Das E-Bike ist ein Corona-Gewinner. Der Trend zum Fahrrad mit Elektroantrieb hat in den letzten Monaten noch einmal so richtig Schub bekommen – die Verkäufe schiessen durch die Decke. Von hohen zweistelligen Wachstumsraten berichten die Händler, bei ­manchen Modellen gibt es Lieferengpässe und Wartelisten. 130 000 E-Bikes wurden in der Schweiz im letzten Jahr verkauft. Damit dürften heute hierzulande ins­gesamt über 600 000 (!) Fahrräder mit Elektroantrieb unterwegs sein.

Waren 2019 noch 37 Prozent aller Velos E-Bikes, so geht der Verband 2rad Schweiz nun von einer Steigerung auf gegen 50 Prozent aus. Dieser Trend gilt weltweit: Das Beratungsunternehmen Deloitte prognostiziert, dass bis Ende 2023 weltweit rund 113 Millionen E-Bikes produziert und verkauft werden – womit das Fahrrad das mit Abstand meistverkaufte Elektrofahrzeug sein wird.

Fahrrad als Lifestyle-Symbol

Gut, wer bei diesem Trend auch in ­Sachen Style die Nase vorn hat. Denn das Fahrrad wandelt sich immer mehr von einem ­Fortbewegungsmittel zu einem Lifestyle-Symbol – angepasst an das ganz eigene Lebensgefühl. Es wird damit auch ein Statement über die Zuge­hörigkeit zu ­einer Gruppe oder einer Szene – fast wie die Kleidung, die man trägt. Kein Wunder, haben die Hersteller auch beim ­Design tüchtig aufgerüstet. Angesagt ist, was auffällt – Cycle Chic nennt die Szene den Trend.

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Auch in diesem Jahr warten die Her­steller mit spannenden Neuheiten auf. ­Vieles hat einen Touch Retro. Da ist etwa das Model 1 des US-Herstellers Civilized Cycles, das von Weitem aussieht wie eine Vespa aus den fünfziger Jahren. In der Tat habe der Entwickler vorher bei einem Vespa-Händler in New York gearbeitet, wie die Fachpresse zu berichten weiss. Der optische Effekt entsteht durch zwei grosse Hartplastikschalen, die als Kofferraum ­dienen. Lanciert wurde die Neuheit im zweiten Quartal dieses Jahres.

Model 1 Hersteller: Civilized Cycles

Für die Nostalgikerin

Modell: Model 1
Hersteller: Civilized Cycles
Herkunftsland: USA Gewicht: 34 kg
Preis: 3999 bis 4999 Dollar

Quelle: PD

Ohnehin holen sich viele Designer ihre Gestaltungsideen beim Motorrad. Das UNI MK Classic vom deutschen Hersteller ­Urban Drivestyle zum Beispiel sieht aus wie eine Mischung aus Moped und Motocross-Töff. Nach wie vor sehr angesagt ist auch der E-Bike-Klassiker im Motorrad-Design schlechthin, das Kultmodell Rayvolt Cruzer aus Barcelona, welches das Harley-Davidson-Feeling aufs Fahrrad übertrug – wer mit einem solchen Gefährt unterwegs ist, dem sind die bewundernden Blicke sicher.
 

Rayvolt Bike SL Barcelona

Für die Retro-Träumerin

Modell: Cruzer
Hersteller: Rayvolt Bike SL Barcelona
Herkunftsland: Spanien
Gewicht: 24 kg
Preis: 2800 bis 3100 Euro

Quelle: PD

Schweizer Produzenten punkten derweil mit einer Mischung aus Design und Spitzentechnologie. Thömus hat eine Neuentwicklung auf den Markt gebracht, die laut eigenen Angaben neue Massstäbe setzt. Dazu gehören bisher unerreichte Reichweiten mit einer einzigen Akku­ladung oder ein Systemgewicht von nur 18,5 Kilogramm. Thömus ist generell auch sehr stark im Segment der Mountain- ­E-Bikes vertreten – ideal für den jetzigen Trend hin zu Ferien im eigenen Land.

Thömus Ebike

Für den Technologie-Freak

Modell: Lightrider E2 Pro
Hersteller: Thömus
Herkunftsland: Schweiz Gewicht: ab 18,5 kg
Preis: ab 5590 Franken, je nach Konfiguration

Quelle: PD

Bike statt ÖV

Schnörkelloses, fast schon puristisches ­Design bietet der belgische Hersteller ­Cowboy, dessen Fahrräder vor allem bei urbanen Pendlern sehr beliebt sind. ­Damit liegen die Belgier derzeit genau richtig, denn auch in der Schweiz scheuen viele angesichts von Corona-Ängsten und/oder Maskenpflicht die öffentlichen Nahverkehrsmittel und steigen für den Stadtverkehr aufs Bike um.

Eine Mobilitäts­studie der ETH Zürich hat gezeigt, wie besonders seit Mitte April dieses Jahres die Fahrradnutzung stark zugenommen hat. Bei allen anderen Verkehrsträgern, insbesondere Bus, Tram und Zug, gingen die gefahrenen Kilometer zurück. Und ein ­Update Ende Juni hat gezeigt, dass dies auch nach den Lockdown-Lockerungen vom 11. Mai weiterhin so ist.

Gerade für kürzere oder mittlere Strecken bieten E-Bikes ja auch eine gute Alternative. Zudem entsprechen sie selbst­verständlich dem urbanen Trend zum sauberen Verkehrsmittel. Nachteil des Booms: Im letzten Jahr verunfallten 355 Personen schwer mit E-Bikes – ein neuer Höchststand. Mehr als die Hälfte der schweren Verletzungen gehen auf einen Selbstunfall zurück – das forsche Tempo der elektrischen Fahrräder wird gerne unterschätzt. Am meisten Unfälle gibt es bei Lenkern zwischen 44 und 64 Jahren, die schwersten Unfälle und die meisten Todesfälle sind aber bei Senioren ab 65 Jahren zu verzeichnen.

EBike Cowboy

Für den Puristen

Modell: Cowboy 3
Hersteller: Cowboy
Herkunftsland: Belgien
Gewicht: 16,9 kg
Preis: rund 2300 Euro

Quelle: PD

Dabei sind die richtigen Tempo-­Maschinen unter den E-Bikes bis heute Nischenprodukte geblieben. Wer ein solches Bike fahren will, muss sich seiner Fahrkünste schon sehr sicher sein. Das Modell Pi1S der deutschen Fahrzeugmanufaktur Gulas beispielsweise bringt es locker auf eine Höchst­geschwindigkeit von 115 Kilometern pro Stunde. Fahrer solcher Gefährte sollen schon damit ­geprahlt haben, wie sie auf der Schnellstrasse einen Porsche abgehängt haben – dabei demonstrativ in die Pedale tretend.

E-Bikes mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 45 Kilometern pro Stunde gehören in der Schweiz allerdings in die Fahrzeugkategorie «Motorrad» und benötigen den entsprechenden Führerausweis. Ansonsten wird hierzulande nach zwei Typen von elektrischen Fahrrädern unterschieden: langsame E-Bikes bis 25 und schnelle E-Bikes bis 45 Kilometer pro Stunde.

Langsame E-Bikes gelten zwar als Kleinmotorfahrzeuge, sind rechtlich aber den Fahrrädern gleichgestellt. Fahrer ab 16 Jahren benötigen keinen Ausweis. Das Mindestalter liegt bei 14  Jahren, zwischen 14 und 16 braucht es einen ­Führerschein M (Mofas). In der Kategorie bis 45 Kilometer pro Stunde sind ein ­Kontrollschild mit gültiger Versicherungs­vignette, ein Fahrzeugausweis und wie bei den Töffli mit Verbrennungsmotor der Führerausweis M Pflicht. Ein Helm ist in dieser Kategorie obliga­torisch, für lang­samere E-Bikes nicht. ­Allerdings setzt sich die staatliche Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU dafür ein, dass auch für die langsamere Kategorie ein Velohelm­obligatorium eingeführt wird.

Ebike Gulas

Für den Adrenalin-Junkie

Modell: Pi1S
Hersteller: Fahrzeugmanufaktur Gulas
Herkunftsland: Deutschland
Gewicht: 128 kg
Preis: ab 31 500 Euro

Quelle: PD

Wichtige «Fundamentals»

Angesagt ist derzeit die Verbindung des Fahrrads mit dem Smartphone. Cowboy etwa hat eine App herausgebracht, zu ­deren Features das automatische Ent­sperren gehört: Nähert sich der Besitzer seinem Bike, wird es automatisch ent­riegelt. Das Smartphone muss man dafür nicht einmal aus der Tasche nehmen. Auch andere Hersteller setzen vermehrt auf derlei Produkte.

Grundsätzlich ist auch beim Kauf eines stylischen Vertreters aus der E-Bike-­Palette auf die «Fundamentals» eines ­guten Elektrofahrzeugs zu achten. Wichtig sind vor allem Akku und Bremsen. Die meisten E-Bikes haben Batterien mit bis zu 500 Wattstunden, was für etwa 50 Kilo­meter reicht – je nach Steilheit des ­Geländes. Einzelne Exemplare warten aber auch mit 1000 Wattstunden auf. Gute Bremsen sind ein Muss – vor allem bei den schnelleren Modellen ist der Bremsweg lang. Es lohnt sich, etwas mehr zu investieren, denn Fahrräder haben generell eine lange Lebensdauer – über die Zeit amortisiert sich der Zusatzbatzen, den man investiert.

Günstige Modelle gibt es schon ab rund 1500 Franken, für hochwertige Bikes muss man aber bis zu 5000 oder 6000 Franken rechnen. Es gibt auch Luxusexemplare für mehrere zehntausend Franken. 35 000 Euro etwa kostet das PG Bugatti Bike, ­gestaltet von der Fahrradmanufaktur PG im deutschen Regensburg, ein technisches Wunderwerk, das gerade mal fünf Kilogramm wiegt. Es wurde gezielt für die Kunden des Luxussportwagens Bugatti Chiros entwickelt und auf wenige hundert Exemplare begrenzt. Das Auto selber allerdings ist erst recht nicht jedermanns ­Kaufklasse: Der Preis des Strassenboliden beträgt rund drei Millionen Euro.

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