Wahnsinn der Woche. So heisst eine Rubrik im Morning Call der «Handelszeitung». Markus Diem Meier und ich kommentieren dort jeweils zum Wochenanfang, was in der davorliegenden Woche in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten los war. Und wichtiger noch: Wir wagen einen Ausblick auf die laufende Woche. 

Wahnsinn der Woche. Das soll ein wenig auflockern, ein bisschen weg von den Fakten hin zu den weichen Faktoren, die unsere Wahrnehmung bestimmen. Von Stereotypen bis zu absurden Übertreibungen – alles ist dabei. Alles, solange es wahnsinnig erscheint.

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Wahnsinn der Woche. Braucht es das überhaupt? Oder ist der Wahnsinn nicht schon längst zum Alltag geworden?

Bestes Beispiel: die immer wiederkehrende Diskussion über die sogenannten Markterwartungen bezüglich der Zinsveränderungen der Zentralbanken. Aktuell geht es um die Frage, ob die US-Notenbank (Fed) in diesem Jahr wirklich noch dreimal die Zinsen senken wird. Mit welchem Ernst das diskutiert wird – als hinge das Schicksal der Menschheit davon ab. 

Was bei diesen Diskussionen nachdenklich stimmt: Wie oft die Fed die Zinsen senken wird, weiss niemand. Nicht einmal sie selbst. Und dennoch ist die mögliche Zinssenkung der Notenbanken Thema Nummer eins. Wäre es nach den professionellen Fed-Verstehern gegangen, hätten die Amerikaner in diesem Jahr die Zinsen schon gesenkt. So zumindest war das die Erwartung zum Jahresanfang: Die erste Zinssatzsenkung kommt am 20. März um 19.30 Uhr.

Der Gastautor

Der Ökonom Klaus Wellershoff ist Gründer und Verwaltungsratspräsident von Wellershoff & Partners, Honorarprofessor an der Universität St. Gallen und regelmässiger Kolumnist der «Handelszeitung».

Dass Menschen über das Wetter reden, verstehe ich. Das kann man zumindest begrenzt gut vorhersagen. Bei Zinsänderungen der Zentralbank ist das anders. Und das ist in unzähligen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen: Zinsprognosen für einen bestimmten Zeitpunkt funktionieren nicht. 

Wer trotzdem eine starke Meinung zur nächsten Zinsentscheidung der Notenbanken hat, ist also so etwas wie eine Wissenschaftsleugnerin. Die kennen wir alle ganz gut: Klima- und Corona-Leugner. Gleiche Kategorie.

Mein Tipp an Sie: Meiden Sie Fed-Versteherinnen und Alleswisser genauso wie Klima- und Corona-Leugnerinnen. Wer Ihnen eine vollmundige Prognose für die Leitzinsänderungen der Notenbanken macht, beweist, dass er oder sie nichts von Ökonomie versteht. Etwas böse könnte man sagen, dass das Einzige, wozu die Prognose taugt, die Erleichterung der Unterscheidung von Experten und Laferis ist. 

Wenn Sie also bei einer Party einmal nichts mehr zum Reden haben, machen Sie den Test. Fragen Sie Ihr Gegenüber nach der Zinspolitik der Notenbanken. Das wird der Wahnsinn.