«Ist Miami das neue Silicon Valley?» fragten viele amerikanischen Zeitungen in den vergangenen Tagen und Wochen. Eine Frage, die auf den ersten Blick durchaus erstaunt, denn Miami ist nicht unbedingt bekannt für ein boomendes Startup-Ökosystem. 2020 wurden 1.9 Milliarden Dollar an Risikokapital in Startups in ganz Florida bei 21.5 Millionen Einwohnern investiert – in der Bay Area waren es im selben Zeitraum 61.5 Milliarden Dollar bei knapp acht Millionen Einwohnern. Umso spannender ist es zu beobachten, was seit Anfang Dezember passiert und welche Rolle der Bürgermeister und sein Twitter-Profil dabei spielen.

Twitter als Rekrutierungstool

Twitter, die Social-Media-Plattform mit den 280 Buchstaben per Tweet, ist äusserst beliebt bei Startup-Gründern, Mitarbeitern und Venture-Capital-Investoren in den USA. Und spätestens seit dem Ausbruch der Pandemie finden fast alle relevanten Diskussionen in der Szene auf ihr statt. Bei aktiven Twitter-Usern mit einer grossen Anzahl an Followern geht es inzwischen soweit, dass sich viele grösstenteils auf ihr Twitter-Netzwerk verlassen, um ihre Firma voranzutreiben: Startups rekrutieren Mitarbeiter und finden Kunden via Twitter, VCs finden Investmentmöglichkeiten via Twitter und in Miami überzeugt der Bürgermeister Francis Suarez Startup-Gründer, Mitarbeiter und Investoren seit Dezember zu einem Umzug via Twitter.

Das erklärte Ziel von Francis Suarez ist es, Miami zu einem Tech Hub zu machen. Auch, weil er die Gunst der Stunde erkannt hat. Spätestens seit Beginn der Pandemie ist remote arbeiten, wie vielerorts diskutiert, vor allem in der Tech-Industrie weit verbreitet. Als Folge davon hat eine Dezentralisierung der Bay Area als Tech-Epizentrum stattgefunden – sprich viele Startups und Investoren sind weggezogen. Ursprünglich vor allem nach Austin, Los Angeles, Denver und Salt Lake City. Und seit Anfang Dezember immer mehr auch nach Miami – seit dann rekrutiert Francis Suarez aktiv via Twitter.

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In meinem Artikel zum Thema «Startups: ‹Smart Money› und ‹Role Models› als Erfolgsfaktor» hatte ich über die Bedeutung von verfügbarem Risikokapital mit relevanten Know-how («Smart Money») und von erfolgreichen Vorbildern, die ihr Wissen teilen, («Role Models») für ein Startup-Ökosystem gesprochen. Durch das aktive Rekrutieren von erfolgsversprechenden Startups und erfahrenen Investoren versucht Francis Suarez nun, das Ökosystem Miami innert kurzer Zeit auf ein neues Level zu heben. Auch weil er weiss, dass ein erfolgreiches Startup-Ökosystem ein entscheidender Faktor ist, um den Wohlstand einer Region langfristig zu erhöhen. In San Francisco zum Beispiel hat jede neu geschaffene Stelle in der Tech-Industrie fünf weitere Arbeitsplätze geschaffen.

Der Autor

Pascal Unger ist Managing Partner bei der Venture-Capital-Gesellschaft Darling Ventures in San Francisco.

Dabei setzt der Bürgermeister von Miami auf eigene Tweets, aktive Teilnahme an Twitter-Diskussionen sowie auf ein sehr proaktives Anbieten von Hilfe beim Umzug für Startups und Investoren. Alleine im Dezember wurden seine Tweets 27 Millionen mal angeschaut (bei wenigen Tausend Followern anfangs Monat). Und bis anhin war er mit seinem Vorgehen sehr erfolgreich – seit Beginn seiner Kampagne sind Peter Thiel (Mitgründer von Paypal und Palantir sowie erster Investor bei Facebook) und Keith Rabois (Executive bei PayPal, LinkedIn und Square sowie Mitgründer von Opendoor) vom Founders Fund sowie viele weitere Startup-Gründer, Mitarbeiter und Investoren nach Miami gezogen. Zudem sprechen weitere Prominente in der Tech-Szene wie Chamath Palihapitiya (früher Executive bei Facebook und inzwischen ein prominenter Investor mit seiner Investmentfirma Social Capital) und Elon Musk immer mehr über Miami. Und dies alles innerhalb von nur zwei Monaten.

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Francis Suarez kommt dabei zugute, dass Miami als Standort viel zu bieten hat: Eine hohe Lebensqualität, ein ganzjährlich warmes Klima, tiefere Lebenskosten und tiefere Steuern als in Kalifornien sowie ein spannender Mix an verschiedenen Kulturen und Industrien. Zudem unternimmt Suarez viel, um zum Beispiel die Firmengründung in Miami zu erleichtern: Unter anderem wurde unter seiner Aufsicht das «eStart»-Programm lanciert, welches den Prozess digitalisiert, um alle benötigten Zulassungen für eine Firmengründung zu bekommen. Statt Wochen dauert er nun nur noch Tage.

Die Wichtigkeit von «Personal Branding» in der digitalen Welt

Das Beispiel von Miami und Francis Suarez zeigt, wie wertvoll die Kombination einer authentischen und aktiven Onlinepräsenz gepaart mit dem richtigen Timing und einem attraktiven Angebot sein kann. Das Stichwort hier ist «Personal Brand»: im digitalen Zeitalter ist eine starke und authentische persönliche Marke zunehmend wichtiger als diejenige der Organisation dahinter, inklusive der richtigen Präsenz auf ausgewählten Sozialen Medien. Das sieht man in der Welt der Prominenten, Sportgrössen und Politikern schon länger. Dasselbe gilt bei den grossen Tech-Firmen – Elon Musk ist hier das Paradebeispiel, nicht erst, seit ihn die SEC aufgrund seiner Tweets wegen Marktmanipulation verurteilt hat. Auch bei den Venture-Capital-Firmen ist die Marke der einzelnen Partner inzwischen oft wichtiger als die Firma dahinter. Dasselbe gilt zunehmend auch für Startup-Gründer.

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Der Schweiz fehlt eine personifizierte Vision für das Startup Ökosystem

Ähnlich wie Miami hat die Schweiz eine hohe Standortattraktivität und ein wachsendes Startup-Ökosystem. Schaut man sich Zürich als grösste Schweizer Stadt an, landet sie laut dem «The State of European Tech»-Report der europäischen Venture-Capital-Firma Atomico auf Platz acht im europäischen Städtevergleich. Dies ist eine durchaus respektable Platzierung, wenn man sich anschaut, welche Metropolen vor Zürich liegen: London, Paris, Stockholm, Berlin, München, Helsinki (Espoo) und Amsterdam.

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Und genau wie in Miami fehlt es in der Region Zürich und in der Schweiz im Allgemeinen noch an genügend «Smart Money» und «Role Models». Am Beispiel Miami wurde zuletzt aktiv diskutiert, dass es zwei bis drei Startups mit Exits über zehn Milliarden Dollar innerhalb des Startup-Ökosystems braucht, um dieses nachhaltig zu etablieren. Denn Exits von dieser Grösse produzieren die «Role Models» und das «Smart Money», um regelmässig weitere Firmen dieser Grösse hervorzubringen. Noch gibt es keine Tech-Startup-Exits dieser Grösse in der Schweiz. Unter anderem, weil wir noch damit kämpfen, dass zu viele Schweizer mit globalen Ambitionen und Ausländer mit Ausbildung in der Schweiz ihre Startups nicht in der Schweiz gründen.

Aktiv professionelle Risikokapitalgeber und erfolgsversprechende Startups anzuziehen, um solche Exits schneller zu produzieren, ist eine sehr vielversprechende Strategie für ein Ökosystem. Organisationen wie die Switzerland Global Enterprise und die Greater Zurich Area setzten sich im Ausland ein, um Firmen die Schweiz als Standort attraktiv zu machen. Andere wie Swissnex leisten unter anderem in den USA hervorragende Arbeit, um die Schweiz als Innovationsstandort bekannt zu machen. Und Digital Switzerland arbeitet in der Schweiz mit Firmen, Universitäten und der breiten Bevölkerung zusammen, um die Schweiz als digitalen Innovationsstandort weiter zu etablieren. 

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«Valley View»

In unserer Kolumne «Valley View» beleuchtet Pascal Unger fortan regelmässig die neusten Entwicklungen im Silicon Valley und ihre Auswirkungen auf die Schweiz. Alle Texte dazu finden Sie hier.

«Was uns jedoch noch fehlt, ist eine einheitliche Vision, wo wir als Schweiz bezüglich Startups und Innovation hinwollen», sagt Gioia Deucher, CEO von Swissnex in San Francisco dazu, und fügt an: «Um ein Land hinter einer solchen Vision zu vereinen und greifbarere Resultate erzielen zu können, hilft eine Personifizierung dieser Vision enorm – auch wenn dies nicht unserer Schweizer Kultur entspricht». Die Schweiz hat noch kein Gesicht für Startup-Förderung, wie es Francis Suarez für Miami ist. Jemand, der eine einheitliche Vision formuliert, mit seiner persönlichen Marke für das Ökosystem Schweiz steht und dieses im Inland und Ausland im internationalen Wettbewerb um die besten Talente und Startups vertritt. 

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Persönliche Marke als Wettbewerbsvorteil für Startup-Gründer

Eine Firma, Organisation oder Vision auf eine authentische Art und Weise mit einer starken persönlichen Marke zu verbinden bringt zwar ein gewisses Klumpenrisiko mit sich, kann in der heutigen digitalen Welt jedoch auch ein starker Wettbewerbsvorteil sein. Bei Startups hilft eine starke «Personal Brand» der Gründer unter anderem beim Rekrutieren von Mitarbeitern, beim Gewinnen von Kunden und beim Fundraising. «Hier haben Schweizer Startups im Vergleich zu ihren amerikanischen Konkurrenten oftmals noch grosse Defizite. US-Startups personifizieren die Mission und Vision der Firma sehr gekonnt und schaffen es so eine mitreissende Geschichte rund um ihr Startup zu erzählen, während sich ihre Schweizer Pendants grösstenteils auf das trockene Vermitteln der Materie beschränken» meint Gioia Deucher basierend auf ihren Erfahrungen mit den Swissnex Startup Bootcamps hierzu. Wie eine persönliche Marke aufgebaut und zielführend eingesetzt wird, kann am Beispiel von Francis Suarez und Miami gerade äusserst eindrucksvoll studiert werden.

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