Seit 1980 hat hierzulande die ­Lebenserwartung der Männer um 8, jene der Frauen, die sowieso älter werden, um 5,5 Jahre ­zugenommen. Hygiene und Gesundheitsindustrie machen die «grosse Gesundheit» möglich, das heisst die Fähigkeit, ein mehr oder weniger sinnvolles Leben für lange Zeit zu führen (Piet van Spijk, «NZZ am Sonntag», 22.7.2012). Gemäss Statistik werde ich, so mich nicht doch noch ein fliegender Stein oder Eisbrocken trifft, 87 Jahre alt. Vom Anbieter zum Konsumenten von Gesundheitsleistungen mutiert, bin ich dafür dankbar. So empfinden die allermeisten, nicht zuletzt auch weil sie dafür nicht bezahlen müssen, da die Kosten für die Gesundheit seit Bismarck entprivatisiert sind.

Nun beschleunigt sich der rasante Wechsel von der Ethik des Hippokrates zur Monetik. Zwar war auch der Grieche für ordentliche Entlöhnung, und seit Molière wissen wir, dass es Ärzte gibt, die wie manche Banker oder Manager funktionieren. Einem «Punch»-Cartoon von 1925 entnehme ich folgenden Dialog:

Doctor: «What did you operate on Tony Tory?»
Surgeon: «A hundred pounds.»
Doctor: «No, I mean what he had.»
Surgeon: «A hundred pounds.»

Der Gesundheitsmarkt hat nun dieses Verhalten generell übernommen. Es wird mit harten Bandagen um Marktanteile gekämpft, missliebige ­Direktoren oder Chefärzte werden entlassen. Über die Fallschirme ist kaum etwas bekannt. Immerhin wurde ruchbar, dass der abgewählte FMH-Präsident und gescheiterte SP-Nationalratskandidat Jacques de Haller einen ­vergleichsweise bescheidenen 800 000-Franken-Fallschirm erhielt. «Das ist der Preis der Zukunft. Der Zukunft der FMH. Unserer Zukunft.» So schloss de Haller seine Abschiedsbotschaft in der «Schweizerischen Ärztezeitung».

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Ökonomen, Juristen und Verwalter sind die Mitesser am Gesundheitstisch. Heere von DRG-Spezialisten (Tarifspezialisten) – in Deutschland auf Seiten der Krankenkassen respektive auf Seiten der Spitäler (je 7000) – ­optimieren die Rechnungen ihrer jeweiligen Institutionen und erbringen keinen Rappen Mehrwert für die Patienten. Praxen und Spitäler ­machen mit. Als Patient wird man heute umworben, mit Angeboten gegen Bauchfett, kranke Herzen oder Krebs. Dies machten früher nur The Swiss Leading Hospitals, einige Privatkliniken, die sich selbst so qualifiziert ­hatten. Heute werben auch das Spital Limmattal, das Unispital oder das Spital Wetzikon mit Inseraten für Brustkrebsbehandlungen oder Fettabsaugen. Lesen Sie die «Reflex»-Beilagen im «Tages-Anzeiger».

Nicht alle diese Offerten sind frei von Nebenwirkungen. Ein doppelter Check-up kann gefährlich sein: Die moderne medizinische Bildgebung kreiert fantastische Bilder vom Inneren des Körpers. Dabei werden manchmal Veränderungen entdeckt, die für den Patienten bedeutungslos sind, trotzdem aber gravierende weitere Abklärungen und Behandlungen verursachen. In der Fachsprache heissen diese Pseudopatienten Vomit, Kürzel für «Victims of Modern Imaging Technology».

Unlängst hatte ich nach intensivem Carving Rückenschmerzen und dank Red Carpet Treatment und exzellenter Medizin schnell die Diagnose einer Diskushernie. Der erste Neurochirurg war zurückhaltend, jener meines Vertrauens, den ich für eine zweite Meinung konsultierte, riet mir von einer Operation ab. So entging beiden ein schönes Honorar. Morgen gehe ich nach Rückenübungen wieder carven. Es gibt sie also noch, «the good doctors».

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.