Vor mehr als 25 Jahren, ungefähr 1982, haben Sie mit dem Sammeln angefangen.Was war der Auslöser für diesen Einstieg in die zeitgenössische Kunst?

Adrian Koerfer: Das Virus des Sammelns, geprägt durch die Gene, schlummerte zwar lange Zeit unbewusst in mir, aber ich hatte überhaupt keine Idee davon, dass aus meinen Ankäufen einmal eine veritable Sammlung entstehen würde. Ich wollte auch nie eine Sammlung haben. Als ich anfing, ging es nur darum, das eine oder andere Bild zu kaufen, um es bei mir in meiner winzig kleinen Wohnung an die Wand zu hängen. Auch fing es mit einer Freundschaft mit den Malern Ingo Meller und Simon Link an. Ich konnte nicht nur ihre Bilder sehr günstig erwerben, sondern sie mit meinen Ankäufen auch unterstützen. Das ist auch heute eine wesentliche Motivation für meine Sammelei.

Heute haben Sie aber eine Sammlung! Wie gross ist sie?

In meiner Sammlung sind heute 80 bis 90 Künstler und Künstlerinnen vertreten mit ungefähr 800 Arbeiten.

Stimmt es, dass das Schwergewicht auf der Malerei liegt?

Ja, ganz eindeutig. Als ich anfing Bilder zu kaufen, hat niemand Malerei gesammelt. Damals, um 1982 herum, gehörte es zum guten Ton, keine Malerei zu machen, keine Malerei auszustellen und schon gar keine Malerei zu kaufen. Das fand ich schon mal interessant, denn ich bin mit Malerei aufgewachsen. Von daher war ich auch präfixiert. Ausserdem spielte für mich als Student der Kunstgeschichte nebst der klassischen Architektur immer auch die Malerei eine sehr zentrale Rolle. So war es für mich klar, wenn ich mich für irgendeinen Bereich der bildenden Künste interessieren würde, wäre dies die Malerei.

Haben Sie denn gar keine Skulpturen in Ihrer Sammlung?

Doch. Ich habe ein paar Skulpturen von Anthony Gormley, Miroslav Balka und James Reineking, aber damit hat es sich im Grunde auch schon. Diese Skulpturen betrachte ich wie «Scharniere» zur Malerei. Auch sie haben mit der Kunst des Minimalismus zu tun, mit der Kunst der Abstraktion, und so passen sie auch in meine Sammlung. Sie sind wie malerische Positionen auf dem Boden, wobei es nicht nur um den architektonischen Aufbau geht, sondern auch um die Farbe.

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In den Ausstellungen Ihrer Sammlung, beispielsweise 2008 im Kunstmuseum Bern, führen Sie als Kurator immer wieder gegensätzliche Positionen, Skulpturen und Malerei oder Stoffobjekte und Malerei zusammen. Weshalb?

Weil es mir Spass macht, dass ich das mit dieser Sammlung machen kann! Mittlerweile ist sie nämlich so angewachsen, dass man sozusagen in die Trickkiste greifen kann, um etwas herauszuholen, was dann eine ganz überraschende Kombination ergibt: So zum Beispiel die abstrakte Malerei von Joseph Marioni mit den Stoffobjekten von Andreas Exner, was Marioni nicht unbedingt schätzte. Ebenso kombinierte ich Helmut Federle mit dem holländischen Maler Jos van Merendonk. Federle war mit dieser Kombination nicht glücklich. Er wollte allein hängen, aber ich muss diese künstlerischen Egoismen manchmal aufbrechen. Das sind Impulse, die ich als Sammler geben kann und darf.

Wieso heisst Ihre Sammlung «Sammlung Mondstudio»?

Es gibt dafür einige Gründe. Zum einen wollte ich nie eine «Sammlung Koerfer» haben, denn mein Bruder Thomas sammelt unter diesem Namen und auch mein Vater hatte dies getan. Ich wollte auch hinter meiner Sammlung zurücktreten und nicht davorstehen. Als ich dann einmal an einem «Sonnenstudio» vorbeifuhr, dachte ich, wieso nenne ich meine Sammlung nicht «Mondstudio». Mit dem Mond fühle ich mich durchaus verbunden, nicht nur, weil ich viel nachts arbeite.

Sie haben einmal gesagt: «Das wichtigste Wort eines Sammlers ist das ?Nein?.» Steckt dahinter Ihre Sammlungsphilosophie?

Natürlich steckt dahinter eine gewisse Philosophie. Wenn man gut sammeln will - was ich ja am Anfang gar nicht wollte -, muss man sehr entschieden sammeln, und zu einem solchen Sammeln gehört mit grosser Entschiedenheit das Nein. Ich erhalte täglich bis zu fünf entweder neue Künstler oder alte Arbeiten angeboten. Ich muss mich somit immer entscheiden. Mit einem Ja entscheidet es sich zwar leichter, aber wichtiger ist das Nein. Man muss lernen, Nein zu sagen.

In Ihrer Sammlung finden sich viele abstrakte Positionen von hoher Qualität. Werke von Robert Ryman, Andy Warhol und Gerhard Richter sind darunter. Waren diese in den 80er-Jahren Ihre «Einstiegskünstler»?

Meine «Einstiegskünstler» waren Ingo Meller und Simon Link. Sie sind für mich nach wie vor sehr wichtig. Danach kamen dann schon sehr früh Günther Umberg und Joseph Marioni dazu und bald auch Alan Uglow und David Reed. Eine wesentliche Rolle bei der Gestaltung meiner Sammlung spielte auch der grosse Kölner Galerist Rolf Ricke. Durch ihn bin ich immer weiter ins Sammeln hineingeraten, ohne es zu wollen. Mit Gerhard Richter habe ich ein Buch gemacht, so habe ich ihn kennengelernt. Ich durfte mir dann bei ihm im Atelier etwas aussuchen, natürlich nicht geschenkt, aber im Vergleich zu seinen heutigen Preisen «ziemlich geschenkt».

Und wie kamen Sie zu Ihren Warhols?

Auch Warhol hatte Anfang der 90er-Jahre unter der «Delle» im Kunstmarkt zu leiden. Ich hatte das grosse Glück, damals genau die Werke erwerben zu können, die für meine Sammlung wichtig sind: Die «Egg»- und die «Shadow»-Paintings spielen nämlich in der Malerei-Diskussion eine grosse Rolle.

Waren die Bilder damals noch erschwinglich?

Ja, heute könnte ich mir diese Werke nicht mehr leisten. Ich habe ohnehin eine klare obere Limite: Ich kaufe nichts, was teurer ist als 150000, und zwar Dollar oder damals D-Mark und heute Euro. Keine einzige Arbeit in meiner Sammlung hat mehr als 150000 gekostet. Wenn Leute meine Sammlung sehen, beginnen viele, sofort die Preise durchzurechnen, und schliessen so auf immense Investitionen. Deshalb finde ich es wichtig, meine Ankaufsstrategie zu erwähnen.

Verkaufen Sie auch?

Ja, ich habe verkauft, weil ich, um ehrlich zu sein, noch nicht die Lizenz zum Gelddrucken erwerben konnte. Ich habe dann sehr gut verkauft via Christies. Mit 100 Einsatz habe ich nach 10 Jahren 650 erhalten. Das ist eine Rendite, die wohl keine einzige Bank realisieren konnte.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Arbeiten eines eher regional bekannten Künstlers kaufen, wie dies bis noch vor einigen Jahren Jos van Merendonk war?

Die Person des Künstlers ist für mich von zentraler Bedeutung. In der Regel sehe ich zuerst einmal seine Werke in einer Ausstellung oder in einem Katalog. Wenn ich die Arbeiten interessant finde, interessiert mich sofort auch der Künstler. Deswegen kenne ich auch praktisch 90% «meiner» Künstler, 50% davon gut und mit 20% von ihnen bin ich eng befreundet. Bei Jos van Merendonk, den ich inzwischen sehr mag, hat mich seine Radikalität mit ihren Variationsmöglichkeiten, die ein zentrales Thema meiner Sammlung ist, sehr interessiert.

Welchen Stellenwert haben Kunstmessen wie die Art Basel und Galerien für Sie?

Die Art Basel ist inzwischen die einzige ernst zu nehmende Messe, die ich noch besuche. Galerien sind für mich wichtig und nicht nur für mich, sondern auch, weil sie für die Künstler wichtig sind. Natürlich kaufe ich ab und zu aus einer Ateliersituation heraus. Grundsätzlich aber ungern, es sei denn, der Galerist - was mir in Frankfurt passiert ist - sagt: «Kauf doch direkt beim Künstler.» Die vermittelnde Position, die Galerien auf dem Kunstmarkt haben, betrachte ich als sehr wichtig. Mit Rolf Ricke hat meine Sammlungsgeschichte angefangen, und mit ihm und einigen anderen Galeristen bin ich sehr verbunden. Das «Aussen-herum-Kaufen» halte ich nicht für richtig.

Was hat Sie bewogen, mit Ihrer Sammlung an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich wurde von meinem Bruder Thomas dazu gezwungen. Der sagte vor zwei Jahren: «Höre doch endlich auf mit dieser Zurückhaltung, mit dieser Geheimniskrämerei um das Mondstudio. Jetzt hast du eine Ausstellung in Bern und jetzt musst du einmal mehr als bloss einen ?blassen Schimmer? deiner Identität preisgeben.» Ich habe es dann zwar gemacht, wollte mich aber danach wieder zurückziehen. Dies ging dann aber nicht mehr.

Heute haben Sie eine enge Verbindung zu den Museen Wiesbaden, Bonn und neuerdings auch mit dem Zürcher Haus Konstruktiv. Was beinhaltet diese Zusammenarbeit?

Durch diese Zusammenarbeit sind die Arbeiten aus der Sammlung wunderbar präsent: Sie sind nun auf lange Zeit, das heisst zweimal fünfzehn und einmal sieben Jahre, als Leihgaben an die Häuser gebunden. Bonn hat rund 140 Arbeiten mit dem Schwerpunkt «deutschsprachige» Malerei, wobei aber auch Alex Katz, David Reed und Bernard Frize vertreten sind. In Wiesbaden - wo kürzlich eine Einzelausstellung von Werken von Alan Uglow aus meiner Sammlung zu Ende ging - befinden sich nun 110 Arbeiten als Dauerleihgabe. Den Schwerpunkt bildet die amerikanische Kunst von den 60er-Jahren bis heute. Da passen Robert Ryman, Brice Marden, James Reineking und Alan Uglow perfekt. Das Haus Konstruktiv wird für sieben Jahre 45 Arbeiten erhalten - unter anderem von Remi Zaugg, John Wesley und Andy Warhol.

Gestalten Sie mit diesen Museen zusammen auch Ausstellungen?

Nur wenn es um Einzelausstellungen aus meinem Sammlungskontext geht, bin ich als Kurator dabei. Ich bin ausserdem auch selber Künstler. Ich fotografiere, habe bereits zwei Ausstellungen gemacht und werde im Herbst in einer Amsterdamer Galerie gemeinsam mit Reto Boller eine weitere Ausstellung bestreiten.

Und noch eine letzte Frage: Was raten Sie Kunstinteressierten, die eine Sammlung aufbauen möchten?

Ich rate ihnen zur Konzentration. Konzentration auf eine klare Fragestellung, auf eine eigene, persönliche Fragestellung. Weiter muss sicher Zuneigung dabei sein - und auf jeden Fall: «Don?t buy by ears!»