Das Jahr 2023 hat sich als äusserst lehrreich erwiesen. Die wichtigste Lektion war der Anstieg der Renditen von Staatsanleihen am langen Ende der Kurve. Die Rückkehr der Zinsen in dieser Anlageklasse könnte 2024 aber die Aktienkurse belasten, da die Anlegerinnen und Anleger beginnen, mehr Geld in Anleihen umzuschichten. Auch der Zins auf Bargeld, das nun die Inflation in den USA ausgleicht, und das gelbe Metall, das trotz positiver Realzinsen und eines hohen Dollars steigt, stechen hervor. Vor diesem Hintergrund wird im Jahr 2024 die Diversifizierung der Schlüssel zum Investieren sein.

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Der Gastautor: Jean-Christophe Rochat, Chief Investment Officer, Head of Asset Management und Mitglied der Geschäftsleitung der Banque Heritage

Wiedererstarktes Interesse an Anleihen

Das Verhalten des Anleihenmarktes nahm in diesem Jahr eine unerwartete Wende, während man vernünftigerweise davon ausgehen konnte, dass sich die langfristigen Zinsen auf einem niedrigeren Niveau stabilisieren würden. Mit Ausnahme der Entwicklung in der Schweiz stand die schlechtere Performance der Staatsanleihen im Gegensatz zur guten Entwicklung des riskanteren Kreditsegments.

Als die Zentralbanken noch eine lockere Geldpolitik verfolgten, waren Aktien eine der wenigen Anlagealternativen. Später verschärften die Geldgeber den Ton, um die Inflation einzudämmen: Die Tina-Ära (There Is No Alternative) mit Zinssätzen nahe null ist vorbei. Anleihen bieten nun höhere Renditen als die Dividendenrendite, was die Anlegenden dazu veranlasst, mehr Geld in Anleihen zu investieren. Auch liquide Mittel weisen attraktive Renditen auf. Sie liegen zwischen 3 Prozent in Europa und 5 Prozent in den USA, wobei der US-Leitzins über der amerikanischen Inflation liegt.

Für das kommende Jahr wird die Senkung des Leitzinses der US-Notenbank ein entscheidendes Ereignis auf dem Kapitalmarkt sein: Die geldpolitische Wende wird eine Stütze für die Anlageklasse darstellen. Wir rechnen jedoch damit, dass es in Zukunft zu Spannungen im Kreditsegment – insbesondere bei Wertpapieren schlechter Qualität – kommen wird, die aus einer Verschlechterung der Wirtschaftslage resultieren.

In diesem für eine Verlängerung der Duration günstigen Umfeld erhöhten wir unsere Investitionen in Staatsanleihen hoher Bonität und bauten ausserdem eine defensive Beteiligung an hochwertigen Kredittiteln auf. Hochzinsanleihen sind in unseren Allokationen unterrepräsentiert.

Was heisst das für Aktien im Jahr 2024?

Der Anstieg der Aktienkurse um fast 20 Prozent in den USA und um 12 Prozent in Europa seit Jahresbeginn steht im Gegensatz zu einer zwar widerstandsfähigen, aber sich abschwächenden Wirtschaftskonjunktur. Dies gilt insbesondere für Europa, wo sich der Konsum im Gegensatz zu jenem in den USA stark verlangsamt hat.

Der Anstieg der Volatilität an den Aktienmärkten, der seit dem Sommer zu beobachten ist, dürfte sich im nächsten Jahr fortsetzen, da die Zentralbanken auf «längerfristig höhere Zinsen» setzen, die Unternehmensgewinne steigen und das geopolitische Umfeld angespannt bleibt. Nur ein plötzlicher Konjunkturaufschwung, gekoppelt mit einem weiteren Rückgang der Inflation in Europa und in den USA, könnte die Volatilität eindämmen. Ein grosser Schock, wie eine unerwartet scharfe Rezession oder ein Black Swan, ist ebenfalls ein zwar weniger wahrscheinliches, aber dennoch nicht zu vernachlässigendes Szenario. Ein Zusammenbruch des US-Bankensystems oder ein amerikanisch-chinesischer Krieg sind Extremszenarien, in denen die Fed die Zinsen abrupt senken und ihre Bilanz mobilisieren könnte, um die Märkte mit Liquidität zu versorgen.

So legen eine schwache Konjunktur, hohe geopolitische Spannungen und attraktive Renditen im Anleihensegment eine vorsichtige Haltung gegenüber Aktien als Anlageklasse nahe, insbesondere in Europa. Wir favorisieren den Stil «Quality Growth». Der Qualitätsfaktor scheint der beste Trumpf zu sein, um in einem unsicheren Umfeld zu navigieren. Des Weiteren haben wir unser Engagement in zyklischen Titeln, die von der Wirtschaftsleistung abhängen, reduziert.

Das Hauptrisiko im Jahr 2024: Eine Rezession

Während sich die Inflation abschwächt, zeichnet sich eine Rezession als grösste Gefahr ab. Vorerst bleiben die makroökonomischen Indikatoren – getragen von einem widerstandsfähigen Konsum – in den USA positiv. Allerdings beginnen die Kreditbedingungen das Wachstum zu belasten, und die Fed ist nicht vor geldpolitischen Fehlern gefeit. Jerome Powell könnte versucht sein, die Zinsen zu lange hoch zu halten und das Land damit in eine Rezession zu stürzen. 

Während wir davon ausgehen, dass die USA eine weiche Landung hinlegen werden, tendieren wir in Europa zu einem Rezessionsszenario. Der alte Kontinent leidet weiterhin unter der Verlangsamung in China und der nachlassenden Vitalität seiner beiden Lokomotiven, Deutschland und Frankreich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Europa von einer Rezession erfasst wird, ist nun hoch. In diesem Zusammenhang bevorzugen wir ein Engagement in US-amerikanischen Titeln zulasten von Europa.

Diversifizierung wird der Schlüssel zur Vermögensallokation im Jahr 2024 sein

Da das Verhalten der Anlageklassen zu einer gewissen Dekorrelation zurückgefunden hat, erlangt die Diversifizierung wieder Bedeutung. Nachdem die 60/40-Balanced-Portfolios aus Aktien und Anleihen 2022 vorzeitig infrage gestellt worden waren, verzeichneten sie in diesem Jahr gute Ergebnisse. 

Auf der Rohstoffseite weist Gold seit Jahresbeginn trotz positiver Realzinsen und eines hohen Dollars eine gute Performance auf. Die geopolitischen Spannungen, der Nahostkonflikt, die Marktunsicherheiten sowie die Käufe der Zentralbanken tragen zur Stützung des Goldpreises bei. Diese Faktoren werden voraussichtlich bis 2024 und darüber hinaus anhalten, sodass das gelbe Metall seine Rolle als «Absicherung» behalten dürfte. Sollte die US-Notenbank ihre Leitzinsen vor der Europäischen Zentralbank senken, was wahrscheinlich ist, könnte der Dollar gegenüber dem Euro schwächer werden, was dem Gold eine zusätzliche Unterstützung bieten würde. Auch Öl dürfte sich weiterhin gut entwickeln, angetrieben von den geopolitischen Konflikten, den politischen Agenden Russlands und Saudi-Arabiens sowie von der Notwendigkeit in den USA, die strategischen Reserven wieder aufzufüllen.

Zu Beginn eines Jahres, das von den ersten Zinssenkungen der Zentralbanken geprägt sein dürfte, sollte sich das Modell eines diversifizierten Portfolios als vorteilhaft erweisen. Neben einer zentralen Allokation in Aktien und Anleihen sollte ein Teil des Vermögens auch in Rohstoffen – Gold und Energie –, Geldmärkten und in einer alternativen Anlageklasse angelegt werden, um obenauf zu bleiben.