Ob im hektischen Grossraumbüro oder im von Kindergeschrei erfüllten Homeoffice – einen stillen Ort zum Arbeiten haben heutzutage die wenigsten Menschen. Wie es aber auch in lauter Umgebung oder in stressigen Situationen gelingen kann, fokussiert zu arbeiten, will das im August erschienene Sachbuch «Konzentriert arbeiten für Dummies» vermitteln.

Geschrieben haben den 330 Seiten dicken Ratgeber die beiden deutschen Entspannungspädagogen Christian Mörsch und Melanie Müller. Mörsch ist zudem Leiter der Stress-Management-School in Nordrhein-Westfahlen und Konzentrationstrainer, Melanie Müller unterrichtet Schüler, Schülerinnen und Erwachsene in Prüfungsvorbereitung, Konzentrationstechniken und Entspannungsverfahren.

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2018 veröffentlichten sie bereits gemeinsam das an Schülerinnen und Schüler gerichtete Buch «Prüfungen bestehen für Dummies» (Wiley-VCH). Das neue Werk richtet sich an Erwachsene aller Berufsgruppen, die ihre Konzentrationsfähigkeit trainieren, Konzentrationskiller entlarven und Ablenkungen gezielt reduzieren wollen.

Konzentration verstehen

Ob ein Lastwagenfahrer, der ein Stauende übersieht, eine Zahnärztin, die ein Stück zu weit bohrt, oder der Vorstand eines Unternehmens, der statt seiner vorbereiteten Rede das Hausaufgabenblatt seiner Tochter in die Jahreshauptversammlung mitnimmt – «in vielen Arbeitssituationen können Sie sich gar nicht leisten, unkonzentriert zu sein, weil ein Moment der Unaufmerksamkeit fatale Konsequenzen haben kann», schreiben die Autorin und der Autor.

In weniger gravierenden Fällen sei eine höhere Fehlerquote oder eine langsamere Bearbeitung von Arbeitsaufgaben die Folge. «Kurz: Die Arbeitseffizienz sinkt.» Aber die gute Nachricht, bei der dieses Sachbuch ansetzt: «Konzentrationsfähigkeit ist trainierbar», und zwar ganz individuell – je nachdem, welche Konzentrationskiller der ganz persönlichen Unkonzentriertheit zugrunde liegen.

Zu Beginn widmen sich die Autorin und der Autor der Definition von Konzentration als «die bewusst über einen längeren Zeitraum gehaltene, fokussierte Aufmerksamkeit auf einen Ausschnitt Ihrer Umgebung». Als Vergleich ziehen sie dabei einen Bogenschützen heran, der zum Abzug ansetzt. Denn jeder von uns sei «auch im Job ein Bogenschütze», der Konzentration aufbaut, ein Ziel fokussiert, tief durchatmet, antrainiertes Können für die Zielerreichung nutzt und im richtigen Moment die Spannung löst, damit der Pfeil an der richtigen Stelle stecken bleibt.

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Wie die Corona-Pandemie die Arbeitswelt verändert – mit HSG-Professorin Miriam Meckel: 

und Monica Dell'Anna, Chefin von Adecco Schweiz:

Bei Konzentration gehe es darum, einen gewissen Teil der Umgebung bewusst auszublenden. Aber warum lässt sich unser Gehirn so leicht ablenken? Der Grund liegt tief in unserer Natur verankert: «Im Zustand einer solchen fokussierten Aufmerksamkeit sind Sie teilweise blind», schreiben die Autoren. Alles, was ausserhalb des Fokussierten liegt, bleibe unbemerkt.

«Ein solcher Zustand ist riskant, vor allem wenn er länger andauert, weil Sie so eine leichte Beute für Raubtiere sind – oder es zumindest in der Steinzeit waren.» Zum Schutz vor Gefahren tendiert das menschliche Gehirn also zum Zustand der offenen Aufmerksamkeit – und Konzentration wird zu etwas, das uns Mühe bereitet und trainiert werden muss.

Neue Relevanz

Einfache Rohstoffe, die das Gehirn aufmerksamer machen, seien ausreichend Schlaf und eine gute Versorgung mit Nährstoffen, Flüssigkeit und Sauerstoff. Ausserdem machen uns Reize, die uns wirklich interessieren, wesentlich aufmerksamer. Doch das Tippen der Tastatur des Büronachbarn kann trotzdem nerven, das Kaffeepäusli mit der Lieblingskollegin verlocken und die aufploppende E-Mail vom Teamleader stressen. Speziell die ersten acht Minuten, «in denen sich der Aufmerksamkeitspanzer aufbaut», seien besonders anfällig für Ablenkungen.

Deshalb gilt: «In den ersten acht Minuten (…) auch kleine Ablenkungen so weit wie möglich vermeiden.» Im Grossraumbüro könnten dabei klare Regeln und Nicht-stören-Signale helfen. Den «Konzentrationsmuskel» und das Nervengerüst trainieren könne man ausserdem mit Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung, Meditationen und regelmässigen Pausen.

Denn der grösste Konzentrationskiller überhaupt sei Stress, weil er nachweislich auf die Psyche und die Gesundheit schlägt, den Cortisolspiegel und den Blutdruck steigen lässt, für Schlaflosigkeit, Unzufriedenheit und Vergesslichkeit sorgt und unsere Denkfähigkeit dadurch langfristig reduziert.

Ein 13 Seiten langes Inhaltsverzeichnis bietet einen detaillierten Überblick darüber, was im Buch zu finden ist. Wer quer einsteigen oder nach der Erstlektüre nur noch einmal konkret nachschlagen möchte, worauf es im Homeoffice, beim Lesen, beim Zuhören in Konferenzen, beim Schichtdienst oder in stressigen Situationen ankommt, findet dadurch eine schnelle Einstiegshilfe.

Rund ein Drittel der Schweizer Berufstätigen arbeitet laut Bundesamt für Statistik regelmässig im Homeoffice – seit der Corona-Pandemie zeitweise sogar fast die Hälfte. Die «Studie Schweizer Immobilienmarkt 2018» der Credit Suisse zeigte ausserdem, dass die Bürofläche pro Mitarbeiterin oder Mitarbeiter an den elf grössten europäischen Bürostandorten Jahr für Jahr um 0,6 Prozent abnimmt und Einzelbüros zunehmend von flexiblen Grossraumvarianten abgelöst werden.

Konzentration war schon immer ein wichtiges Thema, die aktuellen Entwicklungen machen das Thema aber hochrelevant. Und das Buch verdeutlicht: Egal in welcher Branche man ist, es kann nicht schaden zu wissen, wie man an seiner ganz persönlichen «Konzentrationsschrauben» dreht. Fundiertes theoretisches Wissen und konkrete Übungen zu Stressreduktion und Konzentrationstraining werden im Buch ausführlich behandelt – und machen das Werk praxistauglich.

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Das Jungunternehmen Open2Work von Gründer Lionel Ebener vermittelt leere Büros und Menschen, die nicht mehr im Homeoffice arbeiten wollen.
Quelle: Brightcove

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