«Hast du schon auf die Geografie-Prüfung gelernt?» Diese Frage höre ich als Gymilehrer auf den Gängen und selbst in meinen Deutschstunden ständig. Jugendliche meinen damit nicht Lernen im eigentlichen Sinne, sie fragen nicht, ob andere Wissen erworben oder Fertigkeiten entwickelt haben. Sie beziehen sich nur auf Prüfungsvorbereitung. «Lernen» bedeutet für sie, das zu tun, was mit guten Noten belohnt wird. «Lernen» ist eine lästige Pflicht, die Druck erzeugt. Dabei sollte Lernen als Teil einer persönlichen Entwicklung zu einem Sog führen. Bei Kindern im Vorschulalter ist das selbstverständlich: Erwachsene schauen ihnen fasziniert zu, wie sie greifen, gehen und sprechen lernen; die Kinder selbst sind begeistert von ihren Lernerfolgen. Irgendwann geht die Begeisterung verloren, das Vertrauen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen erodiert: In der Schule zwingt man Kinder, das zu lernen, was im Lehrplan steht. So verlieren sie die Freude daran. Sie simulieren Lerneffekte, schreiben bei Prüfungen irgendetwas hin, um Punkte zu bekommen – und vergessen es sogleich wieder.

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Diese Vorstellung von Lernen ist problematisch – nicht nur für Schulen, sondern auch für die Gesellschaft. Menschen, die lebenslang lernen können, sind die Basis einer starken Gesellschaft. Sie brauchen dafür sinnvolle Umgebungen, Verbindungen zu Mitlernenden, kompetente Lehrende, ein Bewusstsein dafür, wie Lernen abläuft – sowie die nötige Motivation. Vieles davon ist in der Schweiz vorhanden, nur an zwei Punkten mangelt es: am Verständnis für Lernprozesse und an der Motivation der Lernenden. Werden Menschen durch externe Anreize gesteuert, suchen sie Abkürzungen und beginnen zu schummeln. Motivation entsteht durch Vertrauen und Freiräume. Das ist der Grund, weshalb gute Arbeitgeber aufgehört haben, Arbeitsstunden und kleinteilige Performance-Ziele zu protokollieren. Sie verstehen, dass die Aktivität von Mitarbeitenden dann am grössten ist, wenn sie Freiheiten und Entwicklungschancen vorfinden. Deshalb übertragen sie ihnen Verantwortung und beteiligen sie an der Entwicklung eines Unternehmens. Fehlerkultur bleibt so lange ein Schlagwort, bis Mitarbeitende Raum erhalten, tatsächlich Fehler zu machen, um daraus zu lernen.

Über den Autor

Philippe Wampfler ist Deutschlehrer an der Kantonsschule Enge, Dozent an der Universität Zürich sowie Sachbuchautor.

Diese Einsicht müsste vertieft werden. Sie sollte an Schulen etabliert werden und dabei helfen, die Institution zu wandeln: Würden Kinder Umgebungen vorfinden, in denen sie mit anderen zusammen lustvoll lernen können und ein Verständnis davon erhielten, wie ihr Lernen nachhaltig funktioniert, wären viele Probleme gelöst. Nicht nur der Schul- und Prüfungsfrust – auch Mobbing und die fehlende Zufriedenheit von Lehrpersonen mit ihrem Beruf. Die Industrie, die sich von psychologischer Abklärung bis zu Nachhilfe um Schulen windet, wäre nicht mehr nötig, um Kindern die Kraft zu geben, eine sie belastende Schule zu besuchen.

Erhebungen zeigen, dass Kinder sich in der Schule rund 5000 Stunden langweilen – das sind drei ganze Schuljahre. Eine Schule, die sich an der Lernfreude von Kindern orientiert, kann das vermeiden, weil sie nicht versucht, diesen etwas beizubringen, was sie entweder schon können oder später viel leichter lernen. Sie ist ein Labor für eine Gesellschaft, in der Menschen im Beruf und im Alltag ständig lernen müssen, mit neuen Situationen umzugehen und Probleme kreativ zu lösen. Das bedingt aber auch Verständnis dafür, dass nicht alle, die eine Schule besucht haben, dieselben Kompetenzen mitbringen – sondern einiges danach lernen. Das gelingt ihnen, weil sie Lernen verstehen und es als gemeinsame Aktivität erleben, als angenehm und bestärkend. Die natürliche Neugierde von Menschen kann als Ressource genutzt werden, in der Schule und ausserhalb.

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