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Analyse
Woran die Europäische Superbörse wohl scheitert

Tower Bridge in London: Die Londoner Börse schliesst sich wohl nicht mit Frankfurt zusammen. Keystone

Die Hochzeit ist ziemlich sicher geplatzt: Die Börsen von London und Paris schliessen sich nicht zusammen. Es gibt eine offizielle Begründung dafür – doch Beobachter halten sie für einen Vorwand.

Veröffentlicht am 27.02.2017

Das Aus kam früher als erwartet: Die Fusion der Londoner und der Frankfurter Börse ist aller Voraussicht nach auch beim fünften Anlauf gescheitert. Die London Stock Exchange sträubt sich dagegen, einen weiteren Geschäftsteil zu verkaufen, um die Zustimmung der EU-Kommission zu dem Zusammenschluss mit der Deutschen Börse zu erhalten.

Daher werden die Brüsseler Wettbewerbshüter den gut 25 Milliarden Euro schweren Deal wohl untersagen. «Die Hürden scheinen so hoch zu sein, dass es unwahrscheinlich wird, dass die Transaktion stattfindet», sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. Die Aktien der Deutschen Börse brachen am Montag zeitweise um fünf Prozent ein, LSE-Papiere fielen drei Prozent. Bis Handelsschluss reduzierten sich die Kursverluste jedoch.

Der Brexit stellte alles in Frage

Die Fusionspläne standen wegen des bevorstehenden Austritts Grossbritanniens aus der EU unter einem schlechten Stern. Doch hatten Experten erwartet, dass die Fusion erst am Widerstand der hessischen Börsenaufsicht scheitern könnte. Diese hatte – wie die Bonner Finanzaufsicht BaFin – darauf gepocht, dass der Sitz der fusionierten Börse in Frankfurt sein müsste und nicht wie geplant in London, also künftig ausserhalb der EU. Dass nun wohl schon das Veto aus Brüssel den Ausschlag gibt, kam überraschend.

«Da haben sich Sturmwolken zusammengebraut, die letztlich zu diesem Ausgang geführt haben», sagte der europa-kritische konservative Unterhaus-Abgeordnete Bill Cash. «Das ist gut für Grossbritannien. Mit dem Brexit hat sich alles geändert. Es war undenkbar, dass unsere Börse nach einem Brexit praktisch aus Deutschland geführt würde.»

Ermittlungen gegen Kengeter

Dazu kamen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt gegen Börsen-Chef Carsten Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel. LSE-Aufsichtsratschef Donald Brydon hatte deshalb schriftlich gegenüber seinem deutschen Kollegen Joachim Faber Vorbehalte gegen Kengeter als Chef der fusionierten Börse geäussert, wie zwei mit der E-Mail vertraute Personen sagten. Das habe auch bei der Entscheidung der LSE, de facto die Reissleine zu ziehen, eine Rolle gespielt.

Vordergründig liess die LSE die Fusion an der Forderung der EU-Kommission scheitern, auch die italienische Handelsplattform MTS zu verkaufen. Auf ihr werden europäische Staatsanleihen und andere Bonds gehandelt. Die LSE, der auch die Mailänder Börse gehört, hatte Zweifel, dass die Behörden in Italien – in Sorge um die italienischen Staatsanleihen – einen Verkauf genehmigen würden, wie es hiess.  Sie hatte bereits als Zugeständnis angeboten, ihr Abwicklungshaus Clearnet SA für 510 Millionen Euro an die Pariser Euronext abzugeben.

Brüssel stellte zusätzliche Forderungen

Doch der EU-Kommission reichte das nach der Befragung von Kunden der Börsen nicht aus. Sie verlangte zusätzlich den Verkauf der MTS. Auch dafür hätte die Euronext als natürlicher Käufer gegolten. Sie hätte dann die Transaktionen der MTS über Clearnet selbst abwickeln können.

Manager der Deutschen Börse halten die Entscheidung der LSE laut Finanzkreisen für einen Vorwand. Sie glauben, dass die LSE-Spitze sich nicht auf eine Debatte über den künftigen Firmensitz einlassen wollte. Das Verhältnis unter den Fusionspartnern habe sich in den vergangenen Monaten eingetrübt. Die LSE-Führung sei Gesprächen mit der Deutschen Börse über eine Verlagerung wiederholt ausgewichen.

Das Scheitern darf nicht überraschen

«Sie wollen nicht die ersten sein, von denen ein deutliches, sichtbares Zeichen ausgeht, dass der Brexit unaufhaltsame Nachteile für Grossbritannien hat», hatte Hessens Finanzminister Thomas Schäfer kürzlich zu Reuters gesagt. «Das ist ein hochsensibles Umfeld, in dem es auch um staatliche Interessen geht. Da ist ein Scheitern nicht unüblich», sagte Fondsmanager Speich.

Erst eine halbe Stunde vor der Veröffentlichung setzte die LSE die Deutsche Börse über ihre Absage an die EU-Kommission in Kenntnis, wie mehrere Insider sagten. Formal prüft die Brüsseler Behörde noch bis zum 3. April, unter welchen Bedingungen sie der Fusion zustimmen könnte. Doch dass die Fusionspartner noch einen Ausweg finden, ist unwahrscheinlich.

Verlobung hielt nur ein Jahr

Die Börsen-Hochzeit war vor fast genau einem Jahr verkündet worden. Daraus sollte ein europäischer «Champion» entstehen, der den US-Rivalen CME und ICE das Wasser reichen kann. Massgeblich vorangetrieben wurde das Projekt von Deutsche-Börse-Chef Kengeter. Vier Fusionsversuche waren vorher schon gescheitert, zwei sogar, bevor die Öffentlichkeit davon Wind bekam.

Einer der grössten zehn Aktionäre der Deutschen Börse sagte, die Glaubwürdigkeit von Vorstand und Aufsichtsrat habe gelitten. «Die Fusion wurde offenbar schlecht vorbereitet.» Dagegen sagte Union-Fondsmanager Speich: «Das Leben wird weitergehen für die Deutsche Börse. Sie wird etwas vorlegen müssen, um die Aktionäre bei der Stange zu halten.»

Es gab immer einen Plan B

Investmentbanker Kengeter hatte schon früh klar gemacht, dass er einen ‹Plan B› in der Hinterhand hat und nicht nur auf die LSE-Fusion setzt: «Für die Deutsche Börse ist es ein grosses und wichtiges Projekt, aber wir könnten auch andere Projekte machen. Da haben wir genügend Phantasie.»

(reuters/mbü)

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