Bei einem vorweihnachtlichen Bummel durch Athen kann man sich die Augen reiben: Die Strassen glitzern bunt geschmückt, in Bars und Restaurants drängen sich die Gäste, die Boutiquen brummen. Wie passt das zur ökonomischen Nahtoderfahrung in diesem Jahr? Eine Staatspleite wurde erst im allerletzter Moment umschifft, wochenlang waren die Banken verrammelt. Zwei dramatische Wahlen und ein Reform-Referendum hielten ganz Europa in Atem, hinzu kam der Flüchtlingsansturm. Die strahlenden Stadt gibt die Antwort: Griechenland steht - trotz allem! Allerdings auf wackeligen Beinen: Denn Glanz und Glitter können kaum verbergen, dass dem Land eines noch fehlt: Das Vertrauen in sein Comeback.

Auf den ersten Blick scheint die griechische Tragödie eine glückliche Wende genommen zu haben. Im Sommer hat sich die linke Regierung nach schwerem Streit mit der Euro-Zone doch noch auf ein drittes Hilfs- und Reform-Paket geeinigt. Seitdem macht sie sich an die Umsetzung der im Gegenzug für 86 Milliarden Euro fälligen Reformen. Nach einer achtjährigen Rezession, die das Land ein Viertel seiner Wirtschaftskraft gekostet und jeden Vierten in Arbeitslosigkeit gestürzt hat, soll die Wirtschaft im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres endlich Fahrt aufnehmen.

Und tatsächlich scheint es so, dass die Rechnung aufgeht: Das vom Parlament verabschiedete Budget sieht 2016 Einsparungen von 5,7 Milliarden Euro und Steuererhöhungen von zwei Milliarden Euro vor. Auch scheinen die Kapitalverkehrskontrollen dem Land nicht so schwer geschadet zu haben, wie manche befürchtet haben.

Vertrauen bleibt ein rares Gut

Doch hinter der Fassade bröckelt der frische Putz. Zwar bemerkte der Chef des Euro-Rettungsschirms ESM, Klaus Regling, kürzlich, es sei «wieder etwas Vertrauen gewachsen». Gleichwohl hält die Euro-Zone Griechenland weiter an der kurzen Leine und prüft die Umsetzung der Reformen mit Argusaugen. Auch bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms ist das Misstrauen in der EU gross. So wird in einem EU-Kommissionsbericht die Möglichkeit durchgespielt, Griechenland vorübergehend aus dem passfreien Schengen-Raum auszuschliessen. Möglich ist das, wenn ein Land die Aussengrenzen des Schengenraums nur mangelhaft schützt.

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Auch in Griechenland selbst bleibt das Misstrauen gross. So kritisieren die Wirtschaftsverbände, dass die Regierung den Unternehmen noch immer Aussenstände von sechs Milliarden Euro schuldet. Regierungschef Alexis Tsipras wirbt bei ausländischen Investoren zwar um Kapital. Allerdings sehen Teile der Regierung Privatisierungen weiterhin skeptisch und bleiben anfällig für anti-kapitalistische Rhetorik. Nicht vertrauensfördernd ist auch, dass die Regierung das Bild eines Landes im Würgegriff seiner Gläubiger zeichnet - und nicht eines Landes im Aufbruch. «Man muss eine positive Geschichte erzählen», mahnt John Moran, ein Ex-Beamter der irischen Regierung, der geholfen hat, sein Land quasi lehrbuchmässig aus dem Rettungspaket herauszuführen.

Regierung mit nur drei Stimmen Mehrheit

Auch im Athener Parlament regiert das Misstrauen. Zwar hat die Opposition Tsipras geholfen, die Hilfsvereinbarung durchzubekommen und so die Staatspleite abzuwenden. Mit den Umsetzungsproblemen, vor allem bei der heiklen Rentenreform, lässt sie Tsipras aber allein: Den Volkszorn soll alleine er zu spüren bekommen. Dabei muss man in Erinnerung rufen, dass sich Tsipras nur noch auf eine Mehrheit von drei Sitzen stützen kann. "Mit der Renten- und der Steuerreform riskiert Tsipras, seine Mehrheit zu verlieren", sagt Nick Malkoutsis von der Politik- und Wirtschaftsberatung Macropolis.

Und schliesslich herrscht Argwohn zwischen der Beamtenschaft und einer Regierung, die vorwiegend aus Akademikern besteht, manche sagen aus Amateuren. Denn nicht nur die Kontrolleure der Euro-Zone kämpfen mit dem griechischen Beamtenapparat, sondern zuallererst die Regierung selbst. So kann es durchaus passieren, dass Tsipras 2016 zwar die Reformhebel umgelegt bekommt - sich im Maschinenraum aber nicht viel tut. Aber jetzt ist erst einmal Weihnachtszeit in Athen.

(reuters/ccr)