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Geschenk
Zurich-CEO erbt wohl über 100 Millionen aus Ära Hüppi

Rolf Hüppi im Jahr 2001: Damals amtete er als CEO und VRP von Zurich. Keystone

Seit wenigen Wochen ist Mario Greco bei der Zurich am Ruder. Gleich zu Beginn flattert ein dicker Millionengruss aus längst vergangenen Zeiten ins Haus.

Von Marc Iseli
am 29.04.2016

Roberto Baggio war ein Nationalheld. Im Sommer 1994 liess er eine ganze Nation vom Weltmeistertitel träumen. Fast im Alleingang rang er Nigeria nieder, eliminierte die Spanier und stellte den Bulgaren ein Bein. Dann drosch er den Ball über das Tor des brasilianischen Keepers Taffarel. Italien verlor das Spiel, ein Volk weinte.

Im gleichen Jahr, im gleichen Land, nahm auch ein ganz anderer Superstar Anlauf, um ein Loch zu reissen. Der damalige Zurich-Konzernchef Rolf Hüppi trat mit breiter Brust an, um den Versicherungskonzern zu einem globalen Vermögensverwalter umzubauen. Wie im Rausch investierte er Milliarden in den Kauf von Firmen, schnappte sich den Vermögensverwalter Kemper und das Finanzinstitut Scudder. 1997 folgte die Fusion mit dem Finanzgeschäft der britischen Tabakgruppe BAT. Die «Zürich» strich den Umlaut aus dem Firmennamen und nannte sich fortan weltenbürgerisch «Zurich».

Das letzte Gefecht

Nach der Jahrtausendwende brach der Gewinn ein. Es folgten mehrere Negativmeldungen, Rückstellungen, Devestitionen und ein massiver Kurszerfall der Aktie. Hüppi biss sich an der Spitze fest, Anfang 2002 gab er dann nach einem monatelangen Rückzugsgefecht auf und zog sich zurück. Sein Nachfolger baute das Institut um – ein jahrelanger Prozess.

Mittlerweile ist Mario Greco am Ruder. Seit März leitet der Italiener den Versicherungskonzern. Greco und Hüppi haben nie gemeinsam gearbeitet. Als Hüppi die fatale Einkaufstour startete, stand Greco im Sold der Allianz-Tochter RAS: Und als Greco dann 2007 zur Zurich wechselte, war Hüppis Stern bereits verblasst.

Gruss aus der Vergangenheit

Trotzdem kreuzten sich jüngst die Wege der beiden Versicherungsmanager. Die Shopping-Tour in den USA hat dem Konzern fünf Inseln nordöstlich von San Francisco ins Portfolio gespült. Die Inseln gehören zu einer Vielzahl von Parzellen im Einzugsgebiet des Sacramento und San Joaquin Rivers. Wegen des warmen Klimas, der fruchtbaren Torfböden und der reichen Wasservorkommen wird das Land intensiv bewirtschaftet. Angebaut werden diverse Früchte, Obst und auch Wein. Es sind teils mehrere Ernten im Jahr möglich.

Das Delta ist aber auch eine Quelle für Trinkwasser. Rund zwei Drittel der kalifornischen Bevölkerung bezieht das wertvolle Nass aus der Region. Weil das Klima in den letzten Jahren rauer wurde und dem Sonnenstaat eine bereits vier Jahre dauernde Dürreperiode bescherte, streiten sich nun zahlreiche Parteien um die Nutzungsrechte im Delta.

Millionen-Deal in Kalifornien

Die Zurich profitiert davon. Sie verkauft ihre Inseln für 175 Millionen Dollar an ein Konglomerat von mehr als einem Dutzend Städten, wie Nordamerika-Sprecher David Hilgen bestätigt. Ein über 100-seitiger Vertrag wurde Anfang April unterzeichnet.

Der Deal ist aber noch nicht in trockenen Tüchern. Die Kooperative gilt als das grösste Wasserkonglomerat des Landes. Gegner befürchten, dass sie den Bauern und anderen Städten das Wasser abgraben wird. Sie haben Beschwerde bei einem kalifornischen Gericht eingereicht, ein Entscheid steht noch aus.

Mega-Gewinn lockt

Sollte der Deal durchgehen, dürfte sich Greco über ein millionenschweres Antrittsgeschenk freuen – ein unerwartetes Erbe aus der Ära Hüppi. Mit welchem Wert die Inseln in den Büchern der Zurich sind, will die Firma zwar nicht preisgeben. Nordamerika-Sprecher Hilgen sagt aber, dass die Liegenschaft 1994 den Weg in die Zurich-Bilanz gefunden hat. Das sei eher beiläufig geschehen, zusammen mit der Akquise eines US-Versicherers. Die Inseln seien seinerzeit nicht im Fokus gewesen. Zurich habe sich nun zum Verkauf entschlossen, weil der Besitz der Liegenschaft nicht mit der «Kernimmobilienstrategie» vereinbar sei.

Wahrscheinlich lockt aber das Geld. «Nach einem Unternehmenserwerb macht man üblicherweise eine Kaufpreisallokation», sagt Peter Leibfried, Professor für Rechnungswesen an der Universität St. Gallen. Vermögenswerte und Schulden, die im Zuge einer Akquisiton die Hand wechseln, würden mit dem zum Kaufstichtag gültigen Wert ausgewiesen. Sprich: Die Inseln sind zum Wert von 1994 in den Büchern. Daran hat sich seither nichts geändert.

Günstig bewertet

Die Zurich bestätigt diese Aussage in ihrem eigenen Geschäftsbericht aus dem Jahr 1994. «Grundstücke und im Bau befindliche Liegenschaften sind zum Anschaffungs- bzw. Herstellungswert abzüglich notwendiger Abschreibungen bilanziert», heisst es darin. Die Bewertung entspreche einem «voraussichtlich allen Risiken Rechnung tragenden, vorsichtig geschätzten Marktwert».

Im Geschäftsbericht des Jahres 1994 findet sich auch der Wert aller Liegenschaften in den USA. Dieser lag Ende des Jahres bei 338 Millionen Franken. Im Vergleich zu 1993 ist das Plus von 39 Millionen Franken. Dieses Plus ist unter anderem auf den Erwerb der Inseln zurückzuführen, aber nicht nur, denn die Zurich hat in diesem Jahr auch noch andere Liegenschaften und Grundstücke erworben. Die Inseln dürften also mit einem Bilanzwert im tiefen zweistelligen Millionenbereich in den Büchern sein. Der Verkauf dürfte denn auch zu einem einmaligen Veräusserungsgewinn von über 100 Millionen Franken führen.

Schweigsamer Konzern

Die Berechnung bleibt spekulativ. Konfrontiert mit den Zahlen, gibt sich der Konzern zugeknöpft. Sprecher Frank Keidel weist darauf hin, dass damals viel Bewegung im Konzern war und dass nicht nur Liegenschaften zugekauft, sondern auch veräussert wurden. Der Vergleich der per Ende Jahr ausgewiesenen Summen könne daher irreführend sein.

Ganz ähnlich klingt es bei denen, die damals alle Fäden in den Händen hielten. Der einstige US-Chef William H. Bolinder will sich nicht äussern. Und der damalige Zurich-CEO Rolf Hüppi, der sich nach seinem Fall als Berater selbstständig gemacht hat und seither ein kleines Büro in Zürich betreibt, lässt nach zweimaligen Nachfragen von seiner Sekretärin ausrichten, dass er es bedauere, zur Frage keine Stellung nehmen zu können.

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