Daniela Hauri* (37) ist auf der Strasse zu Hause. Sie lenkt Kipperlastwagen, Vierachser, 32-Tönner. Alles, was auf der Baustelle benötigt wird. Sie ist Lastwagenfahrerin mit Leib und Seele.

Hauri ist aber auch alleinerziehende Mutter einer Dreijährigen. Und seit ihre Tochter auf der Welt ist, hat sie einen schweren Stand in ihrer Traumbranche. Der alte Arbeitgeber hat den Vertrag zum erstbesten Zeitpunkt nach der Mutterschaft aufgelöst.

Seither ist sie auf der Suche nach einer neuen Festanstellung. Hier und da ergeben sich Übergangslösungen. Nie ist etwas Fixes dabei. «Das nagt am Selbstbewusstsein», sagt Hauri beim Treffen mit Blick.

Sie will anonym bleiben, sie fürchte Konsequenzen bei ihrer Arbeitssuche. Hauri kann anpacken, ist bereit, Vollgas zu geben. «Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und war mir nie zu schade, die Hände dreckig zu machen», sagt sie. Und weiter: «Ich habe immer gedacht, es sei kein Problem, wieder einen Job zu finden. Aber es ist sehr hart für eine junge Mutter, ganz besonders in einer Männerbranche.»

Wunschkind da, Traumjob los

Hauri machte zunächst das KV, sattelte später um und löste das Lastwagenbillett. «Ich war damals fast die Erste im Kanton», erinnert sie sich. «Ich hatte Spass, wurde schnell akzeptiert, zum Teil aber auch etwas belächelt.»

Dann wurde sie schwanger. 34 Jahre alt war Hauri. «Ein totales Wunschkind» sei es gewesen, sagt die junge Frau. Sie fürchtete den Tag, an dem sie ihrem Arbeitgeber die Nachricht überbringen musste. Mehrere Operationen im Unterleibsbereich hatte Hauri bereits hinter sich. Sie galt als Risikoschwangere. Konsequenz: «Ich durfte nicht mehr LKW fahren.»

Der Chef ging in die Luft, als er von der Schwangerschaft erfuhr. Ein paar Tage später folgte eine Entschuldigung. «Aber es war klar, dass die Anstellung aufgelöst wird, wenn der Mutterschutz vorbei ist.»
 

Hauri steht nun schon seit über drei Jahren ohne Job da. Die Suche ist ein Spiessrutenlauf – und wird zunehmend schwieriger.

Die Pandemie treibt die Zahl der Langzeitarbeitslosen hoch. Auch hat sich die Zahl jener, die seit über zwölf Monaten einen Job suchen, innerhalb von eineinhalb Jahren sogar verdoppelt (von 41'000 auf 82'000). Das heisst: Mehr als jeder vierte Arbeitslose ist seit über einem Jahr auf der Suche nach einer Stelle.

So wie Hauri geht es vielen Frauen. «Die überwiegende Mehrheit klagt nicht, obwohl sie es könnte», weiss Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei der Gewerkschaft Travailsuisse. Und das sei verständlich: «Nach der Geburt liegen die Prioritäten anders. Eine Frau muss ihre Gesundheit zurückgewinnen und sich gleichzeitig Tag und Nacht um ein neugeborenes Baby kümmern.»

Frust und Diskriminierungssorgen

Eine Lösung des Problems ist nicht einfach. Die Rollenbilder sind stark verwurzelt in der Gesellschaft. In gewissen Branchen weht offenbar noch immer ein Wind aus dem letzten Jahrhundert. Besonders in den klassischen Männerdomänen, etwa dem Bau- und Transportsektor, dem Arbeitsplatz von Daniela Hauri.

Frust macht sich bei vielen breit. Hauri selbst spricht von Diskriminierung bei der Stellensuche. «Auch sind es nicht nur Frauen ab 50 Jahren, die es schwer haben in der Arbeitswelt, sondern auch jüngere mit Kindern.»

Hauri ist mit ihren Erfahrungen nicht allein. «Wir schätzen, dass jedes Jahr zwischen 3300 und 6600 Frauen aufgrund ihrer Mutterschaft am Arbeitsplatz diskriminiert werden», so die Gewerkschafterin Borioli Sandoz. Sie fordert mehr Vielfalt in den Branchen, die überwiegend von Frauen oder Männern besetzt sind. «Diversität ist der Schlüssel.»

Und eine Ombudsperson für Gleichstellungsfragen. Mit Eingriffs- und Handlungsbefugnissen. Keine zahnlose Schlichtungsstelle, sondern ein Aufsichtsorgan wie der Preisüberwacher.

Hauri sucht weiter einen Job in der Logistikbranche. Am liebsten in der Region Thurgau oder Schaffhausen. Sie gibt das Lenkrad nur ungern aus der Hand. Um im Arbeitsleben aber wieder Fuss zu fassen, wäre sie auch mit einem Bürojob im Teilzeitpensum glücklich.

* Name geändert

Dieser Artikel wurde zuerst im Wirtschaftsressort des «Blick» veröffentlicht.

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