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Fünf Gründe, warum Umfragen oft unzuverlässig sind

Übermut tut selten gut: Händler an der New York Stock Exchange.Keystone

Indikatoren über die Wirtschaftsstimmung vermitteln derzeit viel Zuversicht. Doch die Umfragen können trügerisch sein.

Kommentar  
Von Paul Donovan
am 03.05.2017

Die Finanzmärkte behandeln Umfragen zum Geschäftsklima mit beträchtlicher Ehrfurcht. Zahlen wie der PMI-Einkaufsmanagerindex zählen zu den am häufigsten prognostizierten Konjunkturdaten. Wenn die Anleger bereit sind, so weit zu gehen, die Ökonomen für die Prognose von Daten zu bezahlen, sagt uns dies, dass die Daten an den Finanzmärkten als wichtig angesehen werden.

Aus den aktuellen Stimmungsindikatoren geht eine sehr grosse Zuversicht hervor. Sie deuten auf eine stärkere Wirtschaftsaktivität hin als die tatsächlichen Daten. Ich halte diese Stimmungsindikatoren für übertrieben und erwarte, dass die Lücke zu den realen Daten schrumpft.

Die Umfragen haben ihre Tücken

Es gibt fünf Gründe, warum diese Umfrageergebnisse fehlerhafte Indikatoren sein könnten:

1. Umfragen geben nicht vor, das Wachstum wiederzugeben, obwohl sie häufig so dargestellt werden, als würden sie das tun. Die Medien berichten oft ungenau über sie und melden zum Beispiel «die italienische Industrie wächst», wenn in Wirklichkeit nur eine Meinungsumfrage unter einer Stichprobe italienischer Industrieunternehmen optimistischer ausgefallen ist. Das ist nicht das Gleiche.

2. Nur noch wenige füllen die Umfragen aus. Für Statistiker, die für staatliche Stellen Konjunkturdaten erarbeiten, ist die rückläufige Beteiligung an offiziellen Umfragen ein beunruhigender Trend. Nachdem die E-Mail-Posteingänge mit elektronischen Umfragen überflutet werden, hat offenbar eine Ermüdung eingesetzt.

Damit besteht die Gefahr eines «Auswahleffekts», wie Ökonomen sagen. Wer sich noch die Mühe macht, Umfragen zu beantworten, kann wahrscheinlich kaum noch als typisch bezeichnet werden. Die Menschen beteiligen sich an Umfragen, wenn sie unbedingt etwas mitteilen möchten. Das ist die wirtschaftliche Version von Groucho Marx' Zitat «Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt».

Selbst wenn die Umfrageteilnehmer nach aussen «normal» erscheinen, bedeutet die Tatsache, dass sie eine Umfrage ausfüllen, dass sie nicht «normal» sind.

3. Umfragen werden falsch ausgefüllt. Die Teilnehmer beantworten die Fragen, die sie beantworten möchten, nicht die tatsächlich gestellten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Exportaufträge bei den Einkaufsmanagerumfragen. Dabei wird ausdrücklich nach dem Volumen der Exportaufträge gefragt.

Bei Währungsschwankungen (die zu Abweichungen zwischen dem Volumen und dem Wert der Exporte führen) antworten die Teilnehmer jedoch häufig mit der nicht gefragten Zahl für den Wert, statt der gewünschten Angabe des Volumens. Deshalb geht bei einer Währungsschwäche in der Regel aus den Umfragen eine grosse Zuversicht bezüglich der Exportaufträge hervor, während die realen Exportdaten anschliessend enttäuschen.

4. Überreaktionen in Umfragen. In den letzten Jahren hat die Volatilität vieler Umfragen im Vergleich zur Volatilität der zugrunde liegenden realen Konjunkturindikatoren, die sie eigentlich wiedergeben sollten, zugenommen. (Die Daten aus Deutschland sind die Ausnahme von diesem Trend.) Dies könnte auf den Einfluss der Medien zurückzuführen sein, denn die Finanzmedien sind in den letzten Jahren erwiesenermassen sensationalistischer geworden.

Wenn sie gebeten werden, eine Umfrage auszufüllen, geben die Befragten häufig die Antworten, die sie ihrer Meinung nach geben sollten. (Dies wird wiederum davon beeinflusst, wie die Medien die weltweite Lage darstellen). Wenn die Medien sensationalistischer sind, fallen die Antworten in Umfragen wahrscheinlich sensationalistischer aus.

5. Die Befragten könnten versuchen, das System «zu manipulieren». Da sie die grosse Bedeutung der Umfrageergebnisse kennen, könnten sie in der Hoffnung, die Politik zu beeinflussen, verzerrte Antworten geben. Politische Meinungen können dabei ebenfalls eine Rolle spielen.

Als sich der US-Kongress mit Obamacare befasste, dem Gesundheitsprogramm für die USA, deuteten die Geschäftsklimaumfragen bei kleinen US-Unternehmen auf schwerwiegende Folgen in Form von steigenden Arbeitsplatzverlusten hin. Die Eigentümer von kleinen Unternehmen waren in der Regel gegen das Gesetz. Tatsächlich stieg die Zahl der bei Kleinunternehmen Beschäftigten aber weiter. Der gemeldete Pessimismus gab die Realität einfach nicht richtig wieder.

Ein Misstrauensvotum für die Stimmungsdaten

Was bedeutet das für die Anleger? Das ist schwer zu sagen. An den Märkten sind Meinungsumfragen zum Geschäftsklima und Konsumentenvertrauen sehr beliebt und die Märkte reagieren auf sie. Die Tatsache, dass die Umfragen ein falsches Bild der realen Welt liefern könnten, scheint dem Enthusiasmus, mit dem die Ergebnisse aufgenommen werden, keinen Abbruch zu tun. Deshalb sollten kurzfristig orientierte Anleger und Anlegerinnen durchaus auf die Umfrageergebnisse achten.

Für strategische Anleger hat der Wert der Umfragen jedoch in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren abgenommen, da die fünf hier beschriebenen Probleme zugenommen haben. Umfragen können zwar nützlich sein, um die Richtung zu erkennen, und die Details sind häufig weniger problembehaftet als die Gesamtstatistiken. Strategische Anleger müssen jedoch vorsichtig sein, wie sie die Zahlen interpretieren.

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