Wegen der Aufwertung der Landeswährung strömen die Bewohner in Scharen über die nahe Grenze nach Deutschland zum Einkaufen. Das belastet die einheimischen Einzelhändler - und verschlimmert die Auswirkungen des starken Franken auf die schweizerische Wirtschaft, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits in eine Rezession abgeglitten ist.

«Das ist ein Problem. Hotels, Restaurants und Läden haben es schwer», sagt Nicole Esslinger, Geschäftsführerin von Kreuzlingen Tourismus. «Die Kreuzlinger sind schon immer in das nächstgelegene Geschäft gegangen, auch wenn es jenseits der Grenze lag. Aber jetzt hat das ganz andere Dimensionen angenommen.»

Hohe Wechselkurs belastet

Schweizer Städte an der Grenze zu Deutschland zahlen die Zeche für die Entscheidung der Nationalbank vom Januar, den Frankenkurs gegenüber dem Euro freizugeben.

Der hohe Wechselkurs belastet die Exporte und die Verbraucherausgaben. Die Konjunktur wird in der Eidgenossenschaft in diesem Jahr voraussichtlich so schwach sein wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Die Verbraucherpreise dürften so stark fallen wie zuletzt vor sechs Jahrzehnten, und am Mittwoch wird sich wohl zeigen, dass die Inflationsrate im Juli bei minus einem Prozent verharrte.

Die Aktivität im verarbeitenden Gewerbe ging im Juli überraschend zurück, zeigten Daten vom Montag. Bei der saisonbereinigten Arbeitslosenquote wird am Freitag ein Wert von 3,3 Prozent für Juli erwartet.

Keine natürliche Grenze

Zwischen Kreuzlingen und der deutschen Stadt Konstanz gibt es keine natürliche Grenze, und das Schengen-Abkommen ermöglicht Reisen zwischen den Orten auch ohne Pass. Allerdings gelten Zoll-Bestimmungen.

Die Schweizer sind es seit jeher gewohnt, Dinge des täglichen Bedarfs jenseits der Grenze zu kaufen. 2013 gaben sie im Ausland rund 10 Milliarden Franken für Artikel wie Waschmittel und Sonnenbrillen aus, zeigt eine Studie des Marktforschers GfK.

Einkaufstrips nach Deutschland

Wer seinen Wohnsitz in der Schweiz hat, darf pro Tag Waren im Wert von 300 Franken einführen, ohne darauf Zoll entrichten zu müssen. Zudem kann er sich die deutsche Mehrwertsteuer erstatten lassen.

«Normalerweise gehe ich am Wochenende», berichtet Judit Pretli, eine 43-jährige Schweizerin, über ihre Einkaufstrips nach Deutschland. «Einige Dinge wie etwa Haarspray und andere Körperpflegeprodukte sind dort billiger.»

Der Preisvergleichs-Webseite Preisbarometer.ch zufolge kostet ein Korb aus 54 typischen Körperpflegeprodukten wie L’Oreal-Haargel und Nivea-Sonnencreme in der Schweiz 70 Prozent mehr als in Deutschland. Bekleidung ist den Angaben zufolge um 43 Prozent teurer.

Im Kreuzlinger Modehaus Rudolf, das es seit 142 Jahren gibt, sind die Umsätze seit der Aufgabe des SNB-Mindestkurses um 40 Prozent eingebrochen, sagt die Besitzerin Maria Jonasch.

Rezession nur von kurzer Dauer?

Volkswirte gehen davon aus, dass die Schweizer Rezession unterm Strich wohl nur von kurzer Dauer sein wird. Von Bloomberg befragte Analysten erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal zulegen wird - wenn auch nur um magere 0,1 Prozent.

Das von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich ermittelte KOF-Konjunkturbarometer sprang im Juli um zehn Punkte und erreichte damit wieder seinen langjährigen Durchschnittswert. Der starke Franken belaste zwar nach wie vor die Wirtschaft, doch verliere die erste “Schockwelle” nach der Aufhebung des Mindestkurses «deutlich an Kraft», hiess es in der Pressemitteilung der Forschungsstelle.

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Nicht alle leiden

Auch in Kreuzlingen leiden keineswegs alle Einzelhändler unter dem starken Franken. «Für uns ist die Situation nicht so schlecht», sagt Markus Stotz, der in Kreuzlingen einen Laden für Matratzen und Betten betreibt. «Wegen des starken Franken fahren die Leute zum Einkaufen nach Deutschland. Aber wir verkaufen in der Schweiz hergestellte Matratzen, die in Franken abgerechnet werden. Daher spielt der schwache Euro keine Rolle.»

(bloomberg/ccr)