Die Angst vor der Inflation hat sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen gebrannt, heisst es in deutschen Medien immer wieder. Allzu oft ist die Rede von einer Urangst. Als die Euro-Krise etwa im Frühjahr 2010 eskalierte, warnte der deutsche Volkswirtschaftsprofessor Joachim Starbatty vor wachsenden Inflationsraten auf über 5 Prozent. Der kürzlich verstorbene Geldtheoretiker Manfred Neumann, Ausbilder des heutigen Bundesbank-Chefs Jens Weidmann, gab gut zwei Jahre später zu Protokoll: «Es wird eine schleichende Inflation geben mit Raten von bis zu 6 Prozent.»

Und zu dieser Zeit war es auch, als Thilo Sarrazin, umstrittener Buchautor und früherer Bundesbank-Vorstand, in Aussicht stellte, sein VWL-Diplom zurückgeben und alles neu lernen zu wollen – sollte die Inflation in den nächsten zehn Jahren nicht massiv steigen. Gut möglich, dass der 71-jährige Sarrazin noch einmal umsatteln muss. Denn von Inflation ist im Herbst 2016 noch immer keine Spur: Zuletzt stagnierten die Preise in Deutschland, wie das Statistikamt Destatis nun bestätigte. Das Vorjahresplus liegt bei mageren 0,4 Prozent. Gegenüber 2014 gibt es ebenfalls so gut wie keinen Anstieg.

Urangst der Deutschen wird wieder bedient

Und dennoch verstummen die Mahner nicht. Die Urangst wird in diesen Tagen sogar wieder verstärkt bedient. Denn allein bei stagnierenden Ölpreisen dürfte die Euro-Zone in den kommenden Monaten einen Anstieg der Inflation auf über 1 Prozent sehen, mahnen Warner. Anfang 2017 sind gar bis zu 1,7 Prozent möglich, zitiert die «Welt» einen Ökonomen der Société Générale. Aufgepasst also! Oder doch nicht?

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Eigentlich sprechen die Euro-Währungshüter bei einer Rate von knapp 2 Prozent Zuwachs von stabilen Preisen. Streng genommen unterschiesst Mario Draghi seine eigene Zielmarke damit schon seit Jahren. Und kaum etwas deutet angesichts mässig ausgelasteter Kapazitäten und nur langsam sinkender Arbeitslosigkeit darauf hin, dass sich das allzu schnell ändert. Denn auch in den kommenden Monaten werden allenfalls leicht steigende Preise lediglich auf teurere Energie zurückzuführen sein. Dagegen jedoch kann die EZB ohnehin kaum etwas ausrichten.