Das Jahr 2002 war das Jahr der grossen Vertrauenskrise. Zu viele Manager und Verwaltungsräte blamierten sich bis auf die Knochen und mussten ihre Posten räumen. So sank das Ansehen der Schweizer Wirtschaftselite auf einen Tiefpunkt. Und heute? Das zweite BILANZ-Rating der 50 Mächtigsten sagt viel aus über den Zustand der Schweiz in der konjunkturellen Flaute (siehe «Von Blocher bis Walpen» auf Seite 114). Jene Führungskräfte der Global Player, die mit einer guten Performance der Krise trotzen, geniessen wieder Kredit.

Beispiele: Marcel Ospel, Präsident der UBS, war nach dem Swissair-Grounding der Buhmann der Massen. Doch er hat die grösste Schweizer Bank einigermassen unbeschadet durch die Turbulenzen der Finanzmärkte gesteuert und ist hinter Christoph Blocher heute der zweitmächtigste Schweizer. Der erfolgshungrige Peter Brabeck erzielte mit dem Nahrungsmittelkonzern Nestlé einen Rekordgewinn von 7,6 Milliarden Franken – Rang 3. Ernesto Bertarelli (Serono) machte, beflügelt vom Erfolg seines Traumschiffes «Alinghi», von allen Wirtschaftskapitänen den grössten Sprung nach vorn – von Rang 40 auf Rang 4. Der 75-jährige Uhrenkönig Nicolas Hayek, dessen Zeit nicht abzulaufen scheint, ist «schon zu Lebzeiten fast eine Legende», wie die «Frankfurter Allgemeine» schreibt – Rang 5. Und Daniel Vasella behauptet sich mit Novartis souverän in der Champions-League der Pharmagiganten. In offener Feldschlacht strebt er die Fusion mit der heimischen Konkurrentin Roche an – Rang 6. Der Gejagte, Roche-CEO Franz B. Humer, kann da nicht mithalten; er schaffte es nicht unter die top 50.

Die Schweiz lebt nicht von den KMUs allein. Wie viel sie ihren erfolgreichen Multis verdankt, realisieren auch die Politiker. Als «Verdienst einer geschickten Globalisierung» pries Nationalratspräsident Yves Christen den «Alinghi»-Triumph zum Auftakt der Frühjahrssession. «Die Pioniererfolge mit Namen Nestlé, Hayek, Piccard und Bertarelli machen die Rückschläge, die wir in letzter Zeit einstecken mussten, bei weitem wett», meinte der Waadtländer Freisinnige in einem leicht grotesken Anflug von welschem Chauvinismus. So blendete er Deutschschweizer Success-Storys wie Novartis oder Nobelpreisträger Kurt Wüthrich (Rang 33) glatt aus. Die Erfolge den Romands, die Flops den Deutschschweizern – eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit.

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Seinen Titel als mächtigster Schweizer verteidigt hat ein Deutschschweizer, der Politiker und Unternehmer Christoph Blocher. Dabei polarisiert die singuläre Führungspersönlichkeit politisch nach wie vor. Und Blochers Machtanspruch ist von geradezu unschweizerischer Unbescheidenheit. Sein grösstes Ziel: Bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst 2003 will er der alten Staatspartei FDP eine historische Niederlage zufügen und die SVP definitiv als führende bürgerliche Kraft etablieren.

In Zeiten der Krise und des Versagens macht unternehmerischer Erfolg einen Politiker fast unangreifbar: «Ich habe eine grosse wirtschaftspolitische Glaubwürdigkeit», erklärt er unbescheiden. Die Realität hat ihm zu oft Recht gegeben. Den konjunkturellen Abschwung hat er früh geahnt und bei Ems die Investitionen heruntergefahren. Zudem traf er mit seiner Warnung ins Schwarze, gewisse Topmanager hätten «ihre Läden aufgeblasen» – heute werden Milliardenverluste geschrieben und die Leute auf die Strasse gestellt. Blocher selber ist heilfroh, dass es ihm unternehmerisch «immer so gut gegangen ist». Denn ohne wirtschaftlichen Erfolg wäre sein politischer Einfluss längst erodiert.

Ihre Macht eingebüsst haben Wirtschaftsführer, die ihr Imperium zu Grunde gerichtet oder ihre Glaubwürdigkeit leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatten: Der gefeierte Shareholder-Apologet Martin Ebner hat fast alles verloren, Zementbaron Thomas Schmidheiny hat sich neben der Swissair-Hypothek noch ein Insiderdelikt aufgeladen. Aus dem Umfeld der angeschlagenen Finanzkonzerne CS, «Zürich» und Rentenanstalt schaffte nur der neue CS-Präsident Walter B. Kielholz (Rang 42) den Einzug unter die 50 Mächtigsten, notabene als einziger Vertreter des alten, FDP-nahen Zürcher Wirtschaftsadels. Ausser Blocher befindet sich nur ein lupenreiner Unternehmer im ersten Dutzend: Verleger Michael Ringier (Rang 11), dem der Skandal um Botschafter Thomas Borer kaum geschadet hat, ganz im Gegensatz zu seinem verstummten Chefideologen Frank A. Meyer, der aus den Rängen gefallen ist.

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Im Vorjahr, als die Debatte über «Abzocker» und «Versager» hochkochte, waren seriöse Nationalbanker und Chefbeamte Christoph Blocher auf den Fersen: Bruno Gehrig (Rang 2), Peter Siegenthaler (3) und Jean-Pierre Roth (4). Diesmal sind die «Saubermänner» zurückgestuft worden: Am tiefsten fiel der ehemalige Chef der Task-Force Luftbrücke, Bundesfinanzverwalter Peter Siegenthaler (Rang 28); dem Swiss-Verwaltungsrat schadete wohl die Ungewissheit über die Zukunft der mit Staatsgeldern alimentierten Airline. Vielleicht fehlt ihm halt doch das entscheidende Etwas zur absoluten Nummer eins: «Ich bin nicht der Typ, der Macht anstrebt und die Ausübung von Macht geniesst», gestand er unlängst der Zeitung «Bund».

Politik und Verwaltung bilden zahlenmässig nach wie vor das stärkste Kraftfeld: 18 von 50 Auserwählten sind im Umfeld des Staats tätig. Dabei kommt der Bundesrat überaus schlecht weg. Vor einem Jahr figurierten noch alle sieben Landesmütter und -väter auf der Liste, diesmal sind es nur noch drei: Bundespräsident Pascal Couchepin (Rang 9), Finanzminister Kaspar Villiger (Rang 10) und Verteidigungsminister Samuel Schmid (Rang 40). Die beiden CVP-Vertreter Ruth Metzler und Joseph Deiss fielen ebenso durch wie Sozialdemokrat Moritz Leuenberger. Alle drei lassen Leadership und Durchschlagskraft vermissen. Metzlers schwarze Serie von Pannen und Niederlagen scheint nicht abzureissen (Mindestzinssatz, Polizeikonzept Usis, Regierungsreform, Migrationsabkommen mit Senegal, Passdebakel). Deiss macht nicht den Eindruck, während der Krise die Dinge entschlossen voranzutreiben. Wenn der neue Wirtschaftsminister nicht im Voraus über Massenentlassungen informiert wird und dies auch noch öffentlich beklagt, so spricht dies Bände. Moritz Leuenbergers clowneske Faxen wiederum passen nicht in eine Zeit, in der Perspektiven gefragt sind. Symptomatisch: Die neue Aussenministerin Micheline Calmy-Rey hat den Einzug unter die top 50 nur ganz knapp verpasst.

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Die Mächtigstenliste ist auch ein Abbild des personellen Zustandes der Regierungsparteien. Die FDP, früher das politische Machtzentrum der Schweiz, ist mit keinem einzigen Abgeordneten oder Regierungsrat vertreten. Etwas aufgehellt wird die triste Bilanz durch das gute Abschneiden ihrer beiden Bundesräte Couchepin und Villiger, den bestplatzierten Politikern überhaupt. Expo-Präsident Franz Steinegger zählte letztes Jahr noch zu den Mächtigsten; er fiel ebenso aus der Konkurrenz wie Ständerat Hans-Rudolf Merz, der seine Präsidentschaftskandidatur zurückziehen musste. Die bürgerliche Konkurrenz schneidet besser ab: Die SVP brachte neben Blocher und Bundesrat Schmid immerhin Parteichef Ueli Maurer und die Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer ins Ziel. Selbst die wenig erfolgsverwöhnte CVP markiert mit Multifunktionär Carlo Schmid-Sutter und ihrem Vorsitzenden Philipp Stähelin Präsenz.

Wenn die Verteilungskämpfe auffla-ckern, zeigen Sozialdemokraten und Gewerkschafter Muskeln: Gewerkschaftspräsident Paul Rechsteiner (Rang 24), Parteichefin Christiane Brunner als beste Frau (26), Preisüberwacher Werner Marti (39) und Eisenbahner-Gewerkschafter Ernst Leuenberger (49). Hervorragend schnitt der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber ab, der auf Anhieb Platz 18 erreichte; auch Serge Gaillard, das ökonomische Gewissen des Gewerkschaftsbundes, schob sich gleich auf Rang 34. «Es ist uns gelungen, einen neuen Aufbruch einzuleiten», freut sich Gewerkschaftschef Paul Rechsteiner.

Die roten Chefbeamten Peter Siegenthaler (Rang 28) und Daniel Zuberbühler (29) runden das positive SP-Gesamtbild ab. Die Bilanz der Konkurrenz lässt die Wirtschaftsverbände vor Neid erblassen. Der ausgezeichnet platzierte Arbeitgeber-Direktor Peter Hasler (Rang 16) rettete ihre Ehre. Weder Economiesuisse-Präsident Ueli Forster, der altväterische Textilindustrielle aus St. Gallen, noch Direktor Rudolf Ramsauer, ein Wirtschaftsdiplomat, werden als wirklich mächtig wahrgenommen.

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Wo die Ungewissheit gross ist, wächst das Vertrauen in die Kulturschaffenden. Der Tessiner Mario Botta (Rang 7) schnitt sensationell gut ab und darf die Blumen stellvertretend für die international reputierte Schweizer Architektengilde in Empfang nehmen. Der Basler Galerist Ernst Beyeler (Rang 19), der Zürcher Opernhaus-Direktor Alexander Pereira (21) und der Tessiner Ausstellungsmacher Harald Szeemann (46) werden für ihr konstantes, international anerkanntes Wirken belohnt. Zum Vergleich: Die Expo-Macher Nelly Wenger und Martin Heller erzielten an der Börse der Meinungsmacher keine nachhaltige Wirkung.

Hohes Ansehen geniessen auch die Schweizer Vertreter in internationalen Organisationen, sofern sie dort etwas bewegen: IKRK-Präsident Jakob Kellenberger (Rang 23), Fifa-Boss Joseph Blatter (32), Chefanklägerin Carla Del Ponte (43) und Luzius Wildhaber (48), Präsident des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Der nur in Insiderzirkeln bekannte Basler Gelehrte kam überraschend in die Kränze. Nur knapp ausgeschieden sind im Übrigen Nationalbanker Niklaus Blattner, SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner und die beiden Grossverteiler-Chefs Anton Scherrer (Migros) und Hansueli Loosli (Coop).

Wirft man einen Blick auf die regionale Verteilung, so zeigen sich wenig überraschend die realen Machtverhältnisse: die krasse Dominanz des Dreiecks Zürich–Basel–Bern (siehe «Das goldene Dreieck der Macht» auf Seite 111). 15 Mächtige haben ihr berufliches Epizentrum im Grossraum Zürich. Es folgen Bern, die Bundesstadt, mit zehn und die Chemieregion Basel mit sieben. Die Westschweiz bringt es auf fünf Nennungen, die Ostschweiz auf vier und das Tessin auf zwei, die Innerschweiz und Solothurn auf je eine. Fünf Mächtige haben ihr Tätigkeitsgebiet im Ausland.

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