In den kommenden Wochen ist die Hochzeit der Marathon-Veranstaltungen 2015 und somit auch quasi das Saisonende in Deutschland. Köln, Berlin, München, Frankfurt – die grossen und beliebten 42er bilden das Schlussfeuerwerk.

Für viele Läufer ist der Marathon das Highlight überhaupt – entweder der Glanzpunkt des Jahres oder die Erfüllung nach einer langen, oft jahrelangen Vorbereitung. Der Spass und der Genuss eines Marathons können jedoch schnell zur absoluten Nerverei werden, weil es Menschen gibt, die nicht verstanden haben, dass ein Marathon keine Weltmeisterschaft der Egos und Einzelkämpfer ist. Jeder muss sein Rennen machen, keine Frage. Aber es gibt Dinge, die müssen jetzt einfach mal raus. Die gehen einfach nicht.

1. Ein Marathon ist kein Hindernislauf

Beinahe jeder Veranstalter setzt auf die Ehrlichkeit des einzelnen Läufers. So gibt man bereits bei der Anmeldung eine realistische Zeit an, in der man ins Ziel kommen will – und vor allen Dingen auch kann. Danach richtet sich, in welchem Startfeld man losläuft. Je schneller man sein wird, desto weiter vorn wird man positioniert. Der Läufer schätzt sich also selbst ein, und hier beginnt bei vielen der Grössenwahn.

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Mein Auto, mein Haus, mein Boot, meine Marathon-Zeit. DAS sind die Werte, die heute zählen!? Wunschdenken ersetzt oft die Realität, und dann wird es nicht nur peinlich, sondern auch ärgerlich. Klartext: Wer genau weiss, dass 4:00 Stunden eine realistische Zeit ist, die Zielflagge zu sehen, der gibt 4:00 Stunden an. Nicht 3:00 Stunden oder 3:30. Wenn es schneller läuft, super. Wenn nicht, ist man schon ein menschliches Hindernis weniger. Die wirklich schnellen Läufer haben sich für den Marathon angemeldet, nicht für einen Slalom- oder Hindernislauf.

In den vergangenen Jahren nimmt die Zahl derer deutlich zu, die scheinbar Spass an der Blockade haben. Das muss aufhören. Das ist auch einfach nicht gut für den Kopf. Wer sich eher noch langsamer einstuft als vielleicht notwendig, erlebt oft ein wunderbares Runners High. Wenn man an vielen vorbeizieht, kann das gar ein Turbo sein. Einer, der sogar Bestzeiten fördern mag.

2. Spucken ist das neue Beinheben

Direkt nach dem Start geht es oft schon los. Es spuckt und spuckt. Überall. Und auch hier wieder hat man den Hindernis- und Slalomeffekt. Wer trocken und ohne Spuckflecken ins Ziel laufen will, muss schnell und wendig sein – und gelenkig und ausweichen können. Für die Spuckerei gibt es zwei Erklärungen. Die medizinische Variante: Wenn der Läufer über die Strasse stratzt, kommt er mit der Nasenatmung nicht mehr hin. Dann muss er auf die Mundatmung umschalten. Die Luft zirkuliert vermehrt im Mund, auf ihrem Weg trocknet sie die Schleimhäute aus. Folge: Der restliche Speichel im Mund wird zu Schleim, wird visköser, trockener, klebt eher an Zunge und Gaumen. Sammelt sich das alles im Mund an, will man es loswerden. Gut.

Wie wäre es, einfach an der Atmung zu arbeiten. Oder regelmässig zu trinken? Oder gar langsamer zu laufen? Ich will Ihnen die Antwort geben: Das wäre ein Traum.

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Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund. Und – damit wir uns in Zeiten der Gleichberechtigung nicht falsch verstehen – der gilt für Männer und Frauen gleichermassen. Sportpsychologen sind sich sehr sicher: Die grössten Spucker sind Frustis und Reviermarkierer. Sportpsychologe Jürgen Walter aus Düsseldorf hat die Stratzerei an Fussballspielern erklärt: «Auch wenn sie sich dessen wahrscheinlich nicht immer bewusst sind, die Fussballspieler spucken nicht einfach nur so. Zum einen hilft es den Spielern dabei, ein bisschen ihr Revier zu markieren – ähnlich wie es auch Tiere tun. Wer das Spucken beobachtet, merkt schnell, dass die Fussballspieler nicht aus Freude spucken, sondern eher, wenn ihnen etwas misslungen ist.»

So könnte man keck übersetzen: Der Marathonläufer spuckt, sich den Raum um sich herum zu sichern. Den sichert er spucktechnisch ab. Wer an ihm vorbeiwill, muss Slalom laufen. Und wenn jemand an ihm vorbeizieht, spuckt's vor Frust nochmal nach. Endlich haben wir eine logische Erklärung. Auf ein Wort: Wir werden alle keinen Weltrekord mehr laufen. Wir werden alle eher nicht von Siegprämien leben, wollen wir vielleicht einfach einmal wieder geniessen? Und uns freuen, dass wir überhaupt 42 Kilometer laufen können und dürfen? Auch auf die Gefahr, dass euch die Spucke wegbleibt: Laufen sollte verbinden und kein Statussymbol werden.

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3. Der richtige Beat kommt nicht mit der Musik

Ich gebe es zu: Ich habe gegen den Marathon-Knigge so fürchterlich oft verstossen. Und ich bitte alle Slalom- und Hindernisläufer um Vergebung. Ich will es nimmer wieder tun. Die letzten Marathons bin ich oben ohne gelaufen. Ohne Musik im Ohr. Einige Veranstalter drohen seit Jahren mit Disqualifikation beim Rennen, wird man mit Kopfhörern erwischt. Deutschland ist das Land der Verbote und der Gesetze, und es ist in der Tat fraglich, ob wir ein Musikverbot auf den Marathonstrecken brauchen. Das Hauptargument ist die Verletzungsgefahr. Wer Musik hört, hört nichts mehr. Auch nicht den Läufer, der an einem selbst vorbeiwill. Dabei kann es zu üblen Zusammenstössen kommen, die kein Mensch braucht. Das ist nachvollziehbar.

Sportlich sind Verbote und Gesetze nie. Deshalb bin ich fest der Meinung, auf die Vernunft zu setzen. Das muss genügen. Zum guten Ton gehört in diesem Zusammenhang auch, dass sich viele Zuschauer an die Strecke begeben, um den Läufern zuzujubeln, sie zu feiern und zu unterstützen. Wer sich musikalisch abschottet, setzt ein Zeichen. Ein unhöfliches Zeichen: «Ich will es nicht hören, ich will deine Unterstützung nicht, ich interessiere mich nur für meinen Beat.» Es ist für mich daher nicht unbedingt eine Frage des Verbots. Es ist eine Frage des Respekts gegenüber dem Zuschauer, oben ohne zu laufen.

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Würden viele Läuferinnen und Läufer diese drei goldenen Regeln beachten, wäre das Saisonfinale dieses Jahr ein besseres Lauffeuerwerk. Man könnte aus diesen drei Regeln locker 20 machen. Aber ich laufe seit Jahren nach dem Motto des englischen Dichters Lord George Gordon Noel Byron: «Meine Art ist es, am Anfang zu beginnen.» So läuft es.

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