Computer abgestürzt? Passwort vergessen? Dann können sich Mitarbeitende der Credit Suisse an Amelia wenden. Die äusserst fleissige Kollegin hilft 365 Tage im Jahr weiter, rund um die Uhr. Denn Amelia ist eine Maschine – ein Chatbot. Das Computerprogramm gibt Antworten auf getippte Fragen und hilft bei IT-Problemen weiter.

Amelias grosse Stärke ist, dass sie dazulernt. Kann sie eine Frage nicht beantworten, schaltet sie einen menschlichen Experten ein und beobachtet, wie der das Problem löst. So wird Amelia ständig besser. Als der Antwortroboter im Dezember seine Arbeit aufnahm, konnte er nur 23 Prozent der Anfragen richtig einordnen. Sieben Monate später waren es schon 85 Prozent.

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Nüchterne Risikoanalyse

Maschinelles Lernen nennen Experten das oder auch künstliche Intelligenz (KI). Sie ist auf dem Vormarsch und schickt sich an, dem Menschen immer mehr Arbeit abzunehmen. «Wir gehen in der Finanzindustrie zum Beispiel von bis zu 40 Prozent automatisierbaren Tätigkeiten aus», sagt Jan Mischke von der Unternehmensberatung McKinsey, die eine Studie zu den Folgen von KI und Digitalisierung vorgelegt hat. Demnach könnten bis zum Jahr 2030 bis zu 100'000 Jobs bei Schweizer Banken und Versicherungen wegfallen. Zwar würden auch 30'000 neue Stellen entstehen, etwa im Tech-Bereich, doch per saldo bliebe ein klares Minus von circa 70'000 Stellen.

Im produzierenden Gewerbe und im Handel liegt das Automatisierungspotenzial laut McKinsey jeweils bei rund 100'000 Jobs. Wie können Kader verhindern, dass künstliche Intelligenz ihren Job übernimmt?

In fünf Jahren reden die Maschinen normal

Am Anfang sollte eine nüchterne Risikoanalyse stehen. Zum jetzigen Zeitpunkt beherrscht KI vor allem Routinearbeiten. «Alle Tätigkeiten, die sich wiederholen und vorhersehbar sind, bieten sich zur Automatisierung an», erklärt Damian Borth, Professor für künstliche Intelligenz an der Universität St. Gallen. Wer also schon morgens genau weiss, was er in den folgenden zwölf Stunden im Büro tun wird, muss mit Konkurrenz durch Roboter rechnen.

Als Beispiele für repetitive Tätigkeiten nennt Wissenschafter Borth das Sammeln von Informationen, das Zusammenfassen von Dokumenten und das Erstellen von Reports – typische Aufgaben, die heute Einsteiger erledigen.

«Denken Sie an die Risikobewertung bei der Vergabe von Krediten oder an die Interaktion mit Kunden in der Versicherungsbranche», ergänzt McKinsey-Berater Mischke. Bis Amelia & Co. hier übernehmen, dauert es nicht mehr lange. In zwei bis drei Jahren seien Programme einsatzbereit, die den Inhalt von Dokumenten erfassen können, schätzt Wissenschafter Borth. In fünf Jahren könnten Dialogsysteme marktreif sein, die in der Lage sind, sich mit einem Menschen in normaler Sprache zu unterhalten

Vorerst sind nur einfache Aufgaben von der Automatisierung bedroht. Auf lange Sicht jedoch wird künstliche Intelligenz auch Aufgaben übernehmen, für die ein menschlicher Experte heute noch einen dreistelligen Stundensatz in Rechnung stellt, etwa im juristischen Bereich.

Anwälte gegen Algorithmen

So fand in den USA Ende 2018 ein Wettbewerb statt, bei dem zwanzig profilierte Wirtschaftsanwälte gegen einen Algorithmus antraten. Die Aufgabe bestand darin, zuverlässig und möglichst schnell Fehler in Verschwiegenheits-Vereinbarungen (Non-Disclosure Agreements) zu finden. Bearbeitet werden mussten fünf Dokumente mit insgesamt 153 Paragrafen. Der Sieg ging klar an eine künstliche Intelligenz des Herstellers Lawgeex. Sie entdeckte 94 Prozent der Fehler, während die menschlichen Anwälte im Schnitt nur 85 Prozent fanden.

Das klingt nach übermächtiger Konkurrenz. Trotzdem gibt es für den Menschen auch im KI-Zeitalter noch viel zu tun. Zuallererst braucht es nämlich Experten, die die Maschinen installieren, steuern und warten. «Die Nachfrage nach technologischem Wissen nimmt massiv zu. Wir brauchen Menschen, die sich mit Datenanalytik auskennen und komplexe Projekte vorantreiben können», betont McKinsey-Mann Mischke.

Ausserdem werden weiterhin die sozialen und emotionalen Fähigkeiten eines Homo sapiens benötigt: Teams führen, Neues anstossen, Kollaboration fördern, eine Umgebung schaffen, in der Ideen spriessen – all das kann nur der Mensch. Wissenschafter Borth betont zudem, dass KI zwar perfekt Entscheidungen vorbereite, sie aber nicht alleine treffen sollte. «Es muss auch in Zukunft einen Menschen geben, der die Verantwortung übernimmt.»

So machen Sie sich KI-immun

Eignen Sie sich Wissen über Big-Data-Methoden und KI an. Dieses Know-how wird in Managementfunktionen künftig erwartet. Versuchen Sie, einen möglichst handfesten Einblick in dieTechnologien zu bekommen. Beispiel: Für einen Linienmanager oder Geschäftsführer kann es sich lohnen, einen Programmierkurs zu belegen!

Suchen Sie sich interne Projekte, bei denen Sie Ihr angestammtes Gebiet verlassen müssen. Haben Sie keine Angst davor, Bereichsgrenzen zu überschreiten! Wer in derLage ist, interdisziplinär besetzte Teams zu leiten, hält die KI auf Distanz. Solche Tätigkeiten können Algorithmen nicht übernehmen.

Bilden Sie sich in Bereichen weiter, die Ihr bisheriges Wissen ergänzen. Analytiker oder Technikprofis sollten kreative Fähigkeiten nachlegen, Managementprofis entsprechend Technik-Know-how. Damit empfehlen Sie sich für Schnittstellenfunktionen, die sich nicht automatisieren lassen.

Der grösste Vorteil der biologischen Intelligenz ist ihre Vielseitigkeit; genau die fehlt der künstlichen. Programme können zwar lernen, eine Sache perfekt zu erledigen – aber dann beherrschen sie nur die und keine andere. Der Robo-Anwalt zum Beispiel findet zwar die Fehler in den Verträgen mit übermenschlicher Geschwindigkeit, er hat jedoch keine Ahnung, wie man dieses Wissen in einer Verhandlung ausnutzen kann.

Perfekt: Daten- plus Marketing-Knowhow

Dafür braucht es einen Menschen, der viele Dinge beherrscht. Wer die Roboter auf Distanz halten will, sollte deshalb am besten einen sogenannten hybriden Job ergreifen – eine Tätigkeit, die technische und kreative oder soziale Aspekte hat.

Wer zum Beispiel Big-Data-Analysen beherrscht und die Erkenntnisse gleichzeitig in Marketingkampagnen umsetzen kann, braucht sich über den KI-Vormarsch keine Sorgen zu machen. Genau wie ein Software-Ingenieur, der zusätzlich Vertriebserfahrung mitbringt und potenzielle Kunden mit Charme und Wortgewandtheit überzeugt. Bis Maschinen all das können, vergehen noch Jahrzehnte – falls dieser Moment überhaupt jemals erreicht wird. «Kenntnisse über KI plus Domänenwissen – das ist die zukunftsfähige Kombination», fasst Wissenschafter Borth zusammen.

Der Trend zu hybriden Jobs zeichnet sich jetzt schon ab. «Die Nachfrage nach Personen steigt, dietechnische Themen umsetzen können und gleichzeitig Softskills wie Kreativität und Kommunikationsfähigkeit mitbringen», sagt Christian Wohlgensinger von der Personalberatung Egon Zehnder in Zürich. Bei Marketingvorständen etwa sei technisches Wissen – anders als früher – mittlerweile unabdingbar. Ausserdem würden Unternehmen zunehmend Technologieexperten an dieSpitze der HR-Abteilung setzen, vor wenigen Jahren ebenfalls undenkbar.

Tanken Sie Technikwissen!

Was können Kader jetzt tun, um ihre Karriere KI-immun zu machen? Zum einen Technikwissen nachtanken. Das Gespann der Zukunft heisst «Mensch plus Maschine» und nur, wer dieMöglichkeiten der KI kennt und nutzen kann, ist fit. Insofern kann es für einen CEO durchaus Sinn machen, einen Programmierkurs zu belegen oder sich in die Grundlagen des Machine Learning einzuarbeiten, selbst wenn das für sein Tagesgeschäft (noch) nicht relevant ist. Nach einem MBA zum Beispiel einen Ingenieurabschluss nachzulegen, dürfte deshalb in einigen Jahren an derTagesordnung sein.

Doch die vielleicht beste KI-Immunisierung könnte sein, im Unternehmen unternehmerischer zu handeln. «Bleiben Sie für Veränderungen offen und gehen Sie dahin, wo die Action ist», rät Technologieexperte Wohlgensinger von Egon Zehnder. Will sagen: Wer nicht nur kontrolliert und steuert, sondern kreativ und nahe am Produkt arbeitet, hat im Rennen gegen dieMaschine auch morgen die Nase vorn.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11.Juni 2019 auf HZ — handelszeitung.ch