Immer mehr Menschen verdienen heute ihren Lebensunterhalt in einer Welt, die lange als Zeitverschwendung abgetan wurde: Die Welt des Online-Gamings. Während dies zurzeit vor allem noch auf Länder mit einem tiefen Durchschnittseinkommen wie den Philippinen, Venezuela oder Brasilien zutrifft, kann sich das schnell ändern. Dabei geht es nicht um professionelle e-Sports Spieler, es geht um die breite Masse, die ihr Geld mit Blockchain- und NFT-basierten Spielen verdienen - vergleichbar mit Alltagssportlern, die für Besuche im Fitnessstudio bezahlt würden.

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Das zurzeit bekannteste Beispiel ist Axie Infinity – ein Pokémon-ähnliches Spiel, das auf der Ethereum-Blockchain aufgebaut ist, und in dem Spieler digitale Haustiere (genannt Axies) als Non-Fungible Token (NFT – siehe hierzu meinen letzten Artikel zum Thema «NFTs sind weit mehr als nur digitale Kunst»)  kaufen, züchten, tauschen und diese gegeneinander kämpfen lassen. Das Ganze findet in der virtuellen Welt Lunacia statt, in der man auch Land als NFT kaufen kann.

Beeindruckende Zahlen

Das tönt wenig beeindruckend – bis man sich die Umsatzzahlen anschaut: Axie hat im August 342 Millionen und im September 220 Millionen USD umgesetzt. Das ist der zweithöchste Umsatz für Blockchain Projekte weltweit, nach Ethereum. Und auch auf individueller Ebene sind die Zahlen von Axie beeindruckend: Spieler verdienen (je nach Token Preis) über 15 USD am Tag (bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen in zum Beispiel den Philippinen von 250 USD).

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Axies

Quelle: Screenshot

Play to Earn (P2E) Spiele

Für traditionelle Videospiele musste man früher das Spiel als CD oder online kaufen. Dann wurde begonnen, das Spiel gratis spielen zu lassen und den Spielern Spielgegenstände zu verkaufen, entweder als Statussymbole («Free-to-Play») oder um der bessere Spieler zu werden («Pay-to-Win»). 


Axie Infinity ist der Pionier des sogenannten «Play-To-Earn» (P2E) Modells. Neu ist dabei, dass die gewonnenen Punkte und Gegenstände über die Grenzen des Spiels hinweg ihren Wert behalten und gegen reales Geld eingetauscht werden können. Somit können Spieler mit den im Videospiel verdienten Punkten (Tokens) reales Einkommen generieren. Bei Axie Infinity funktioniert das so: Spielgegenstände wie Axies oder Land in der virtuellen Welt Lunacia sind Non-Fungible Tokens (NFTs).

Damit sind sie einzigartig und haben klare Eigentumsrechte, vergleichbar mit Landeigentum in der realen Welt. Diese NFTs können mit den beiden Fungible Axie Token SLP und AXS (vergleichbar mit Schweizer Franken) gekauft werden, die wie Punkte in traditionellen Videospiele verdient werden können. Aber im Gegensatz zu klassischen Punkten können die Axie Tokens zum Beispiel auf den Crypto Trading-Plattformen Coinbase (AXS) und Binance (SLP) mit US Dollar gekauft und verkauft werden. Somit sind sie genau wie andere Fungible Tokens (Bitcoin, Ethereum, usw) ein liquides Zahlungsmittel. Zeitweise hatte AXS und SLP zusammen in diesem Jahr eine Bewertung von über 30 Milliarden US Dollar. 

Pascal Unger ist Managing Partner bei der Venture Capital-Gesellschaft Darling Ventures in San Francisco und Miami.

Mit diesem Modell drehen Spiele wie Axie das bisherige Umsatzmodell von Videospielen auf den Kopf – während bis anhin vor allem die Publisher, Vertriebsplattformen und Entwickler Geld verdienten, sind es bei P2E Spielen dank eindeutigem Besitz von NFTs und liquiden Token zu grossen Teilen die Spieler selbst. Bei grossen Umsatzmengen zahlt sich dieses Modell jedoch auch für die Produzenten aus, die ihr Geld mit einer Transaktionsgebühr verdienen – 4.25 Prozent bei Axie. Hinzu kommen die Tokens, die sie selbst halten.

Wertsteigerung dank neuen Spielern

Ein vieldiskutiertes Thema ist die Wertsteigerung der Token bei P2E Spielen – diese basiert heute darauf, dass sich jeder neue Spieler einkaufen muss, um spielen zu können. Bei Axie Infinity braucht es dazu mindestens drei Axies (sie kosten zwischen 130 und 820 000 USD). Somit steigt mit jedem neuen Spieler das Interesse an den Axies beziehungsweise an deren Token und dementsprechend deren Wert. Da existierende Spieler an der Wertsteigerung des Tokens beteiligt sind und sie Axies im Spiel züchten können, haben existierende Spieler einen grossen Anreiz, neue Spieler zu rekrutieren (während Kundenakquisitionskosten zum Beispiel bei vielen Softwarefirmen enorm kostenintensiv sind).

Dieses System erinnert stark an ein Schneeballsystem – was sich jedoch schnell ändern kann. Wenn immer mehr Menschen einen immer grösseren Teil ihrer Zeit innerhalb einer Onlinewelt wie Axie verbringen, wird eine Präsenz in dieser Welt für Firmen immer wertvoller. Und da sich Firmen eine solche Präsenz mit dem Token erkaufen müssten, würde dies den Wert des Token weiter in die Höhe treiben. Dies wiederum würde dann neue Spieler anziehen, was das Spiel dann noch attraktiver macht für Firmen. Wie viel Wert die Aufmerksamkeit der breiten Masse haben kann, haben Firmen wie Facebook und Google äusserst erfolgreich aufgezeigt.

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Es wird spannend sein zu verfolgen, ob es Axie Infinity in einer Welt mit immer mehr P2E Spielen schaffen wird, weg von einem Schneeballsystem hin zu einem nachhaltigen Business Modell zu kommen. Dazu braucht Axie neben einer Strategie zur Monetarisierung der Aufmerksamkeit auch vermehrt Spieler, die Axie nicht nur spielen, um davon leben zu können, sondern auch neue Spieler, die es zum Vergnügen spielen und Token kaufen und im Spiel lassen.

Das heisst, selbst wenn die Anzahl von neuen Spielern abflacht, muss weiterhin ein Interesse bestehen, Tokens nicht nur zu verkaufen, sondern auch zu kaufen. Zeit und Geld dazu hat Axie – die Venture Capital Firma Andreessen Horowitz hat gerade 152 Millionen US Dollar in das Spiel investiert. Zudem bilden sich rund um diese P2E Spiele vermehrt ganze Finanzsysteme – auch GameFi genannt – mit grossem Potenzial.

«Guildes» als erstes Beispiel von GameFi

Das erste bekannte Beispiel von GameFi rund um P2E Spiele sind sogenannte «Guildes» (Zünfte). Während P2E-Spiele in Ländern wie den Philippinen mit einer Einkommenssteigerung verbunden ist, können sich die wenigsten Einwohner die drei benötigten Axies leisten. Hier kommen die Zünfte ins Spiel: Sie kaufen In-Game-Assets wie Axies und verleihen diese dann an Spieler, die Mitglieder der Zunft werden (genannt «Scholars») für eine Umsatzbeteiligung.

Yield Guild Games (YGG) war die erste dieser Guildes, die sich anfänglich auf Axie Infinity fokussiert hatte und inzwischen in immer mehr P2E Spielen aktiv ist. Scholars für die YGG Zunft werden von sogenannten YGG Communitiy Managern rekrutiert und trainiert und leihen sich Axies von YGG aus, um spielen zu können. Das generierte Einkommen geht zu 70 Prozent an den Scholar, zu 20 Prozent an den Community Manager und zu 10 Prozent an YGG. Heute gibt es ungefähr 15,000 YGG Scholars, die ihren Lebensunterhalt mit Spielen verdienen und von denen die meisten nie hätten beginnen können ohne von YGG finanzierte Axies.

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Zusätzlich zu den Einkünften innerhalb von Axie und anderen P2E Spielen hat YGG auch einen eigenen Token, den Scholars wie aktienähnliche Belohnungen bekommen. Dadurch sind sie als Teilbesitzer am Gesamterfolg der Gilde interessiert. Der YGG-Token hat einen aktuellen Marktwert von knapp sechs Milliarden USD – eine Zahl, die mit Einnahmen und Vermögenswerten steigt, genau wie die Aktie eines Unternehmens. Und genau wie bei P2E Spielen steigt die Attraktivität von Guildes mit der Anzahl an Spielern: Je mehr Scholars für eine Guild spielen, desto mehr verdient die Guild und desto bessere In-Game-Assets kann sie kaufen - was die Guild wiederum attraktiver macht für neue Scholars. Dementsprechend helfen existierende Scholars neue zu rekrutieren.

Darüber hinaus werden Gildes wie YGG von neu in den Markt eintretenden P2E Spielen umworben, denn sie bringen eine grosse Anzahl an Spielern und Kapital mit sich. Dementsprechend werden Guilds oft sehr früh zu neuen Spielen eingeladen und profitieren von der Wertsteigerung des Spiels und dem damit verbundenen Token. Was die Attraktivität einer Mitgliedschaft in einer Guilde weiter steigert.

Im Finanzsystem dank GameFi

GameFi geht weit über Darlehen von Guildes für eine Umsatzbeteiligung hinaus. Viele Menschen in Entwicklungsländern haben kein Bankkonto (das gilt etwa für 48 Prozent der Erwachsenen in den Philippinen). Um spielen und ihre Tokens gegen Realwährungen eintauschen zu können, mussten die Spieler eine digitale Geldbörse (genannt «Wallet») aufsetzen. Damit werden viele nicht nur zum ersten Mal Teil des lokalen Finanzsystems, sondern auch Teil des globalen, dezentralen Finanzsystems rund um Blockchains (genannt DeFi, Decentralized Finance).

Mit diesem Anschluss an DeFi haben P2E Spieler nicht nur die Möglichkeit, ihre Tokens gegen Realwährung einzutauschen, sondern sie können auch Darlehen aufnehmen (Hypotheken, Studentendarlehen, usw.), Versicherungen abschliessen und in alle möglichen Projekte mit Tokens selbst direkt investieren. Vielleicht irgendwann einmal sogar im Spiel selbst. Und dies alles ohne die Kosten und den bürokratischen Aufwand der traditionellen Finanzwelt.

Spannende Zukunft

Während die Entwicklung rund um P2E, GameFi und DeFi unglaublich schnell voranschreitet, befinden sich alle immer noch im Anfangsstadium: Bis anhin sind die meisten Applikationen Nachahmungen aus dem traditionellen Finanzsystem, angepasst an die dezentrale Online-Welt. Was geschieht, wenn neue, von Grund auf für die dezentrale Welt geschaffene Lösungen auf den Markt kommen? Und wie werden diese nicht nur die digitale Welt verändern, sondern auch Rückwirkungen auf das traditionelle Finanzsystem haben?