Die SV Group belegt einen von zwei Spitzenplätzen in unserer Auswertung mit einer Frauenmehrheit im Verwaltungsrat.
Karin Lenzlinger: Das freut mich aber sehr, diese Auswertung war mir noch gar nicht bekannt.

Sie sind überrascht?
Positiv überrascht. Es zeigt, dass es vorwärts geht in den Schweizer Führungsgremien. Es gibt wenige Auswertungen, bei denen im Detail KMU betrachtet werden. Bei der SV Group haben wir den Frauenanteil sehr bewusst erhöht. Aber der Frauenanteil darf nicht das alleinige Thema sein. Das Ziel der meisten Gremien ist heute, den Verwaltungsrat divers zu gestalten. Geschlecht, Alter, beruflicher Hintergrund, Erfahrung – alle diese Faktoren sollten über eine Bandbreite abgebildet werden. Dieser Prozess ist alles andere als einfach.

«Ich stand kurz davor, zu kapitulieren.»

Worin lagen die Herausforderungen?
Unsere Suche war zu Beginn zu wenig fundiert, zu sehr vom Zufall geprägt. Die Frauen, die wir fanden, verfügten über fachliche Expertise, aber nicht über entsprechende operative Erfahrung. Sie konnten darum nicht zu allen Themen etwas beitragen und wir befürchteten zu riskieren, Frauen zu «verbrennen», die nicht geeignet waren für den Job. Es war eine schwierige Phase.

Anzeige

Was unternahmen Sie?
Vor einigen Jahren haben wir die Governance des Verwaltungsrates neu definiert und wollten in diesem Rahmen bewusst Mandate mit Frauen besetzen. Allerdings stellte sich heraus, dass dies alles andere als einfach war. Als der Verwaltungsrat dann auf eine sehr tiefe Besetzung von fünf Personen geschrumpft war und immer noch keine Frau unter den Kandidaten dabei war, stand ich kurz davor, zu kapitulieren.

Verwaltungsrätinnen: Die neuen Top-Frauen 2020

Sie wollten das Ziel der Diversität aufgeben?
Im Gespräch mit Silvio C. Gabriel (VR-Präsident der SV Group, Anm. d. Redaktion) habe ich gesagt, ich sei ja wirklich dafür, den Frauenanteil zu erhöhen, denn die aktuelle Zusammensetzung des VR mit fünf Mitgliedern sei wirklich knapp und für die Grösse des Unternehmens zu klein. Ich halte es ihm sehr zugute: Er hat damals daran festgehalten, weiterzusuchen.

Wie haben Sie Top-Kandidatinnen gefunden?
Wenn Sie zum Beispiel eine Frau suchen, die Führungserfahrung in der Systemgastronomie hat, den deutschen Markt kennt und dann am besten noch eine Vertreterin der Generation Y ist, dann schränkt das die Auswahl doch sehr ein. Allerdings muss ich auch sagen: Für Headhunter ist es sehr schwierig, die Kandidatinnen zu finden.  

«Auch bei der SV Group hätten wir die Konzernleitung bereits heute gerne 50:50 besetzt.»

Was ist ihr Fehler?
Die Headhunter präsentierten uns ein viel zu breites Kandidatenfeld, es hatte vielleicht zwei Frauen darunter. Dass dann ausgerechnet diese Frauen unsere Verwaltungsrätinnen werden, ist unwahrscheinlich. Wir mussten die Suche neu angehen.

Wer hatte dann Erfolg bei der Suche?
Eine kleine Beratungsfirma in Deutschland. Gleichzeitig haben wir uns zu einem Schritt entschlossen, den ich mir früher nie hätte vorstellen können. Wir haben angewiesen, uns Listen ausschliesslich mit Kandidatinnen zusammenzustellen. Und siehe da, auf einmal hatten wir Auswahl an sehr gut qualifizierten Frauen. Vor vier, fünf Jahren hätte ich gesagt, es gibt noch nicht ausreichend Frauen mit entsprechender Erfahrung. Heute weiss ich: Man muss nur richtig nach ihnen suchen.

Wir schauen häufig auf den Frauenanteil im VR und vernachlässigen den Blick auf das Top-Management, wo Frauen noch viel weniger präsent sind. Welchen Einfluss hat ein divers besetzter Verwaltungsrat?
Der VR muss den Einfluss aktiv übernehmen. Er entscheidet ja über die Besetzungen im Top-Management mit. Die Suche im operativen Bereich gestaltet sich aber manchmal noch anspruchsvoller als jene für den VR. Auch bei der SV Group hätten wir die Konzernleitung bereits heute gerne 50:50 besetzt. Aber zwei von sieben Positionen an Frauen zu vergeben, ist ein guter Anfang. Das Thema Diversität ist in den Diskussionen in allen Führungsgremien eine Selbstverständlichkeit geworden.

Wie hat eine diverse Besetzung die Arbeit im VR der SV Group verändert?
Die Diskussionen sind kontroverser, auch anstrengender. Die Entscheidungsfindung dauert oft länger. Aber es lohnt sich, das in Kauf zu nehmen.

Warum?
Die Qualität unserer Entscheidungen ist heute besser. Wir sind in den meisten Fällen sehr glücklich mit den Entschlüssen, wenn wir sie einmal gefasst haben.

Ein Beispiel?
Wie wir Innovationen im Unternehmen stärken: Wir haben bewusst eine Verwaltungsrätin an Bord geholt, die sich mit dem Thema Food Innovations auskennt, Ingeborg Gasser-Kriss. Und wir haben eine Verwaltungsrätin mit Expertise in Digitalisierung, Ines von Jagemann. Komplementär ist in der Konzernleitung Stephanie Naegeli zuständig für Innovationen.

Wie hilft Ihnen das weiter?
Wer einen Innovationsprozess anschiebt, erlebt immer wieder auch Fehlschläge. Das gehört dazu. Aber jemand, der nur auf die Zahlen schaut, bekommt vielleicht zu schnell kalte Füsse. Die Erfahrung mit innovativen Prozessen dagegen hilft, im richtigen Moment die richtigen Schlüsse zu ziehen – und dranzubleiben, wo sich dranbleiben lohnt. Das gilt übrigens allgemein, nicht nur in Bezug auf die SV Group.

Leben Sie Diversität bei der SV Group bereits auf allen Managementebenen?
Auch bei der SV Group ist die Mehrzahl der Mitarbeitenden weiblich, der Anteil der Frauen nimmt aber über die mittlere Kaderstufen nach oben hin ab. In der Konzernleitung der SV Group sind zwei von sieben Mitgliedern Frauen. Vom gesamten Kader sind circa ein Drittel und bei den Mitarbeitenden fast zwei Drittel Frauen. Gleichzeitig, wie ich eingangs erwähnte, Diversität bezieht sich nicht nur aufs Geschlecht.

Was bleibt zu tun?
In allen Gremien bleibe ich am Thema dran. Es ist ein Prozess, der weiterhin Bewusstsein, Geduld, Mut und Ressourcen braucht.