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Rentenalter erhöhen – und zweite Säule abschaffen!

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Länger arbeiten? Ja. Aber gleichzeitig braucht es ein grundlegendes Umdenken in der Schweizer Altersvorsorge. Ein Gastkommentar.

Werner Vontobel
Kommentar  
Von Werner Vontobel
2017-10-02

Ein flexibles Rentenalter, wie es kürzlich in diesem Blog besprochen wurde, ist eine gute Idee. Aber man muss das in einem grösseren Zusammenhang sehen. Unser Vorsorgesystem ist eine wichtige Stellschraube in der Marktwirtschaft.

Bei der Diskussion um das Rentensystem geht meist vergessen, dass dieses neben dem rein sozialpolitischen Aspekt drei wichtige volkswirtschaftliche Aufgaben hat:

  • Erstens muss es Kaufkraft von den Aktiven zu den Rentnern transferieren.
  • Zweitens ist es wichtig für die Ersparnisbildung bzw. für die Finanzierung der Investitionen.
  • Drittens schliesslich wird damit Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften reguliert.

Das richtige Rentensystem gibt es nicht. Sondern bloss das Rentensystem, das am besten zur aktuellen Verfassung der jeweiligen Volkswirtschaft passt.

1. Rentner konsumieren zu wenig

Fangen wir mit Punkt 1 an, dem Transfer von Kaufkraft. Zunächst eine Vorbemerkung. Die Marktwirtschaft ist gut darin, mit möglichst wenig Aufwand, möglichst viel zu produzieren. Doch wenn es darum geht, das Produzierte sinnvoll zu verteilen, ist sie keine sehr brauchbare Institution:  Die Markteinkommen (aus Arbeit und Kapital) sind extrem ungleich verteilt. Laut dem Wealth Databook der CS gehören über 80 Prozent der Schweizer Vermögen den reichsten 10 Prozent der Haushalte. Und Thomas Piketty hat ermittelt, dass die grossen Vermögen etwa doppelt so viel Rendite abwerfen wie die kleinen. Rechne.

Bei den Arbeitseinkommen sieht es nicht viel besser aus. Etwa Hälfte der Bevölkerung hat gar kein Arbeitseinkommen und laut der Foellmi-Studie kassieren 10 Prozent der Arbeitsbevölkerung 30 Prozent aller Arbeitseinkommen. Unter dem Strich und über dem Daumen gepeilt kann man sagen, dass etwa 50 Prozent der Markteinkommen an die reichsten 10 Prozent der Bürger gehen nur wenige Prozent an die ärmste Hälfte. Ohne Umverteilung könnte eine Marktwirtschaft keine zwei Monate überleben.

Die primäre Umverteilungsinstitution ist die Familie bzw. der Haushalt. Kinder, Ehepartner, vor allem die Mütter junger Kinder leben vom Einkommen des Hauptverdieners. In früheren Zeiten hat die Familie und die Sippe nicht nur die Jungen, sopndern auch die Alten und Kranken durchgefüttert. Sie war praktisch die einzige Umverteilungsinstanz. Heute federt sie nur noch einen kleinen Teil der marktbedingten Ungleichheit ab. Diese ist deshalb auch auf der Ebene der Haushalte noch immer sehr hoch.

So zeigt etwa die neue Fed-Statistik der Haushaltseinkommen in den USA, dass das Reichste Zehntel letztes Jahr erstmals mehr als die Hälfte, bzw. 50,3 Prozent aller Markteinkommen für sich beansprucht hat.  Etwas besser sieht es in Deutschland aus: 31,3 Prozent aller  Markteinkommen gehen an das oberster Zehntel; 4,1 Prozent gehen an die untersten 30 Prozent.

Bei diesem untersten Drittel handelt es sich im wesentlichen um die Rentner. Doch nicht nur sie sind auf ein Altersvorsorgesystem angewiesen, sondern auch die Aktiven. Ohne den Konsum der Rentner kann es keine Vollbeschäftigung geben. Das Rentensystem muss also auch daran gemessen werden, ob es genügend Kaufkraft zur Rentnergeneration transferiert – oder ob es um gekehrt die Kaufkraft der Aktiven zu sehr schmälert.

Dazu folgende Fakten: Die Schweiz hat (2016) einen Exportüberschuss von 12 Prozent des BIP und rund 5 Prozent Arbeitslose bzw. Stellensuchende.  Das legt den Schluss nahe, dass die einheimische Nachfrage nicht ausreicht, um die Vollbeschäftigung sicher zu stellen. Gemäss der Haushaltsrechnung 2010/2011 geben Rentnerhaushalte pro Kopf etwa 20 Prozent weniger aus als die Haushalte der Erwerbstätigen. Daran dürfte sich nicht viel geändert haben. Das legt den Schluss nahe, dass die Konsumleistung der Rentner unzureichend ist.

2. Privatpersonen sparen zu viel

Daran wiederum ist fast ausschliesslich die 2. Säule schuld. Sie bringt die Kaufkraft nämlich überwiegend dahin, wo sie nicht gebraucht wird. Das zeigt ein Blick auf der  Haushaltsrechnung der Paarhaushalte über 65. Währen die AHV-Renten in etwa gleichmässig auf alle Einkommenskategorien verteilt sind, fallen fast 50 Prozent der Pensionskassenrenten bei den reichsten 20 und rund drei Viertel aller Renten bei den reichsten 40 Prozent der Rentnerhaushalte an. Ein beträchtlicher Teil der ausbezahlten Pensionskassenrenten wird also gleich wieder weggespart.

Das bringt uns zum Punkt 2, dem Beitrag des Rentensystems zur Ersparnisbildung bzw. zur Finanzierung der notwendigen Investitionen. Hier werden Kritiker des Umlageverfahrens gerne ein, dass die AHV als reines Umlageverfahren dazu gar nichts beiträgt. Das ist richtig. Doch sehen wir uns die Daten anhand der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 2015: Der Unternehmenssektor hatte einen Finanzierungsbedarf von rund 11 und der Staat heinen Überschuss  von 7 Milliarden Franken.

Damit hätte der dritte Sektor, die privaten Haushalte, etwa 4 Milliarden sparen müssen, um die Rechnung ins aussenwirtschaftliche Gleichgewicht zu bringen. In der Tat haben die Haushalte aber 78 Milliarden gespart, wovon allein 43 Milliarden durch die Zunahme betrieblicher Versorgungsansprüche, also durch die Netto-Ersparnisse der Pensionskassen. Im Klartext: Punkto Finanzierung der Investitionen ist die 2. Säule so überflüssig wie ein Kropf.

3. Rentenalter erhöhen oder senken?

Punkt 3 – Regulierung des Angebots an Arbeitskräften. Die wesentlichen Zahlen wurden schon genannt: 5 Prozent Arbeitslosigkeit trotz 12 BIP-Prozent Exportüberschuss. Die Erwerbstätigen arbeiten damit im Schnitt 17 Prozent mehr als zur Deckung der Bedürfnisse nötig ist. Die so erzielten Überschüsse sind auf Dauer weder haltbar noch sinnvoll. Werden sie abgebaut, sinkt tendenziell die Beschäftigung. Dazu kommen die ebenfalls negativen Auswirkungen der Digitalisierung. Zudem, ist unser Konsumniveau ökologisch nicht nachhaltig. Das sind drei gute Gründe, die für einen zumindest anhaltenden, wenn nicht verschärften Rückgang der Erwerbsarbeit sprechen. So gesehen müsste das Rentenalter also eher gesenkt als erhöht werden.

Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters um ein Jahr entlastet zwar das Vorsorgesystem um 7 Prozent, erhöht das Arbeitskräfteangebot um rund 2 Prozent. Ist das sinnvoll? Um das zu begründen wird meist die Demographie bemüht. In der Tat ist die Lebenswartung der 65-jährigen seit 1985 – dem Jahr der Einführung des BVG – von 17 auf 21,3 Jahre gestiegen. Das ist eine Zunahme um 25 Prozent. Auf jeden Rentner ist noch ein Viertel Rentner dazu gekommen. Im gleichen Zeitraum ist aber die Produktivität um 35 Prozent gestiegen. Das hat nicht nur gereicht, um die zusätzlichen Rentner durchzufüttern, sondern auch, um die Arbeitszeit um 8 Prozent zu verkürzen und den Aussenhandelsüberschuss um 9 BIP-Prozent zu erhöhen, bzw. um jährlich 78 Milliarden Franken zu sparen.

Das Argument mit der Demographie ist zwar nicht falsch, aber es ist völlig aus dem Gewamzusammenhang gerissen. Es gibt da halt noch ein paar andere Variablen, die man berücksichtigen muss. Dreisatz-Rechnen genügt nicht.

Fazit: Die Arbeit besser verteilen

Das heisst aber keineswegs, dass ein höheres Rentenalter nicht doch sehr sinnvoll sein könnte. Wenn wir uns die Statistik der bezahlten und der unbezahlten Arbeit anschauen, sehen wir, dass Männer und Frauen mit kleinen Kindern oft auf ein Wochenpensum von 70 Stunden oder mehr kommen, während die Rentner und Rentnerinnen mit etwa 22 Stunden Arbeit oft unter Einsamkeit und Langeweile leiden. Dass dies kein vernünftiges gesamtgesellschaftliches Arrangement ist, zeigen unter anderem die sinkenden Geburtenraten, die  steigende Zahl der Scheidungen und der zunehmende Anteil der Einpersonenhaushalte.

Die Verteilung der nötigen Arbeit die Generationen und auf bezahlte und unbezahlte Arbeit ist ein wichtiges Thema, über das man aber nicht bloss aus dem Blickwinkel der Finanzierung des bestehenden Altersvorsorgesystem diskutieren darf. Ein zukunftsfähiges Modell könnte etwa so aussehen: Viele Arbeiten wie Kochen, Waschen, Kinderhüten, Altenpflege werden wieder vermehrt in unbezahlte Arbeit zurückverwandelt. Damit werden Familien,  Nachbarschaften etc. gestärkt. Gleichzeitig wird die verbleibende bezahlte Arbeit besser auf die Generationen verteilt. Entlastung für die Elterngeneration, mehr bezahlte Arbeit für die Alten. Wer Glück hat und gesund bleibt, darf bis 75 arbeiten- und damit die Rentenkassen entlasten. Klammer geschlossen.

Was heisst das nun konkret? Wie könnte ein Rentensystem aussehen, das in die aktuelle Wirtschaft passt und den künftigen Entwicklungen Rechnung trägt? Zwei generelle Stossrichtungen sind klar:

  • Erstens brauchen wir angesichts des Sparüberhangs mehr Umlage- und viel weniger Deckungsverfahren.
  • Zweitens müssten die Renten tendenziell steigen und gleichmässiger verteilt werden.

Ja, das klingt nicht nur nach Umverteilung, das ist bzw. wäre Umverteilung. Aber diese Umverteilung ist nicht (nur) sozialpolitisch begründet, sondern eine volkwirtschaftliche Notwendigkeit. Die Verteilung der Markteinkommen ist so ungleich, dass eine Rückverteilung unumgänglich ist.

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