Die zwei Monate zwischen dem Banklehrabschluss und dem Eintritt in die Rekrutenschule hatten ganz unerwartet über seine berufliche Zukunft entschieden. Während diesen paar Wochen hatte Fritz Brühlmann (1946) bei seinem Onkel und Mitinhaber der Card SA, Robert Lüssi, mitgeholfen, das Parfum-Exportgeschäft von Nina Ricci, Paris, für die Efta-Länder zu organisieren. Dabei entdeckte er die schöne Welt der edlen Düfte. Statt wie geplant nach dem Militärdienst ins Londoner Börsengeschäft einzusteigen, entschied er sich für die Parfums. Die Faszination war eine doppelte: Zum einen der Wettbewerb im harten Geschäft um Umsatz und Marktanteile, zum anderen die edlen Produkte und die Nähe zur Kunst. Diese hatte ihn schon in seiner Jugend fasziniert.

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Die ersten Kontakte seien zwar banal und trotzdem prägend gewesen. «Wir wohnten neben dem Kunsthaus Aarau. Der Leiter war ein Schulkollege meines Vaters.» Bei der Eröffnung des Neubaus habe er zwar nur Getränke serviert, aber trotzdem gesehen, was an den Wänden hing. Mit 19 kaufte Brühlmann seine ersten beiden Bilder, Arbeiten von Robert Guignard, dem Vater des heutigen Stadtpräsidenten Marcel Guignard von Aarau. «Ich habe die Bilder immer noch. Sehr gute Arbeiten, doch unsere Vorlieben sind heute andere», so Brühlmann fast entschuldigend, weil die beiden Guignards in Nebenräumen hängen.

«So möchte ich einmal wohnen»

Haus wie Wohnstil verdanke er dem Freund und Architekten Hans Rohr. Dieser hatte seinerzeit zur Einweihung seines umgebauten Bauernhauses eingeladen. Brühlmann erinnert sich: «Es war für mich eine totale Überraschung. Diese Transformation hinter der bäuerlichen Fassade ohne nostalgischen Schnickschnack. Alles zweckmässig durchdacht, kaum Farben, dafür Licht- und Schattenspiele in Weiss, Grau, Schwarz, eine befreiend ruhige Atmosphäre!», so Brühlmann. Für ihn sei das damals ein Schlüsselerlebnis gewesen. «Da wusste ich, so möchte ich wohnen.» Und zu Hans Rohr habe er gesagt: «Falls ich je bauen kann, dann mit dir.»

Als das Architekturbüro Egli + Rohr für die Reihenhaussiedlung in Baden-Dättwil bauwillige Interessenten suchte, fragte Rohr an. Und Brühlmann war begeistert dabei. Das Projekt gefiel ihm. 1987 zogen die Brühlmanns ins «Drüteli» in das Eckhaus an der Quartierstrasse. Ihr Nachbar ist das Mehrfamilienhaus, das wie ein Scharnier die Siedlungsreihe mit den anderen fünf Einfamilienhäusern um 90¼ von der Strasse weg Richtung Wald abwinkelt.

Im Einfachen liegt Eleganz

Das Haus ist zur Gartenseite hin drei Stockwerke hoch, zur Strasse hin dagegen vier. Diese viergeschossige weisse Hausfassade wird nur im ersten Stock durch die Fensterreihe von Küche und Wirtschaftsraum unterbrochen. Das Haus kehrt der Strasse sozusagen den Rücken zu, wirkt abweisend und kühl. Es gibt kein einladendes Vorgärtchen, stattdessen verbirgt eine hohe Betonmauer den Hauseingang. «Fahrt einfach durch die Mauerlücke in den Hof», so Brühlmann. Realistisch, praktisch und der Zeit gemäss: Im teils gepflästerten und teils mit Kies bedeckten Hof können bis zu sechs Autos parkieren. Visitenkarte ist hier der verglaste Eingangsbereich, der neugierig macht.

Man sieht ins Entrée. Dort steht das schwarzweisse Sideboard «stripe», das Trix und Robert Haussmann 1988 für den ebenfalls hier ansässigen international bekannten Möbelhersteller Wogg entworfen hatten. Wie ein Fundstück aus dem All schimmert auf dem schwarzen Boden ein Metallobjekt von Peter Hächler. Wie zufällig liegt unter dem Treppenaufgang ein dunkler Kubus, eine Grafitarbeit von Marianne Kuhn. Die weisse Metalltreppe führt hinauf zum Gartenniveau. Dort befinden sich Essbereich, Küche, Wirtschaftsraum und Arbeitszimmer.

Die Einfachheit der Einrichtung verblüfft: Auf dem grauen Sandsteinboden steht ein langer, dunkelgrauer Tisch, daran jene Stühle, die der französische Stardesigner Philippe Starck 1984 für das damals legendäre Café Costes in Paris entworfen hatte. Ihre Holzrücken setzen warme Akzente im schwarzweiss dominierten Interieur. Neben dem Cheminée steht «Abraxas», ein geheimnisvolles Objekt aus Blei, Marmor und Plexiglas des Plastikers Albert Siegenthaler. Neben der Glasfront mit Sicht auf Wiese und Wald werfen präzis aufgereihte schwarze Stäbe ihre Schatten an die weisse Wand. Der Künstler Gunter Frentzel habe sie dort eigenhändig lose platziert. «Ein fragiles Werk, das halt manchmal wie ein Mikkado auseinander fällt.» Annette und Fritz Brühlmann kennen fast alle Künstler persönlich, mit deren Arbeiten sie hier wohnen. Die meisten seien Schweizer. So auch Beat Zoderer aus Wettingen. Sein horizontales, vielfarbiges Werk aus Holz hat er massgerecht für die Wand zwischen Küche und Essbereich konzipiert. «Wenn man steht, zeigt das Objekt seine vielfarbige Aufsicht, und wenn man am Tisch sitzt, überrascht die Untersicht», so Annette. Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst sei faszinierend. Gemeinsam besuchen sie Ausstellungen im In- und Ausland und immer auch jene der Galerie Hans-Trudel-Haus in Baden. Seit 1998 ist Fritz Brühlmann Präsident des Stiftungsrates Hans-Trudel-Haus.

Kristallene Zeugen erzählen Parfumgeschichte

Im Arbeitszimmer von Fritz Brühlmann, bis Ende 2004 Direktor von Puig Suisse, steht die komplette Flakonsammlung der Parfums aus dem Hause Nina Ricci. Die legendäre Duftgeschichte beginnt 1946 mit «CÏur-Joie». Das herzförmige Flakon aus reinstem Kristall ist eine Kreation des Glaskünstlers Marc Lalique. Bis 1976 hat er all diese Kostbarkeiten für die Nina-Ricci-Parfums kreiert. Danach übernahm seine Tochter Marie Claude Lalique diese höchst anspruchsvolle Aufgabe. Brühlmann stellt die Rarität zurück ins Regal. Daneben steht «L'Air du Temps», das Flakon mit dem Taubenpaar, das seit 1948 für Frieden und Liebe wirbt. Damals hat Robert Ricci, Sohn der Grande Dame der Haute Couture, Nina Ricci, jenen Duft gefunden, der heute noch weltweit erfolgreich ist. «So auch in der Schweiz», erfahren wir. Annette Brühlmann-Frisch, die als Lifestyle-Journalistin u.a. über Parfums schrieb, erinnert sich an ihr allererstes: «Es war das von Nina Ricci 1961.» Eine Liebe also, lange bevor sie Fritz Brühlmann kannte. Sie schwärmt und ist überzeugt, dass jener Duft gerade heute wieder gefallen könnte. Er bedauert: «Es gibt ihn leider nicht mehr.» Mit dem Flakon könne er noch dienen. Schon hält er eine weitere Kristallarbeit von Marc Lalique in den Händen.

Es sei schon so, er fühle sich mit dem Hause Nina Ricci eng verbunden. Irgendwie habe man zur Familie gehört, wenn auch auf Distanz. Gerne erinnert er sich an Robert Ricci, an seine distinguierte Eleganz, an seine Äusserungen wie «ein Parfum ohne Seele ist wie eine Frau ohne Ausstrahlung» oder «ein Parfum ist keine Ware, seine Kreation ist ein Liebesakt». Robert Ricci war ein «Homme de Lettres». Die Namen seiner Parfumkreationen wie «Fille d'Eve», «Fleur de Fleurs» oder «Nina» sind immer auch persönliche Liebeserklärungen. Ricci lud grosse Künstler zur Mitarbeit ein. In den 60er Jahren gestaltete der amerikanische Pop-Art-Künstler Andy Warhol die Schaufenster für das Haute-Couture-Haus in Paris, in den 70ern holte er für Werbung von «L'Air du Temps» den englischen Fotografen David Hamilton. Bei der Lancierung seiner letzten Parfumkreation 1987 «Nina» zu Ehren der verehrten Mutter lud Robert Ricci in die Oper ein. Dort tanzte Sylvie Guilhem nach einer Choreografie von Maurice Béjart zu einer Etüde von Bach.

Im Jahre 1988 übergab Robert Ricci die Leitung des inzwischen in 130 Ländern tätigen Unternehmens seinem Schwiegersohn Gilles Fuchs, zwei Monate später erlag er einer Herzattacke. Gilles Fuchs führte das Haus in seinem Sinne weiter. Er entstammt einer Parfumeurfamilie aus Grasse, ist promovierter Jurist und passionierter Kunstsammler mit sicherem Gespür für Trends. Seit 1955 war er im Unternehmen tätig und auch massgebend an dessen internationalem Erfolg beteiligt. Die Nachfolge innerhalb der Familie war für die nächsten Jahre gesichert. 1998 ist das weltweit etablierte Maison Nina Ricci an die Familie Puig in Spanien verkauft worden. Für Fritz Brühlmann ging damit eine über 30 Jahre lange Lebensphase zu Ende, die ihn mit Nina Ricci verbindet. «Der eines Hauses lässt sich nicht kaufen», sagt er. Es sei eine schöne und höchst anregende Zeit gewesen. Die nehme er wie ein Geschenk mit in die Zukunft.

«Kunst ist wie das Salz in der Suppe ...

... ohne sie ist das Leben fad.» Der Wohnraum ist das Herzstück im Haus. Teils ist er doppelgeschossig mit entsprechend hohen Wänden bis unters Dach. Man hat Durchsichten in den Essbereich hinunter, hinauf zur Galerie, hinüber zu den Treppen und durch die Fensterfront hinaus über die Terrasse ins Grüne. Ausser der grossen westseitigen Glasfront gibt es keine weiteren Fensteröffnungen. Dies mit Absicht. «Wir wollten grosse Flächen für unsere Bilder.» Noch gibt es Wandreserven für Neuanschaffungen. Doch sie können warten, wollen nicht die Wände füllen. Die Einrichtung ist zweckmässig. Übers Eck stehen zwei schwarze Ledersofas mit weissen Rückenlehnen, die optisch in der weissen Wand verschwinden. Die Regale für die Bücher sind niedrig, die Wände gehören den Bildern. Nebst den Sofas gibt es zwei Lesesessel und weitere Ablageflächen für die Bücher.

Neben dem allseitig offenen Wohnbereich liegt der Arbeitsbereich von Annette. «Seit einem Jahr auch der Firmensitz von zurich-inside by Annette Brühlmann-Frisch», verbessert uns die Jungunternehmerin. Schon klingelt wieder ihr Telefon. Eben haben zwei Zürcherinnen eine Besichtigung von Zürich-West gebucht. Das sei jetzt die achte Buchung dieser Art, freut sie sich. Auf ihrer Webside unter www.zurich-inside.ch erfährt man, was sie anzubieten hat: Sie begleitet ortsfremde Touristen wie auch neugierige Zürcher und Zürcherinnen durch die Stadt. Dabei berichtet sie über allerlei Wissenswertes, das nicht in jedem Touristenführer steht. Als diplomierte Übersetzerin spricht sie Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Sie geht mit Kundinnen auf Shoppingtour, verrät Insider-Tipps, berät, wenn erwünscht, in modischen Fragen und organisiert für Firmen und Private massgeschneiderte Events. Zwei persönliche Vorlieben stehen Pate für ihre «zurich-inside»-Idee: Zum einen die Liebe zu Zürich und zur Stadtentwicklung, zum anderen die Neugier, interessierte und interessante Menschen zu treffen. Das sei aufregend und anregend.

Nach einem hektischen Tag in der Stadt freut sie sich auf das Heimkommen. Sie liebt die ländliche Umgebung, den Spaziergang im Wald, die Ruhe. Trotzdem. «Wir sind Städter und wohnen hier in einem Stadthaus.» Und sie verweist auf den Lift, der vom Parkplatz bis in den vierten Stock hinauffährt. Doch aufgepasst: «Lift fahren haben wir uns verboten.» Der Aufzug dürfe nur im Krankheitsfall und für schwere Warentransporte benutzt werden. «Nicht weil der Lift zu schwach ist. Das Verbot soll verhindern, dass wir es werden.» Treppensteigen hält fit! Wir halten uns gerne daran. Zu Fuss kann man in diesem Haus noch einiges entdecken.

Zur Galerie

Die Galerie Hans-Trudel-Haus an der Oberen Halde in der Altstadt von Baden gehört einer privaten Stiftung, die dank finanzieller Unterstützung zahlreicher Gönnerinnen und Gönner 1968 die Liegenschaft von der Familie des Badener Künstlers Hans Trudel übernahm und seit 1970 für den Galeriebetrieb verantwortlich ist.

Präsident des Stiftungsrates Hans-Trudel-Haus: Fritz Brühlmann.

Galeristin: Brigitte Rosenberg

www.trudelhaus.ch

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