Hier geht es um eines dieser Ateliers, in denen man nichts sieht. Das liegt nicht etwa am bösen Willen des Betreibers – was hier gemacht wird, ist einfach zu klein, um von blossem Auge gesehen zu werden. Nehmen wir als Beispiel diese aktuelle Skulptur, einen Mini-Cocktail mit einer Kirsche, einem Sonnenschirm und einem Strohhalm. Sie ist exakt 8,95 Millimeter hoch, und der Strohhalm hat die Grösse eines Spans. Alles ist aus 3N-Gold gefertigt, jedes Element hat seine eigene Farbe und Textur, rot, fuchsiafarben, poliert, kugelgestrahlt und lasergeschweisst.

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Dieser Miniatur-Cocktail misst weniger als einen Zentimeter.

Dieser Miniatur-Cocktail misst weniger als einen Zentimeter.

Quelle: ZVG

Wir haben es hier mit einer Art Bildhauerwerkstatt zu tun. Und der Rodin vom Dienst heisst Olivier Kuhn (41), ein in den Jura gezogener Hochsavoyarde, in seinem ersten Leben Automechaniker. Wenn er nicht in der Werkstatt steht, surft er auf den Wellen des Atlantiks. Wenn seine Augen nicht auf dem Binokular ruhen, ist er gerade unterwegs, um die Kinder von der Schule abzuholen. Und wenn seine Finger nicht über die Computertastatur für die Eingabe von Befehlen an die 3-D-Software flitzen, polieren sie die Stacheln eines Kaktus oder streicheln die Schuppen eines Drachens, der aufwendiger gemacht ist als manche grosse Komplikation der Haute Horlogerie.

Atelier Création Kuhn heisst die Werkstatt, ein kleines Unternehmen, zwei Mitarbeiter im Jura, drei in Genf. Alle sind seit einiger Zeit mit dem Auftrag für ein und denselben Kunden beschäftigt – nicht irgendeinen allerdings: Richard Mille, dessen fester Mikro-Bildhauer Olivier Kuhn geworden ist. Das Team badet in einer Miniaturwelt mit Smiley, Cocktail, Kaktus, Ananas, Sonne und Regenbogen. Sieben Elemente gibt es pro Uhr, 53 Uhren sollen es werden, fast zwei Jahre Arbeit bedeutet dies.

Wenn ihm ein paar Krümel Zeit bleiben, widmet sich Kuhn seinen eigenen Stücken. Bisher hat er nur eine Uhr hergestellt, La Perle du Dragon, zwei Jahre Arbeit, ein Auftritt beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2022 vor den Augen der Juroren, die wohl nichts gesehen haben – jedenfalls nicht überzeugt waren. Umso besser für den asiatischen Händler, der sie entdeckt hat und auf das zweite Opus wartet: Kuhn bereitet derzeit nebenbei die Fortsetzung von La Perle du Dragon vor, ein weiteres Stück, eine «etwas weniger asiatische» Komposition, die er zu gegebener Zeit präsentieren wird – 800 Stunden Arbeit sind dafür in Aussicht.

La Perle du Dragon ist sein Referenzstück, sein Manifest, sein Glaubensbekenntnis. Nicht in Bezug auf das Motiv – es gibt nicht nur Drachen in seinem Leben –, sondern in Bezug auf seinen Weg und die Art der Ausführung: «Als ich sie gemacht habe, setzte ich mir ein Ziel: so weit wie möglich zu kommen.» Das lässt sich in drei Punkten ausdrücken: «Keine Fehler, keine sichtbaren Schrauben, keine Gelenke.» Dabei spielt sich alles im Extremen ab. Die Präzision ist extrem, das Niveau der Komplexität ist extrem, und das Niveau der Verarbeitung ist es ebenfalls. Sein Drache zum Beispiel, versteinert in einer vollen Verrenkung in seiner Saphirkuppel, ist in Wirklichkeit ein unwahrscheinliches Puzzle. Der Uhrmacherei verdankt es die Strenge, der Juweliersarbeit den Sinn für Metall und der Kunst den Lebensatem. «Es ist unvollkommen, und deshalb ist es schön», sagt Olivier Kuhn.

La Perle du Dragon ist Oliver Kuhns Eigenkreation.

La Perle du Dragon ist Oliver Kuhns Eigenkreation.

Quelle: ZVG

Die Planung findet am Bildschirm statt, mit einer speziellen Software für organisches 3-D. Die Konstruktion, sagt er, «dauert so lange wie für eine grosse Komplikation». Man glaubt es ihm. Das Muster wird auf empirische Weise aufgebaut, ein Element nach dem anderen. Die Hauptschwierigkeit bestehe darin, «jeden Schritt vorauszusehen», zu planen, jede Verarbeitung genau zu beschreiben und das Motiv in so viele Teile zu zerlegen, dass es realisiert, zusammengesetzt, ins Gehäuse eingepasst und befestigt werden kann». Richard Mille fügt noch zwei weitere Anforderungen hinzu: Alle Teile müssen stossfest und zerlegbar sein – «mit dem Smiley könnte man Tennis spielen».

«Am längsten dauert es, bis jedes Element an seinem Platz ist», erklärt Kuhn. Eine Kunst, die auf Langsamkeit aufbaut, denn jedes Element müsse bis zum letzten Moment bewegt werden können, manchmal nur um einen Hundertstelmillimeter, um die Arbeit des Uhrmachers nicht zu behindern und um «die Freiheit der Kreation so lange wie möglich zu bewahren». Sobald das Computermodell mit Massen, Toleranzen und der Vorgehensweise feststeht, geht der Drache in den 3-D-Drucker und dann an die Werkbank, wo er wie ein Juwelierstück unter dem Binokular bearbeitet wird.Olivier Kuhn und sein Team stellen hohe Ansprüche an sich selbst: In der Werkstatt werden aussergewöhnliche Kreationen hergestellt, bei denen nur die Qualität zählt, sodass der Handwerker frei von Zeit- und Budgetvorgaben arbeiten kann – zumindest im Idealfall. Nebeneffekt: Diese Kreationen sind werbewirksame Vorführstücke für die Auftraggeber, die gezeigt, fotografiert, gefilmt und kommentiert werden.

Oliver Kuhn: Vom Automechaniker zum Mikro-Bildhauer für Richard Mille.

Oliver Kuhn: Vom Automechaniker zum Mikro-Bildhauer für Richard Mille.

Quelle: ZVG

Der erste echte Paukenschlag kam von MB&F und der 2017 vorgestellten Uhr HM6 Alien Nation: Sechs Aliens gab es pro Uhr, vier Uhren wurden gebaut, es brauchte mehr als ein Jahr Zeit, um sie herzustellen. Für MB&F machte Olivier Kuhn noch einen Elefanten, ein Einzelstück. Dann begann er eine Zusammenarbeit mit Jacky Epitaux für die Marke Rudis Sylva, die er fünf Jahre später beendete. Es folgte eine ganze Menagerie für Jacobs & Co: Drachen, Phönixe, Kobras, Haarspinnen, Skorpione und Kraken. Dann klopfte er bei Richard Mille an und blitzte zunächst ab. Bis zu einem ersten Job, den er dank seines Vermieters in Glovelier bekam, eines Fahrradfreunds von Dominique Guenat, Teilhaber von Richard Mille und Vater von Cécile Guenat, die dort für die Kreation zuständig ist. Dann erzwang Covid eine vorübergehende Türschliessung: sechs Monate Pause für La Perle du Dragon. Bis zum nächsten Auftrag: Richard Mille, wie erwähnt mit Smiley, Cocktail, Kaktus und Ananas. Ein Mandat, das Kuhn dazu zwang, die Liga zu wechseln, Leute einzustellen und sie zu schulen – allerdings eher inoffiziell, seine Tätigkeit als Uhrmacher, Bildhauer und Miniaturist ist nicht im Berufsregister verzeichnet.

Er selbst hatte keine Ahnung, dass es diesen Beruf überhaupt gibt, bevor er ihn ausübte – nach einer langen Reise, die irgendwie mehr an Easy Rider als an einen Initiationsweg erinnert. Er war Automechaniker und träumte von einem Custom-Motorrad im amerikanischen Stil. In Kalifornien lernte er Florian Preziuso kennen, den berühmten Sohn eines Uhrmachers aus Genf. Und machte die Entdeckung, dass die Uhrmacherei im Grunde genommen «ein Getriebe ist». Die zwei Männer begaben sich auf eine Reise und stellten sich einer Herausforderung: «Ich baue einen Chopper, Florian macht die Uhr dazu.» Am Ende gab es zwar keinen Chopper und keine Uhr, aber eine neue Strasse tat sich auf: Als 26-Jähriger gründete Olivier Kuhn sein Atelier Création Kuhn, lebte zunächst von Gelegenheitsarbeiten, gründete eine Schmuckmarke (ACE Genève), lernte vier Jahre lang an der Abendschule Uhrmacherei, begann mit 3-D-Druck und verkaufte seinen ersten Drachen an die Marke Cabestan, die ihn bis zur Basler Messe 2016 begleitete.

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