt dort kleine Produktionsteile zu einem Ganzen zusammen. Diese Expertise braucht es insbesondere bei Luxusuhren. In der Massenfertigung wie bei Swatch zum Beispiel sind Roboter schon lange im Einsatz. Zwar sind die Anforderungen mit jenen der edelsteinbesetzten Chronometer nicht vergleichbar. Aber auch im tieferen Preissegement hat ABB noch Aufholbedarf. Für den Basler Uhrwerkhersteller Ronda etwa ist Automation ein grosses Thema. Roboter von ABB verwenden wir aber nicht, sagt Marketingchefin Sabina Biedert.

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