Eines der besten Beispiele, so erzählt man mir, ist Daniel Vasella, der langjährige CEO und Präsident des Pharmakonzerns Novartis. Vasella hatte im Unternehmen zwar einige Probleme persönlich zu verantworten. Nie jedoch hat es in Geschäftsleitung oder Verwaltungsrat harte Kritik an ihm gegeben. Nie hat sich einer getraut, gegen Vasella anzutreten.

Vasella, so erzählt man mir, ist äusserst begabt im Schwanzwedeln.

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Das Schwanzwedeln, in der Fachliteratur «Tail Flagging» genannt, ist eine der effektivsten Abwehrstrategien gegen natürliche Feinde und Raubtiere. Die natürlichen Feinde und Raubtiere sitzen im Büro oder in der freien Natur.

Besonders gut kann man die Technik des Schwanzwedelns beim Erdhörnchen beobachten. Das Erdhörnchen muss sich sein Leben lang gegen die Klapperschlange verteidigen, seinen natürlichen Feind. Wenn sich eine Schlange nähert, dann beginnt das Erdhörnchen wie verrückt mit dem Schwanz zu wedeln. Damit signalisiert es dem anderen Tier, dass es wachsam und unangreifbar ist. Meistens versteht die Schlange die Botschaft sofort und zieht sich zurück.

Das Beispiel des Erdhörnchens ist unter Zoologen gut bekannt. Interessant fand ich hingegen, dass ich kürzlich in der «Financial Times» einen längeren Artikel über das Erdhörnchen und seine «Anti-Predator Signals» las. Die «Financial Times», wie man weiss, wird mehrheitlich von Managern gelesen. Die Redaktion wird sich also etwas überlegt haben.

Freie Natur der Bürofluchten

Die meisten von uns, die wir unser Leben in der freien Natur der Bürofluchten verbringen, kennen den Typus. Es gibt viele begabte Erdhörnchen auf den Chefetagen. In Sitzungen und Diskussionen sind sie durchaus sympathisch, doch wehe, man kommt ihnen zu nahe. Dann wedeln sie, und jeder im Raum kann die Abwehrsignale lesen.

Das kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Ich hatte zum Beispiel einmal einen Finanzchef, der sehr reduziert wedelte. Wenn er sich angegriffen fühlte, nahm er seine Brille ab, hielt sie mit der linken Hand vor sein Gesicht und blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Runde. Nun wussten wir, dass es Zeit war, den schnellen Rückzug anzutreten.

Gut erforscht ist auch das vergleichbare Abwehrverhalten von Hirschen. Wenn sie sich angegriffen fühlen, wedeln sie ebenfalls mit dem Schwanz. Verstärkt wird der Effekt in diesem Fall, weil die Unterseite des Signals weiss gefärbt ist. Dadurch ist die Warnflagge noch besser sichtbar.

Wir kennen alle diesen Effekt. Wenn im Strassenverkehr ein Arbeiter eine orangefarbene Warnfahne schwenkt, dann stehen wir automatisch auf die Bremse. Warnflaggen gibt es auch auf Rangierbahnhöfen, im Schiffsverkehr, im Motorsport oder am Strand. In der Formel 1 zum Beispiel darf man nicht überholen, wenn die gelbe Fahne geschwenkt wird. Am Meer darf man nicht ins Wasser, wenn die rote Warnflagge weht.

Damit man nun nicht denkt, ich würde Daniel Vasella hier als Prototyp missbrauchen, nenne ich gerne ein paar weitere Beispiele. Talentierte Schwanzwedler mit Warneffekt, so erzählt man mir, sind auch Fussballtrainer Christian Gross, Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, Swisscom-CEO Carsten Schloter und Philipp Hildebrand, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Nationalbank.

Weitere Namen nehme ich gerne entgegen.

Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer. Er ist Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien und Outdoor-Sport. Zudem studiert er Biologie.