Mercedes benötigt dringend moderne Kleinwagen, um in Zukunft die immer strenger werdenden Verbrauchs- und Abgasnormen der Europäischen Union (EU), aber auch der USA erfüllen zu können. Andernfalls drohen empfindliche Strafen. Zwar umfasst die Modellpalette der Marke mit dem Stern schon heute Kleinwagen, so den vieldiskutierten Smart sowie die A- und die B-Klasse. Diese Fahrzeuge waren einst mit vielen Vorschusslorbeeren auf den Markt geschickt worden. Allerdings: Die hohen Erwartungen blieben - mit wenigen Ausnahmen - ein Traum.

Vor allem der Kleinstwagen Smart, der mit dem ambitiösen Ziel gestartet war, den innerstädtischen Verkehr zu revolutionieren, riss bisher Milliarden-Löcher in die Mercedes-Bilanzen der letzten zwölf Jahre. «Allein mit dem Smart weiterzumachen, war nicht denkbar», wird Daimler-Benz-Vorstandschef Dieter Zetsche zitiert. Aber auch mit der A- und B-Klasse wurde kaum richtig Geld verdient.

Mercedes für viele zu altbacken

Weshalb das so ist, darüber zerbrechen sich die Mercedes-Verantwortlichen schon länger die Köpfe. Doch viel zu rätseln gibt es eigentlich nicht, denn eine Umfrage, ausgerechnet auf dem Heimatmarkt, förderte ernüchternde Antworten zutage. So hiess es etwa in Deutschland zu Mercedes-Benz: «Zu wenig Emotionen» oder «Ein zu wenig attraktives Design», oder auch «Es gibt modernere Automarken». Mit zeitgemässeren Marken sind in erster Linie die deutschen Mitbewerber Audi und BMW gemeint. Marktanalysen zeigen in aller Deutlichkeit, dass diese in der Gunst eines jüngeren Publikums heute weit vor Mercedes rangieren.

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Wo die Franzosen helfen können

Aus der Misere soll jetzt die französisch-japanische Allianz Renault-Nissan helfen. Nach langen Verhandlungen hat sich der Hersteller mit dem weltberühmten Stern als Emblem einen Massenhersteller als Partner für die Entwicklung einer neuen Kleinwagengeneration ausgesucht. Ob das wohl gut geht, fragen sich die Kunden, aber auch viele Schweizer Händler? Ein deutliches Unbehagen ist da und dort herauszuhören.

Zuvor hatte Mercedes mit BMW verhandelt. Die Bayern hätten vom Image her gesehen besser zu den Stuttgartern gepasst. Doch stand ausgerechnet die Imagefrage den Verantwortlichen beider Marken im Weg. Rivalitäten über die Frage des Führungsanspruchs im Motorenbau haben eine Einigung verhindert.

Solche Probleme stellen sich im Falle einer Kooperation mit Renault-Nissan - vordergründig - nicht. Mercedes-Chef Zetsche streicht ausdrücklich die Kompetenz des französisch-japanischen Partners im Kleinwagenbau und im Bau kleiner Motoren heraus. Reibereien, wie sie sich bei einem Deal mit BMW abgezeichnet hatten und in der Frage gipfelten «Wer ist wohl der Bessere?», treten bei einer Kooperation mit Renault-Nissan nicht derart scharf zutage. Denn die Marken liegen, was das Image betrifft, zu weit auseinander, als dass sie sich später auf dem Markt wehtun könnten. Unter diesen Voraussetzungen liess sich das pragmatische Vorgehen gegen Prestigedenken leichter durchsetzen.

Künftig wieder Emotionen wecken

Ab 2013 sollen die neuen Modelle serienreif sein (siehe auch Kasten). «Wir werden zeigen, dass auch ein kleiner Mercedes Emotionen wecken kann», gab sich Zetsche an der Daimler-Aktionärs-Hauptversammlung optimistisch.

Mit kleinen Fahrzeugen und den entsprechenden Antriebseinheiten lässt sich jedoch nur Geld verdienen, wenn eine möglichst hohe Stückzahl an Gleichteilen zum Einsatz kommt. Mit lediglich etwas mehr als 100 000 Einheiten lohnt sich eine Eigenentwicklung kaum. Mercedes kam bis heute mit dem Smart sowie der A- und B-Klasse jeweils nur geringfügig über diese Stückzahl-Limite hinaus. Mit Renault-Nissan zusammen lassen sich hingegen Stückzahlen von 300 000 und mehr erreichen.

Fazit: Mercedes, einst Deutschlands Vorzeigeunternehmen, hat in den letzten Jahren mit verfehlter Modellpolitik und einem miserablen Kostenmanagement zu viel Geld verbrannt, als dass sich die Stuttgarter heute im Kleinwagensegment einen Alleingang leisten könnten. Daher die «Heirat».

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