Eine neue Generation von Kernkraftwerken hat für Bill Gates das Potenzial, alle Energie- und Klimaprobleme der Menschheit auf einen Schlag zu lösen. Konkrete Pläne zum Bau einer Demonstrationsanlage hegt der Microsoft-Mitgründer seit zwei Jahren, auch einen Standort und einen Partner hatte er bereits gefunden: Gemeinsam mit dem chinesischen Kraftwerksbetreiber China National Nuclear Corp. sollte rund 200 Kilometer südlich von Peking ein erster Reaktor des neuen Typs gebaut werden.

Daraus wird nichts. Das Projekt fällt indes nicht der verbreiteten Skepsis gegenüber der Atomenergie zum Opfer, sondern der Chinapolitik von US-Präsident Donald Trump. Im Zuge des Handelsstreits zwischen den USA und China hatte die Trump-Regierung ohnehin chinesische Importe im Umfang von 250 Milliarden Dollar mit Zöllen belegt. Im Oktober kündigte das Energieministerium in Washington zudem schärfere Restriktionen bei zivilen Nukleargeschäften mit China an.

Nun muss ein anderer Partner her

Dies mache es schwierig, den geplanten Testreaktor zu realisieren, sagte Chris Levesque, Chef der von Gates mitbegründeten Reaktorentwicklungsfirma Terrapower, nun dem «Wall Street Journal». «Wir orientieren uns neu. Vielleicht können wir einen anderen Partner finden», sagte er. Namen nannte Levesque in diesem Zusammenhang nicht. Experten spekulierten über eine eventuelle Beteiligung von Ländern wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder der Türkei.

Ob China in der Kooperation ersetzt werden kann, ist allerdings völlig offen. Die Entwicklungskosten des von Terrapower seit mehr als zehn Jahren geplanten neuen Typs eines sogenannten Laufwellenreaktors werden auf bis zu eine Milliarde Dollar geschätzt. Die Befürworter versprechen sich davon nichts weniger als einen Durchbruch im Klimaschutz und das Ende aller Energiesorgen.

Bill Gates, seated right, co-founder of Microsoft and Chairman of TerraPower, looks on as photographers crowd behind during a signing ceremony linking China National Nuclear Corp. and TerraPower at a U.S. Trade and Investment Cooperation Conference Tuesday, Sept. 22, 2015, in Seattle. The Ministry of Commerce of China (MOFCOM), the State of Washington and partners hosted the conference to explore cooperation between Chinese provinces and U.S. businesses. (AP Photo/Elaine Thompson)

Bill Gates mit einem hochrangigen Vertreter der chinesischen Regierung (Links): Der Microsoft-Gründer glaubt an die Zukunft der Atomkraft.

Quelle: Keystone
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Aufbruchstimmung wie in den 1950er-Jahren

«Wir nehmen einige der schwierigsten Herausforderungen auf dieser Erde an und bewältigen sie», lautet die selbstbewusste Ansage der Gates-Firma auf ihrer Website. Terrapower hat für dieses Ziel etwa 180 renommierte Experten und Wissenschaftler versammelt, viele davon gekrönt mit internationalen Auszeichnungen wie dem Enrico-Fermi-Preis oder dem E.-O.-Lawrence-Award.

Das optimistische Szenario erinnert an die 1950er-Jahre, als die Kernspaltung ähnliche Träume von der Befreiung aller Energiesorgen auslöste. Tatsächlich erwies sich die Kernspaltung aber als problembehaftete Technologie. Reaktorkatastrophen, die ungelöste Endlagerfrage und die Gefahr der Verbreitung von nuklearem Material für militärische Zwecke sorgten nach den Jahren des Aufbruchs für wachsende Skepsis und zunehmende Proteste in vielen Ländern – auch in Deutschland und der Schweiz.

Ausgelöst durch das Desaster von 2011 im japanischen Fukushima gewann die Ausstiegsdebatte in Deutschland und der Schweiz an Fahrt. In drei Jahren wird in Deutschland der letzte Meiler stillgelegt. In der Schweiz geht heuer Mühleberg als erstes der Schweizer AKWs vom Netz. Die Forschung kam auch in vielen anderen Ländern, darunter auch die USA, weitgehend zum Erliegen.

Neues Design soll Atomkraft sicherer machen

Doch der Laufwellenreaktor, so versprechen es seine Verfechter, soll kleiner, sicherer und um Grössenordnungen nachhaltiger arbeiten als alle Vorgängertypen. Das Design des MCFR (für Molten Chloride Fast Reactor) mache den neuen Typ zum «ultimativen grünen Reaktor», sagte Terrapowers Cheftechnologe John Gilleland kürzlich dem «Business Insider». Anders als herkömmlichen Meilern genügt dem neuen Modell im Wesentlichen abgereichertes Uran, wie es beispielsweise in verbrauchten Brennstäben alter Kernkraftwerke in grossen Mengen enthalten ist.

Ein Teil davon wird im laufenden Betrieb wieder aufgearbeitet und kann ohne chemische Verarbeitungsschritte erneut verwendet werden, so die Theorie. Dadurch reiche der Brennstoff, einmal eingefüllt im Spaltprozess befindlich, für mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte, statt alle paar Monate ersetzt zu werden wie bei den auch in Deutschland üblichen Leichtwasserreaktoren. Die im nuklearen Brennstoff enthaltene Energie könne so zu 95 Prozent genutzt werden, während ältere Bauarten nur auf fünf Prozent kämen.

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AKW Unfall in Fukushima: Der Zwischenfall in Japan hat die Gefahren der Atomkraft erneut deutlich gemacht.

Quelle: Keystone

Hohe Betriebstemperatur ein Nachteil

Dadurch lasse sich der Strompreis um 80 Prozent senken, macht Terrapower geltend. Die Edelenergie werde damit auch für jenes Sechstel der Menschheit zugänglich, das keinen Zugang zu gesicherter Stromversorgung hat. Da der Reaktor zudem statt mit Wasser mit flüssigem Natrium gekühlt wird und bei hohen Temperaturen von mehr als 500 Grad Celsius arbeitet, lässt sich Prozesswärme etwa für industrielle Anwendungen auskoppeln – und kann damit völlig ohne Ausstoss von CO2 klimaschädliche Kohle ersetzen.

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Kritiker sehen in dem Konzept jedoch auch erhebliche Nachteile. Natrium gilt beispielsweise als leicht brennbar und reagiert heftig, wenn es mit Wasser in Berührung kommt. Die hohen Betriebstemperaturen dürften zudem die Werkstoffe und Materialien stark strapazieren, die bei einem Reaktorbau zum Einsatz kommen würden. Auch zur Klärung solcher Fragen sollte der Prototyp in China beitragen, der nun erst einmal Trumps Handelskrieg zum Opfer fallen dürfte.

Dieser Artikel erschien zuerst in der «Welt» unter dem Titel: «So zerstört Trump Bill Gates’ Energie-Träume».