Der Mensch ist und bleibt die einzige Quelle von Innovation. Aus seiner Kreativität entstehen immer wieder bahnbrechende Produkte oder neuartige Prozesse. Häufig werden die Ideen dazu in Alltagssituatio-nen fern der Arbeit generiert - beim Joggen, Duschen oder beim Spiel mit der dreijährigen Tochter.

Alles reiner Zufall? Nein. Ideen entstehen, wenn der Mensch offen ist für Neues, wenn er gewohnt ist, «outside the box» zu denken. Dazu braucht es eine Umgebung, die den Nährboden für Kreativität schafft und das Blickfeld öffnet. Es gilt, Verschiedenartigkeiten zu suchen und zu nutzen - innerhalb und ausserhalb des Unternehmens.

Lohnende Blicke über den Zaun

Ein Konzept mit hohem Innovationspotenzial ist Cross Industry Innovation: Bewährte Technologien, Systemlösungen, Prozesse oder Geschäftsmodelle aus anderen Branchen oder Industrien werden auf Produkte und Prozesse im eigenen Unternehmen übertragen. Die Innovationstätigkeit in den meisten Unternehmen wird stark durch die Leitplanken des eigenen Wirtschaftszweiges begrenzt. Daher ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mit einem «Blick über die Grenzen» neuartige Lösungen entstehen. Dieses Feld wird jedoch zu selten und vor allem zu wenig systematisch bearbeitet.

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Erfolgsbeispiele für branchenübergreifende Innovationen gibt es viele: Das Steuerungs-Device «iDrive» von BMW basiert auf der bewährten Joystick-Technologie aus der Computerspielbranche. In einem Nähfuss des Textilmaschinenherstellers Bernina sorgt ein optischer Sensor aus der Computermaus für die Regelung der Stichlänge. Der qualitativ hochwertige Milchaufschäumer von Nespresso nutzt das magnetische Antriebsprinzip von Labormischern. Das bei Automobilen verbreitete Flottenmanagement wird von Hilti erfolgreich im Bereich der Profiwerkzeuge kommerzialisiert.

Gezielte Förderung nötig

Querdenken ist ein kreativer Prozess, der gezielt gefördert werden muss - mit strukturierten Vorgehensweisen und Methoden. Dies mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, zumal empirische Studien zeigen, dass nur gerade 2% aller Innovationen in strukturierten Meetings erarbeitet werden. Zündende Ideen entstehen tatsächlich häufig auf der Bergtour oder am Stammtisch. Den Grundstein dazu hat jedoch meist schon ein geplantes Meeting Tage zuvor gelegt. Es gab den entscheidenden Impuls, um bestehende Denkmuster zu durchbrechen.

Im Kern aller Kreativität steht eine offene Innovationskultur. Diese lässt sich jedoch nicht ad hoc herbeiführen, sie entsteht in einem langen Prozess der kleinen Schritte. Doch wie muss eine Innovationskultur gestaltet sein? Wie lassen sich die Innovationsaktivitäten steuern, damit ein Nährboden für neue Produkte und Dienstleistungen entsteht?

Improvisieren wie im Jazz

Im Jazz befolgen die Musiker lediglich einige Grundregeln - der «Rest» ist Improvisation. Sie ist es, welche für Spannung sorgt, da immer wieder Neues kreiert wird. Wenn die Zuhörer den Swing spüren, schnippen sie mit den Fingern, eine anregende Stimmung schaukelt sich auf - die Musiker werden zu neuen Improvisationen inspiriert. Eine ähnliche Dynamik kann ein Entwicklungsteam spüren, wenn sich eine neue Produktidee ergibt, die latente Marktbedürfnisse deckt. Gute Testergebnisse und positive Rückmeldungen von Kunden motivieren das Team zu Höchstleistungen. Dies zu ermöglichen und gleichzeitig geeignete Strukturen für ein effizientes Tagesgeschäft zu schaffen, ist eine der grössten Herausforderungen für das Management.

In der Praxis fehlt es oft nicht an guten Ideen, sondern an deren Umsetzung. Innovation muss gezielt gefördert und organisiert werden. Neben einer starken Innovationskultur und viel Fachkompetenz in Markt- und Technologiefragen sind geeignete Strukturen, Prozesse und Werkzeuge notwendig. Die Entwicklung der Bereitschaft und der Fähigkeiten für erfolgreiche Kooperationen mit Partnern spielt eine zentrale Rolle. Ganz entscheidend für den Wachstums- und Rentabilitätsbeitrag von Innovationen sind aber Managementkompetenz, nachhaltige Zeithorizonte und der Mut zu Entscheidungen und unternehmerischen Risiken.

Radikale Innovationen bergen neben grösseren Chancen zur Differenzierung auch höhere Entwicklungs- und Marktrisiken. Gefordert ist ein professionelles Risikomanagement. Dazu gehört auch der Mut zum Projektabbruch, wenn neu gewonnene Erkenntnisse die Wirtschaftlichkeit in Frage stellen. In der Schweiz gilt das Scheitern eines Vorhabens nach wie vor als persönlicher Misserfolg. Im Silicon Valley würde derselbe Unternehmer wahrscheinlich ermutigt, einen weiteren Versuch zu wagen.

Die Schweizer Mentalität setzt allzu oft auf Perfektion und Sicherheit - von solchen Paradigmen muss sich das Management lösen. Gefragt sind starke Führungspersönlichkeiten, die Denkmuster aufbrechen und Mut zur Innovation zeigen.