Bei der Credit Suisse gibt es derzeit vieles mehrfach: Im Handel und in der IT zum Beispiel teilen sich mehrere Teams die Arbeit auf, die untereinander keinen Kontakt haben. Eine Gruppe kommt ins Büro, während die andere Homeoffice macht – und am nächsten Tag umgekehrt.

Die örtliche Aufteilung der Teams diene zur Eindämmung des Ansteckungsrisikos, so ein Sprecher der Credit Suisse gegenüber der «Handelszeitung». Eine vierstellige Anzahl von Angestellten sei von dieser Massnahme betroffen.

Merkwürdige Situationen für die Mitarbeitenden

Gerade der Finanzsektor greift zu dieser Notfallmassnahme. Grossbanken wie J.P. Morgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley haben ebenfalls sogenannte Split-Teams eingerichtet, zuletzt der Liechtensteiner Krankenversicherer Concordia.

Für die Mitarbeitenden können dadurch merkwürdige Situationen entstehen: Auf einmal dürfen sie sich in der Kantine nicht mehr neben ihre Kollegen setzen, vom Händeschütteln mal ganz abgesehen. Tatsächlich könnte das jedoch nur eine erste Massnahme von vielen sein.

Folgenreicher Notfall

Business Continuity Management (BCM) – so heisst in vielen Chefetagen derzeit das Gebot der Stunde. Das Geschäft muss in Zeiten des Coronavirus am Laufen gehalten werden und das ­dafür nötige Know-how steht hoch im Kurs.

«Es kommen viele Anrufe ad hoc», sagt Matthias Hämmerle, ein führender BCM-­­Experte im deutschen Sprachraum. Er beschäftigt sich professionell jeden Tag mit der Frage «Was wäre, wenn …». Was passiert, wenn plötzlich ein Firmengebäude nicht mehr zur Verfügung steht, wenn die IT komplett abstürzt oder ein Grossteil der Belegschaft krank wird oder auszufallen droht?

Der «Schwarze Schwan»

Gerade Letzteres sei schon häufiger vorgekommen. «Ich hatte schon mit Fällen zu tun, in denen 40 Prozent der Mitarbeitenden durch den Norovirus ausgefallen sind», berichtet Hämmerle. Eine weltweite Erkrankungswelle wie durch das Coronavirus hat er in zwanzig Jahren Beratung jedoch noch nicht erlebt.

Anzeige

«Das ist buchstäblich der Schwarze Schwan.» Im Jargon der Risikoexperten heisst das: ein Ereignis, das zugleich unwahrscheinlich und folgenreich ist.

Zu Beginn eine Business-Impact-Analyse

Professionelle Krisenprävention beginnt in der Regel mit einer sogenannten Business-Impact-Analyse: Man schaut sich an, welche Prozesse im ­Unternehmen überlebenswichtig sind und welche auch ausgesetzt oder aufgeschoben werden können.

Fallen viele Mitarbeitende aus, werden die kri­tischen Prozesse dann zum Beispiel durch Mitarbeitende aus anderen ­Or­ganisationseinheiten, an anderen Standorten oder von externen Dienstleistern durchgeführt.

Banken zeigen sich flexibel

Für eine Bank zum Beispiel hätte Priorität, den ­Zahlungsverkehr aufrechtzuerhalten. Dort – und nicht im HR oder Controlling – würde man die verbleibenden Kräfte einsetzen. Daneben hat sich bewährt, Arbeiten an einen Standort zu verlagern, der noch nicht von der aktuellen Krise betroffen ist.

Internationale Banken zum Beispiel können ihren Handel von der Niederlassung in Hongkong in eine Dependance in London verschieben. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Prozesse und IT-Systeme überall gleich sind. «Redundanz ist die Königsdisziplin», betont Hämmerle. Logisch: Sind ­Dinge mehrfach vorhanden, lassen sich Ausfälle leichter kompensieren.

Spätfolgen der Schweinegrippe

▶ Vorsorge: Die Business-Continuity-Experten leiden immer noch unter den Spätfolgen der Schweinegrippe von 2009 – beziehungsweise unter den Nichtfolgen. Damals hatte die WHO den Ausbruch des Virus unter dem Namen H1N1 als Pandemie eingestuft, woraufhin überall Aktionismus ausbrach. Unternehmen stellten Notfallpläne auf, einige kauften grosse Mengen des Medikaments Tamiflu und Atemschutzmasken.

▶ Entsorgung: Doch dann passierte weniger als erwartet: Die Schweinegrippe bereitete sich nicht explosiv aus, es gab kaum Todesfälle und die Unternehmen mussten nach einiger Zeit die abgelaufenen Medikamente entsorgen, was in vielen Fällen mehr kostete als ihre Anschaffung.

▶ Desinteresse: Nach diesem Ereignis schalteten viele Führungskräfte auf Durchzug, wenn Business-Continuity-Experten und Berater vor weltweiten Seuchen warnten. «Die Schweinegrippe hat das Thema Pandemie verbrannt», fasst BCM-Experte Matthias Hämmerle zusammen.

Die wichtigste Gegenmassnahme lautet derzeit «remote arbeiten». Droht im Büro Ansteckungsgefahr, hilft es, wenn möglichst viele Personen in den eigenen vier Wänden bleiben und dort arbeiten.

«Es hat sich allerdings gezeigt, dass nicht alle Firmen darauf vorbe­reitet sind», sagt Reto Brunner, BCM-­Experte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Unternehmensberatung PwC in Zürich.

Fehlende Nutzerkonten und schwache Verbindung

Typische Probleme: Es sind nicht für alle Mitarbeitenden Nutzerkonten vorhanden oder das Netzwerk (VPN) hält dem Ansturm nicht stand. «Hier gibt es sicher einige Learnings für die Zukunft», sagt Brunner. Wirklich alle Mitarbeitenden ins Home­office zu schicken, ist freilich selten möglich.

«Überall, wo mit Papier hantiert wird, müssen die Menschen ins Büro kommen», so Hämmerle. Deshalb versuchen Unternehmen, die Ansteckungsgefahr in den Büros zu minimieren. Reinigungszyklen werden verkürzt, Handläufe, Aufzugknöpfe und Türgriffe desinfiziert, die Belegschaft zum häu­figeren Händewaschen animiert. «Man achtet darauf, nicht mehr Nase an Nase an der Flipchart zu stehen», so Brunner.

Einige Unternehmen bringen in der Kantine sogar Markierungen an, damit die Mitarbeitenden ausreichend Abstand halten. Sie werden zudem auf­gefordert, Menschenansammlungen zu meiden und dienstliche Reisen auf ein Minimum zu begrenzen.

Manche Firmen raten sogar dazu, wieder stärker den eigenen Pkw zu benutzen und ­öffentliche Transportmittel zu meiden – was vor dem Hintergrund der Klima­diskussionen eine erstaunliche Kehrtwende darstellt.

Die Rolle von Split-Teams

Eine wichtige Rolle spielen die eingangs erwähnten Split-Teams. Bislang wurde diese Massnahme nur in Spi­tälern praktiziert, die mit stark ansteckenden Krankheiten zu tun haben.

Anzeige

«Idealerweise wird nicht nur in zwei, sondern in drei oder mehr Teams getrennt – was immer funktionsmässig möglich ist», erklärt PwC-Experte Brunner. Sinnvoll sei die Massnahme überall da, wo Personen tatsächlich in Gruppen arbeiten – weniger zum Beispiel im Aussendienst oder im Service.

KMU sind in vielen Fällen Nachzügler

Manche Firmen rollen solche Massnahmen derzeit routiniert aus, andere eher hektisch und reaktiv. Das liegt ­unter anderem daran, dass es keine ­gesetzliche Pflicht zu Kontinuitätsmanagement gibt und deshalb nicht überall Notfallpläne in der Schublade liegen.

In stark regulierten Branchen wie der Finanzwirtschaft gehört BCM dennoch zum Alltag, ausserdem in grossen Konzernen der Pharma- und Automobilindustrie. Anders sieht es in KMU aus. Hier sind die Krisenexperten häufig die ungehörten Rufer in der Wüste. «Was wir vorschlagen, kostet Geld, und dann hiess es, das passiere doch eh nicht», sagt Experte Hämmerle.