Bei der Ermittlung der Opfer des Fährunglücks in der Adria spielt sich ein unwürdiges Hin und Her ab. Niemand weiss, wie viele Menschen an Bord waren. Mehr Tote werden gefunden. Die Vorwürfe der Passagiere sind erschreckend.

Die Behörden befürchten, dass weit mehr Menschen ums Leben gekommen sind als bisher bekannt. In dem Wrack der «Norman Atlantic» seien wahrscheinlich noch mehr Opfer, sagte der italienische Staatsanwalt Giuseppe Volpe, der mit den Ermittlungen beauftragt ist.

Blinde Passagiere im Laderaum?

Vor allem blinde Passagiere könnten darunter sein, da sie sich womöglich im Laderaum versteckt hätten. Bisher wurden elf Tote geborgen. Zudem kamen zwei albanische Einsatzkräfte beim Abschleppversuch der Fähre ums Leben, weil ein Tau gerissen war.

Aussagen von Geretteten legten nahe, dass auf den Autodecks schlafende Lastwagenfahrer ums Leben gekommen sind. Eine Lastwagenfahrerin sagte griechischen Medien: «Drei meiner Kollegen sind umgekommen.» Die Trucker hätten in der Fahrerkabine geschlafen. Niemand hätte die Passagiere rechtzeitig alarmiert. Das Feuer war vermutlich im Autodeck ausgebrochen.

Passagierliste stimmte nicht

Da es unterschiedliche Angaben zu der Passagierliste gab, ist unklar, wie viele Menschen auf der Fähre waren und somit vermisst werden. Staatsanwalt Volpe sagte am Dienstag, dass möglicherweise 499 Menschen an Bord waren. Gerettet wurden 427. Darunter sind nach Angaben des italienischen Transportministers auch zehn Schweizer.

Das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) teilte am Dienstagabend mit, dass sich auf der verunglückten Fähre sieben Schweizer Staatsangehörige und sieben in der Schweiz wohnhafte ausländische Passagiere aufhielten. Fast alle befanden sich inzwischen in Sicherheit. In einem Fall war noch eine Untersuchung im Gang.

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Das EDA ist mit allen Personen dieser Gruppe oder deren Familienangehörigen in Kontakt, betreut die Betroffenen im Rahmen des konsularischen Schutzes und unterstützt sie bei der Weiterreise.

Überlebende mussten auf Marineschiff ausharren

Die Suche nach möglichen weiteren Todesopfern zwang einen Grossteil der geretteten Passagiere dazu, noch weitere lange Stunden auf dem stürmischen Meer zu verbringen. Am Dienstagabend kam das Marineschiff «San Giorgio», das der brennenden Fähre «Norman Atlantic» zu Hilfe geeilt war, mit etwa 200 Überlebenden in Brindisi in Italien an. Im Hafen der süditalienischen Stadt war eine Krankenstation aufgebaut.

Das Drama hatte am frühen Sonntagmorgen begonnen, als auf einem Autodeck der «Norman Atlantic» ein Feuer ausbrach und sich rasend schnell ausbreitete. Manövrierunfähig trieb das brennende Schiff danach in Richtung albanischer Küste.

Besatzung war nicht vorbereitet

Erst nach einer anderthalbtägigen Rettungsaktion konnten die letzten Menschen von der Fähre geborgen werden. Das Schiffswrack wurde beschlagnahmt und sollte nach Brindisi in Süditalien geschleppt werden.

Gerettete Passagiere beschrieben die Besatzung der Fähre als komplett unvorbereitet für den Notfall. Die Crew habe keinerlei Anweisungen erteilt, wie die Passagiere auf den Notfall reagieren sollte.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Die Griechin Theodora Doulis, deren Mann Giorgos bei dem Unglück ertrank, beschrieb das Autodeck der Fähre - auf dem der Brand vermutlich seinen Ausgang nahm - als mit Treibstoff bedeckt. «Es stank nach Benzin. Das Schiff hätte in diesem Zustand nie den Hafen verlassen dürfen», sagte sie.

Gegen den italienischen Kapitän Argilio Giacomazzi und den Eigentümer der italienischen Reederei Visemar, Carlo Visentini, leitete die Staatsanwaltschaft in Italien Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführens einer Havarie ein. Die Reederei hatte die «Norman Atlantic» an die griechische Anek Lines verchartert. Auch die Staatsanwaltschaft in Piräus in Griechenland ermittelt.

(sda/gku)