Die Pandemie hat den Boom von Luxusuhren befeuert. Ab Anfang 2020 kannten die Marktpreise für teure Occasions-Zeitmesser nur einen Weg: steil nach oben. Bis vergangenen Frühling. Ende des ersten Quartals 2022 kam die Phase beispielloser Preisexplosionen zum Stillstand. Und seither zeigt der Trend für viele beliebte Marken in die gegenteilige Richtung.

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Einen besonders starken Preiseinbruch verzeichnen Rolex-Uhren aus zweiter Hand. Während die Zweitmarktpreise anderer Schweizer Uhrenmarken wie Patek Philippe oder Audemars Piguet im Jahresvergleich noch im Plus sind, hat der 30 Modelle umfassende Rolex-Preis-Index von «Watchcharts» in den letzten zwölf Monaten 7,6 Prozent eingebüsst. Gemessen vom im letzten März erreichten Peak beträgt der Einbruch gar 24,2 Prozent. Der Index ist auf ein 18-Monate-Tief gesunken.

Milgauss machte den Anfang

Mittlerweile haben Secondhand-Preise von ersten Rolex-Modellen eine psychologische Grenze unterschritten. Auf Zweitmarkt-Portalen sind Angebote für Uhren der Genfer Manufaktur aufgetaucht, deren Preise unter den von Rolex empfohlenen Verkaufspreisen liegen. Die Schwelle des Ladenpreises ist ein wichtiger Referenzpunkt – gerade für Luxusgüter, deren intrinsischer Wert praktisch bei null ist.

Als erste Uhr ereilte das Schicksal dieser bemerkenswerten Entwicklung die Milgauss mit schwarzem Zifferblatt (Ref. 116400GV) – also ausgerechnet ein Modell aus einer der beliebtesten Luxusuhrenkategorien, den Edelstahl-Sportuhren von Rolex. Für sie hat «Watchcharts» ein Angebot auf einer Secondhand-Plattform für 7850 Dollar registriert. Der offizielle US-Ladenpreis liegt dagegen bei 9150 Dollar. 

Dieser Trend hat auch auf die Two-Tone-Modelle von Rolex übergegriffen. Sowohl die Sky-Dweller aus Edelstahl und Gelbgold als auch die zweifarbige Explorer werden jetzt für weniger als ihren jeweiligen Verkaufspreis angeboten. Weil die Marktaktivitäten bei diesen Modellen tiefer sind als bei ihren Edelstahl-Verwandten, ist das aber ein nicht ganz so bemerkenswerter Befund wie bei der Milgauss.

Fans wünschen sich fallende Preise

Ein gewichtiger Grund für die sinkenden Zweitmarktpreise ist das zunehmende Marktangebot an Rolex-Uhren. Seit vergangenem Februar lag die Anzahl angebotener Occasionsmodelle jeden Monat über jener der verkauften Zeitmesser auf dem Secondhand-Markt.

Einen Einfluss hat wohl auch die aktuell vorherrschende Stimmung unter den Uhren-Enthusiasten. Wer die Kommentare auf einschlägigen Foren durchliest, kommt zum Schluss, dass sich eine Mehrheit weiter fallende Preise wünscht. Es herrscht das Gefühl vor, dass solch hohe Preise nicht nachhaltig sind. 

Der Hauptfaktor ist aber die Verfügbarkeit von Luxusuhren im Einzelhandel. Und diesbezüglich ist die Lage für die Kundschaft weiterhin unbefriedigend. Viele Modelle begehrter Marken sind zurzeit bei den offiziellen Händlern nicht erhältlich, es bestehen endlos lange Wartelisten. Das trifft auch auf Rolex zu.   

Kampfansage an den Grauhandel

Rolex, die meistkopierte Marke der Welt, will die Kontrolle über den Sekundärmarkt zurück, indem sie Gebrauchtuhren zertifiziert. Ein Signal an Betrüger – und an die Konkurrenz. Mehr dazu lesen Sie hier.

Inwieweit sich der Trend sinkender Preise auf dem Occasionsmarkt für Luxusuhren in nächster Zeit fortsetzt, ist noch nicht absehbar. Es geht aktuell aber wieder in Richtung der Situation vor rund zwei Jahren, als nur die begehrtesten Rolex-Modelle wie eine Daytona oder ein GMT-Master auf dem Secondhand-Markt teurer waren als bei den offiziellen Händlern. 

Weihnachten trägt zur Preisstabilisierung bei

Zumindest für Rolex erweckt der Secondhand-Markt in den letzten Wochen den Anschein, dass sich die Preise stabilisieren. Die Zweitmarktpreise der 30 Modelle im Markenindex von «Watchcharts» bewegten sich im November mehrheitlich innerhalb einer Spanne von plus/minus 2 Prozent. Und das Modell mit der schlechtesten Performance hat bloss 4 Prozent eingebüsst. 

Zur Stabilisierung könnte der saisonale Effekt des Weihnachtsgeschäfts beigetragen haben. Noch immer wünschen sich viele Menschen eine neue Rolex unter dem Christbaum – und die darf auch ein Modell aus zweiter Hand sein. 

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