Der Blick über das Panorama im Alpstein ist weit und klar. Im Tal sind grüne Wiesen zu sehen, oben liegt Schnee. Plötzlich stört ein merkwürdiges Geräusch die Idylle. Es klingt wie ein lauter Rasierer, nur etwas höher und schriller. Rund 20 Meter in der Höhe schwebt kein Ultraleichtflieger und auch kein Modellflugzeug. Es sieht von unten aus wie ein riesiges Insekt. Es ist eine Drohne – kein Kriegsgerät, wie es weltweit immer häufiger eingesetzt wird (siehe Kasten). Hier in den Alpen fliegt ein sogenannter Quadrokopter, ausgestattet mit einer Kamera.

Drohnen sind das neue Hobby vieler Schweizer. Das Angebot an zivilen Geräten wächst rasant, zumal die Preise für die Quadrokopter mittlerweile unter 300 Franken liegen. Wer gestochen scharfe Bilder will und noch mehr Funktionen, zahlt schnell 2000 Franken. Im professionellen Bereich kosten die Miniflieger allerdings bis zu 30000 Franken. Sie setzt hierzulande etwa das Schweizer Fernsehen ein, um den Zuschauern bei der Übertragung von Skispringen neue Perspektiven zu bieten. Einen besseren Überblick mithilfe von Drohnen verspricht sich auch die Deutsche Bahn. Sie kündigte kürzlich an, die Geräte gegen Graffiti-Sprayer einzusetzen.

Ideales Testgebiet

Kein Wunder, dass auch Elektrohändler steigende Umsätze mit den Drohnen verzeichnen. Den Trend bestätigt auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). «Nach unseren Beobachtungen haben die Nutzerzahlen von solchen Flugmodellen zugenommen», erklärt ein Sprecher der Behörde. Genaue Zahlen hat das Bazl nicht. Für den Gebrauch der Fluggeräte brauchen Hobbypiloten keine Genehmigung. Zumindest, wenn die Drohnen unter 30 Kilogramm wiegen und sich jederzeit in Sichtweite des Steuernden befinden.

In der Forschung nimmt das Interesse an den Geräten ebenfalls zu. In der Schweiz arbeiten viele Labors und Wissenschafter an der Weiterentwicklung der Technik. Die Topografie bietet ein ideales Testgebiet, um schwierige Bedingungen zu prüfen, und die Möglichkeit, dabei auch schöne Bilder zu schiessen. Ausserdem seien die Geräte interdisziplinär. «Viele Wissenschafter nutzen ein und dasselbe Werkzeug, das eröffnet in der Forschung grossartige Möglichkeiten», sagt Jan Willmann. Er arbeitet am Lehrstuhl für Architektur und digitale Fabrikation an der ETH und erforscht den Zusatznutzen von Drohnen in der Architektur.

Bauen dann wirklich bald kleine Fluggeräte ganze Wolkenkratzer? «Das ist noch eine Utopie», so Willmann. Vielmehr sei das die Vision des Bauens in 50 bis 100 Jahren. Noch probiere man nur im kleinen Massstab. «Es gibt da noch Riesenprobleme bei der Skalierbarkeit. Wir haben das bisher nur mit Styropor-Bauteilen getestet, die 108 Gramm pro Stück wiegen.» Der Roboter schafft höchstens 120 Gramm.

Die öffentliche Wahrnehmung ist eine Herausforderung

Doch schon jetzt nehmen Drohnen wichtige Aufgaben wahr. In Mailand helfen sie zum Beispiel der Polizei dabei, in den Problemvierteln der Stadt den Drogenhandel zu bekämpfen. Nach dem Tsunami in Japan spielten Drohnen eine wichtige Rolle bei Rettung und Wiederaufbau – sie konnten auch an gefährliche Orte wie Fukushima fliegen. Doch da hören die Anwendungsgebiete nicht auf. «Langfristig könnten fliegende Maschinen auch Lasten transportieren, wie etwa Post oder Versorgungsgüter», so Raffaello D’Andrea, Professor am Lehrstuhl Dynamic Systems and Control der ETH Zürich. Gerade in schwer zu erreichenden Gebieten sei der Einsatz dafür interessant.

Die wichtigste Weiterentwicklung, die Drohnen in Zukunft erfahren müssten, sei die Möglichkeit der komplett autonomen Navigation, erklärt Davide Scaramuzza vom selben Lehrstuhl. Eine vollautonome Drohne zu entwickeln, das ist sein Traum. «In fünf Jahren dürfte das möglich sein», prognostiziert er. Dafür arbeitet der Wissenschafter an einer Technik, welche die Navigation der Drohnen nicht mehr ausschliesslich auf GPS aufbaut. Für eine bessere Navigation sei zusätzlich zum Satellitensystem spezielle Kamera- und Lasertechnik nötig. Scaramuzza arbeitet an einer Lösung, die ununterbrochen Bilder an einen zentralen Computer schickt, der daraus Standortdaten entwickelt. Mit solcher Technik könnten sie auch zu Lebensrettern werden, etwa wenn die Feuerwehr sie für ihre Zwecke nutze, so Scaramuzza.

Professor D’Andrea sieht noch eine weitere Herausforderung, welche die Forschung bislang nicht lösen kann: Die öffentliche Wahrnehmung. Drohnen könnten grossartige Dienste für die Gesellschaft leisten, so der Professor, wenn man nur auf ihren positiven Nutzen vertraue. Der Ruf der Fluggeräte leide aber, weil sie viele Menschen mit den Fliegern assoziierten, die etwa die USA im Krieg in Afghanistan oder im Irak einsetzten. Statt die militärischen Todbringer zu sehen, solle die Öffentlichkeit sich lieber bewusst werden, dass Drohnen der Gesellschaft schon jetzt viel bringen.

Doch selbst bei den kleinen Quadrokoptern für den Privatgebrauch gibt es Sicherheitsbedenken. Seit der Hype begonnen habe, beobachte man deren Nutzung sehr aufmerksam, erklärt Peter Germann, Präsident des Schweizerischen Modellflugverbandes. Die Tatsache, dass es keine wirkliche Kontrolle über die Hobbypiloten gebe, erhöhe das Risiko von Regelbrüchen. «Wir plädieren dafür, dass der Betrieb ausschliesslich auf den auch für Modellflugzeuge ausgewiesenen Flugplätzen erlaubt ist.»

Die Gesetzgebung sei noch nicht spezifisch genug. Auch wenn der Betrieb in der Nähe von Flughäfen oder militärischen Einrichtungen offiziell nicht gestattet sei – wirksame Kontrolle und festgelegte Strafen im Fall von Verstössen gebe es nicht. Das Bazl gibt sich indes zurückhaltend. «Diese kleinen Flugobjekte gelten als Spielzeuge, allenfalls als Hobby-Flugmodelle», so der Sprecher der Behörde. Weil sie klein seien und normalerweise nicht in Höhen fliegen, in denen auch normale Flugzeuge verkehren, stellten sie auch keine Gefahr für die Luftfahrt dar.

Bilder vom Nachbarn im Garten

Die Diskussion zeigt, dass sich ein Drohneneinsatz noch immer in einem Graubereich befindet. Auch was den Datenschutz angeht. Neben den Sicherheitsbedenken kritisieren einige Gegner, dass die Privatsphäre der Bürger durch Drohnen stark beeinträchtigt werde. Grund dafür sind die Kameras, die an fast allen Modellen angebracht sind. Neben schönen Alpenpanoramen können sie nämlich nicht nur Bilder von Wanderern und Spaziergängern schiessen, sondern auch vom Nachbarn im Garten. Modellflieger-Vorstand Peter Germann hat diese Entwicklung im Auge. «Niemand hindert die Piloten, über den Garten des Nachbarn zu fliegen.» Und da könne auch jemand in der Sonne liegen – vermeintlich ungestört. Man habe daher, sobald man die ersten Youtube-Videos im Internet entdeckte, Kontakt mit dem Bazl aufgenommen. Dort steht inzwischen in den Richtlinien, dass der Gebrauch von Drohnen zwar grundsätzlich gestattet sei, man dabei aber dennoch Rücksicht auf das Datenschutzgesetz nehmen müsse.

Für D’Andrea sind diese Sorgen übertrieben – und gefährlich für die Innovation. «Die öffentliche Wahrnehmung könnte den Gebrauch der Geräte dauerhaft negativ beeinflussen», befürchtet er. Im Grunde sei das Thema überbewertet. «Kameras in Mobiltelefonen und solche, die an öffentlichen Orten installiert sind, gefährden die Privatsphäre momentan viel mehr als die Drohnen.»

Die Kunden in Zürich sehen das Thema ohnehin deutlich pragmatischer. In einem grossen Zürcher Spielwarengeschäft probiert ein Vater ein kleines, mit dem iPhone steuerbares Modell aus. Er kauft es seinem bald 13-jährigen Sohn als Geburtstagsgeschenk, immerhin werde der ja nun zum Teenie. «Aber ganz ehrlich, ich will schon auch damit spielen», gibt der Mann zu. Es sei ja schon eine faszinierende Spielerei. Sein Traum: Dass die Drohne ihm irgendwann mal die Zeitung oder Zigaretten holen kann. «Das ist immerhin einfacher, als einen Hund zu erziehen.»

Interview mit Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons


Es gibt einen Verkaufsboom bei zivilen Drohnen. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Bruno Baeriswyl:

In den letzten Jahren hat sich die Kameratechnik enorm verbessert und scharfe Foto- oder Videoaufnahmen sind aus grosser Distanz möglich. Die Technologie und ihre Anwendung beinhalten aber Risiken in Bezug auf den Schutz der Privatsphäre.

Gehen bei Ihnen mehr Beschwerden oder Anfragen zum Thema ein?
Da es keine konkreten Bestimmungen zum Einsatz von Drohnen gibt, müssen die allgemeinen Regeln des Datenschutzes ausgelegt werden. Hier scheint ein grösserer Bedarf vorhanden zu sein. Bei uns nehmen Fragen zu den Grenzen des Einsatzes von Drohnen zu.

Was dürfen die Anwender?
Sobald eine Person identifizierbar wird oder ein Garten oder ein Haus einer bestimmten oder bestimmbaren Person ohne grossen Aufwand zugeordnet werden kann, sind die datenschutzrechtlichen Bestimmungen anwendbar. Das bedeutet, dass Aufnahmen durch eine Kamera oder auch lediglich das Beobachten nur mit der Zustimmung der betroffenen Person erfolgen dürfen. Für den Betreiber der Drohne bedeutet dies, dass er nur nicht identifizierende Aufnahmen machen darf.

Kann man das wirklich überwachen?
Da Drohnen weit weg und leise sind, bedeutet es für betroffene Personen auch, dass sie es kaum bemerken, wenn sich ein Betreiber nicht an die Vorschriften hält. Deshalb lässt sich ein Missbrauch kaum ahnden.

Wenn ich eine Drohne über mir fliegen sehe – wie kann ich reagieren? Dürfte man sie ausser Gefecht setzen?
Um allenfalls zur Selbsthilfe greifen zu dürfen, müsste es sich schon um eine schwere Verletzung der Privatsphäre handeln, die nicht anders abgewendet werden kann.

 

Drohnen: Stille Killer

Schlagkraft
Die Streitkräfte in den USA verfügen über schätzungsweise 7000 Drohnen. Die unbemannten Flugkörper werden dabei für Militärschläge, Spionagezwecke, aber auch für die Versorgung von Militäreinheiten eingesetzt. Ein Pilot sowie ein N avigator lenken die ferngesteuerten Objekte. Nach Plänen des Pentagon sollen rund um die Uhr bis zu 85 Drohnenverbände eingesetzt werden können. Obwohl Präsident Obama immer häufiger als «Drohnenkrieger» gescholten wird, setzt die Armee weiterhin auf das effiziente Instrument, Gegner auszuschalten. Die USA sind aber nicht das einzige Land, das Drohnen einsetzt. Knapp 50 Länder entwickeln die Kampfmaschinen für ihre Streitkräfte, auch in der Schweiz gibt es Diskussionen darüber.

Deutschland
In Kritik geriet der deutsche Verteidigungsminister de Maizière kürzlich, weil er die Enwicklung der Drohne Euro Hawk wegen Zulassungsschwierigkeiten stoppen musste. Dennoch prüft die Bundeswehr weiter den Einsatz bewaffneter Drohnen und verhandelt mit Lieferanten. (sm)