Vor fünf Jahren sah das gedruckte Buch plötzlich alt aus. E-Books waren schick und eroberten schnell Marktanteile. Was ist aus dem Höhenflug geworden?

Wer Benedict Wells lesen will, muss ein gedrucktes Buch kaufen. Der junge Erfolgsautor («Vom Ende der Einsamkeit») lehnt es ab, dass seine Romane als E-Book verlegt werden. Er liebe das gedruckte Buch, den Geruch des Papiers, alte Buchhandlungen. «Vielleicht wird das alles irgendwann digitalisiert und verschwunden sein, aber dann will ich mich sehr dagegen gewehrt haben», sagt Wells.

Hype hat sich normalisiert

Im Moment sieht es aber eher so aus, als müsse sich der Schriftsteller nicht so grosse Sorgen machen. Die Euphorie um das E-Book hat sich etwas gelegt.

«Für uns hat sich mittlerweile bestätigt, was wir von Anfang an geglaubt haben: Es gibt einen Boom, einen Hype, und dann wird sich das normalisieren. Und in dieser Phase sind wir jetzt», sagt Stefan Fritsch, Mitglied der Geschäftsleitung im Diogenes-Verlag, wo auch Benedict Wells erscheint. «Die Leser haben jetzt Erfahrungen mit digitalen Bücher gemacht. Kennen die Vorzüge, aber auch die Nachteile von E-Books.»

Höchstens 10 Prozent

Den Eindruck des Zürcher Verlags bestätigt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. «Das Wachstum hat etwas an Dynamik verloren und die Entwicklung verläuft nicht mehr so schnell, wie am Anfang von einigen gedacht», sagt Claudia Paul, Sprecherin des Börsenvereins.

2015 lag der Umsatzanteil der E-Books im Publikumsmarkt bei 4,5 Prozent, im Jahr davor waren es 4,3 Prozent. Die grossen Sprünge der Anfangszeit, als sich der Umsatzanteil von 0,5 Prozent im Jahr 2010 auf 2,4 Prozent im Jahr 2012 vervielfachte, sind das nicht mehr.

Die Verlage selbst berichten von etwas höheren E-Book-Umsatzanteilen als der Börsenverein. Diogenes nennt acht Prozent, bei der Verlagsgruppe Random House, zu der 45 Verlage gehören, liege der Anteil «je nach Genre unterschiedlich durchgängig im niedrigen zweistelligen Bereich», teilt Sprecherin Claudia Limmer mit. Das liegt daran, dass in den Zahlen des Börsenvereins Fach- und Schulbücher nicht erfasst sind, ebenso wenig wie Selfpublisher oder Abo- und Flatrate-Modelle.

Mit USA nicht vergleichbar

Doch egal, ob einstellig oder niedrig zweistellig - mit der E-Book-Entwicklung in den USA, wo die digitalen Bücher schnell 25 Prozent und mehr am Umsatz eroberten, konnte der deutschsprachige Buchmarkt ohnehin nie mithalten.

Die Buchhandels- und Verlagsexperten führen verschiedene Gründe dafür an: «Die Märkte sind nicht vergleichbar. Durch die Buchpreisbindung gibt es hier flächendeckend Buchhandlungen. In Deutschland sind es rund 5000, in den vielfach grösseren USA 1900. Hier kann also jeder fast um die Ecke ein Buch kaufen», sagt Börsenvereins-Sprecherin Paul.

Verlagsmanager Fritsch hält die Märkte ebenfalls für sehr unterschiedlich: «Ich sage immer: Würde ich vor die Wahl gestellt zwischen einem amerikanischen Mass-Market Pocket Book und einer digitalen Datei - ich würde die Datei bevorzugen.» Amerikanische Bücher seien oft «furchtbar hässlich», auf schlechtem Papier gedruckt, lieblos gestaltet. Zudem, erklärt Random-House-Sprecherin Limmer, «scheinen technische Neuerungen von relevanten Teilen der US-Bevölkerung noch schneller angenommen zu werden, als es vielleicht hierzulande der Fall ist.»

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E-Book ersetzt Taschenbuch

Während der Ferienzeit, wenn die Leute nicht fünf dicke Wälzer mitschleppen wollen, sei die Nachfrage nach E-Books hoch, berichtet Verlagsmanager Fritsch. «Und danach geht sie wieder deutlich runter.» Allerdings gehe das Plus bei den E-Books zulasten der Taschenbücher. «Wir merken deutlich, dass das Taschenbuch durch das E-Book substituiert wird.»

Unterm Strich gehen die Branchenexperten alle davon aus, dass die Entwicklung der E-Books weitergehen wird - nur nicht mehr so schnell, wie einst vorhergesagt. Und Diogenes-Manager Fritsch spricht einen Satz aus, der seinen Autor Benedict Wells beruhigen dürfte: «Ein Ende des gedruckten Buches sehe ich überhaupt nicht.»

(sda/ccr)