Roman Signer zieht ein künstlerisches Donnerwetter an Zeitskulpturen hinter sich her: Wasserspeiende Gummistiefel und explodierende Chefsessel gehören genauso zum Schaffen des St. Galler Aktionskünstler wie schwebende Kajaks und rieselnder Sand. Am 19. Mai wird er 75.

Im Bilanz-Künstler-Rating besetzt er zusammen mit dem Künslterduo Peter Fischli / David Weiss und John Armleder seit mehrern Jahren jeweils einen der Top-3-Plätze unter den wichtigsten Schweizer Künstlern. Den grössten Erfolg auf dem internationalen Auktionsmarkt feiert zurzeit zwar Urs Fischer mit seinen effektbetonten Gesten - wenn es um den Grad an Anerkennung von Kuratoren und Kritikern geht, liegt Roman Signer jedoch jeweils vorne.

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Bei Roman Signer muss es nicht nur ordentlich knallen, sondern es braucht auch immer Humor. In seiner Kunst schiesst und zischt es gerne, was ihm bei manch einem den Ruf des Spektakelkünstlers einbrachte. Signer verkraftet das mit einem verschmitzten Schalk, der auch seinem Werk innewohnt.

Auch die anfänglichen Anfeindungen und Verschmähungen konnten ihm nichts anhaben. 1987 erhitze er mit seinem roten «Wasserturm» im St. Galler Grabenpärkli die Gemüter. Eine Petition mit 4000 Unterschriften hatte die Entfernung des Brunnens verlangt, der aber immer noch munter sein Wasser am alten Standort versprüht.

Ungeliebtes Fass

Zehn Jahre später verschmähte die Universität St. Gallen (HSG) das Werk Signers und stellte stattdessen eine Eisenfigur von Bernhard Luginbühl auf das Unigelände. Inzwischen hat die HSG 14 Videoarbeiten von Signer in seiner Kunstsammlung.

Die Kontroverse über das Barrel, Symbol für Rohöl, findet mehr als 35 Jahre seit seiner Entstehung kein Ende. Vergangenen Monat loderte auf der Leserbrief-Spalte der Lokalpresse die Diskussion um den Fassbrunnen wieder auf.

Ein Leser schlug vor, den Lämmler-Brunnen, der vom Bahnhofplatz versetzt werden soll, im Grabenpärkli zu platzieren, und zwar anstelle des «ungeliebten und sinnlosen rostigen Fasses».

Mehr als Schall und Rauch

Roman Signer wuchs in Appenzell auf. Nach einer Bauzeichnerlehre absolvierte er in Zürich und Luzern den Vorkurs und die Bildhauerklasse, bevor er sich Anfang der 1970-er Jahre in Warschau weiterbildete. Dort lernte er seine Frau, die Künstlerin Aleksandra Rogowiec, kennen. Seit 1971 lebt Signer in St. Gallen.

Als freischaffender Künstler erlangte er mit seiner Aktionskunst am Bau und im öffentlichen Raum hohe nationale und internationale Anerkennung. Seit er 1987 zum Abschluss der documenta 8 in Kassel 300'000 Blatt weisses Papier in die Luft katapultierte, verfolgt ihn der Ruf eines Sprengmeisters.

Der Ruf wird Signer nicht gerecht. Was ihn interessiert, ist nicht der Knall, sondern die Transformation, welche die Explosion auslöst. Er wolle die Sprengungen orchestrieren, sagt Signer.

1989 hat sich der Künstler mit seiner «Aktion mit einer Zündschnur» von seinem Geburtsort verabschiedet und sich in 35 Tagen unendlich langsam entlang brennender Schnüre ins 20 Kilometer entfernte St. Gallen abgesetzt.

Klang und Bewegung

1999 bespielte er an der Biennale in Venedig den Schweizer Pavillon. Einzelausstellungen fanden auch in den Niederlanden, in Deutschland, Österreich, England, Irland, den USA und in Japan statt.

Die grosse Werkschau Roman Signers, die 2003 in der Lokremise der Sammlung Hauser und Wirth gezeigt wurde, breitete die ganze Weite seines künstlerischen Schaffens aus und lockte ein grosses Publikum nach St. Gallen.

Mit einer Aktion im rohen Gebäude machte er deutlich, wie wichtig Klang und Bewegung in der Lokremise sind: Auf dem Rücksitz einer schweren Maschine, begleitet von einer Eskorte weiterer Motorräder, kurvte er durch die Halle und hielt über Megaphon eine «Führung».

Nicht ohne Natur

Nichts geht bei Signer ohne die Natur und deren Kräfte. Er forscht, experimentiert mit Fantasie und anarchistischer Lust. Viele Arbeiten Signers verharren nicht nur in ihrem Potenzial. Sie werden zu Ereignissen umgesetzt. Dann übernimmt die Natur den aktiven Part. Sie vollende sein Werk, sagt Roman Signer. Und immer steht der Zufall dabei Pate.

Anlässlich des 75. Geburtstags von Roman Signer präsentiert die Kunsthalle St. Gallen ab dem 24. Mai eine Gruppenausstellung, die sowohl Hommage als auch Rekonstruktionsversuch und Experiment ist.

Ausgehend von Signers Einzelausstellung in der Kunsthalle im Jahre 1988 wird mit «Flex-Sil Reloaded» die Zentralität und Aktualität von Signers Schaffen für eine jüngere Künstlergeneration unterstrichen.

(rcv/sda)