Die vergangenen zwölf Monate könnten als jene Phase in die Geschichte der Börsen eingehen, in der die Demokratisierung der Geldanlage ihren Anfang genommen hat. Angetrieben durch eine wachsende Zahl von Finanzbloggern und -influencern, wurden Geldthemen aus der grauen Expertenecke herausgeholt und in den Fokus der Communities gerückt. Leicht verständliches Markt- und Börsenwissen ist heute überall verfügbar, weshalb die gefühlte Informationslücke zwischen Experten und Privatanlegern geringer geworden zu sein scheint. Immer mehr Menschen fühlen sich fit für die Kapitalmärkte.

 

Christian Staub ist Europa-Chef des Vermögensverwalters Fidelity International.

Mit dem wachsenden Angebot von Online-Finanzplattformen und kostengünstigen Brokern ist Trading inzwischen zu einem Trend geworden. Galten Aktien noch vor wenigen Jahren unter jungen Menschen entweder als etwas für die oberen Zehntausend oder gar als Teufelszeug, so ist heute derjenige fast schon ein Aussenseiter, der nicht in Aktien investiert.

Vom Digital zum Financial Native

Gerade aber die Kurskapriolen der Gamestop-Aktie, ausgelöst durch die «jungen Wilden» in einer Reddit-Online-Community, zeigen anschaulich mögliche Kehrseiten dieser Entwicklung: Spekulieren heisst nicht investieren. Das eigene Aktienengagement darf nicht zum Zockerinvestment verkommen.
Um Menschen langfristig ein finanziell besseres Leben zu ermöglichen, müssen wir dafür sorgen, dass gerade die Digital Natives zu Financial Natives werden. Sie sollten in die Lage versetzt werden, ihre Investmententscheidungen aufgeklärt, bewusst und souverän treffen zu können. Entweder als Selbstentscheider mit einem realistischen Verständnis von Anlagechancen und -risiken oder im Dialog mit Anlageberatern auf Augenhöhe.
Es ist ein grosses Verdienst der Finanzblogger und -influencer, die Initialzündung gegeben zu haben. Doch es müssen weitere Initiativen folgen. Unter anderem muss ökonomische Bildung endlich auch an den Schulen vermittelt sowie eine nicht sachgemässe Regulation und überbordende Bürokratie zurückgeschraubt werden. Wichtig ist hier, eine gesunde Balance zwischen Anlegerschutz und mehr Kapitalmarkt-Teilhabe von Privatanlegern zu finden.
 

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Dies ist ein BILANZ-Artikel

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Den Weg zu den Märkten ebnen

Als Vermögensverwalter stehen wir ebenfalls in der Pflicht, die Demokratisierung der Geldanlage zu forcieren: sei es durch mehr Transparenz zu Kosten, Chancen und Risiken sowie zur Nachhaltigkeit von Produkten, durch neue niederschwellige Kommunikationsformate, verständliche Informationen zur eigenen Finanzsituation – beispielsweise über Online-Dashboards – und vor allem durch die weitere Digitalisierung des Investmentspektrums.

Ein nächster Schritt wird sein, den Zugang zu den nichtöffentlichen Märkten, den sogenannten Private Markets, zu ebnen. Untersuchungen belegen, dass Investitionen in diesem Marktsegment zwar längerfristiger Natur sind, zugleich aber ein Vielfaches an Renditechancen bringen können. Fintech-Unternehmen wie Moonfare, mit dem Fidelity kooperiert, zeigen, dass durch die Technologisierung auch bisher schwer zugängliche Anlageklassen für breite Investorenschichten erschlossen werden können.

Wir müssen als Anbieter daher daran arbeiten, den Zugang zum Aktien- und Privatmarkt weiter zu vereinfachen und Barrieren abzubauen. Denn konnten sich bisher nur sehr vermögende oder professionelle Anleger in den aussichtsreichen Private Markets engagieren, gilt es nun, die Demokratisierung der Märkte auch hier zum Nutzen einer breiten Anlegerschaft zu beschleunigen. Je mehr Menschen zu Financial Natives werden, desto besser sollte dies gelingen.

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