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Wie wir das Rentenalter erhöhen können: drei neue Ideen

Neue Ansätze sind gefragt, um die Debatte ums Rentenalter zu deblockieren: Verschiedene Generationen beim Studium.
Neue Ansätze sind gefragt, um die Debatte ums Rentenalter zu deblockieren: Verschiedene Generationen beim Studium.

Wir werden länger arbeiten müssen. Aber nach welchem Modell? Nach dem Scheitern der Reform sind neue Ansätze gefragt

David Vonplon
Kommentar  
Von David Vonplon
2017-10-02

Früher oder später wird sich die Politik an die wirklich heissen Eisen in der Altersvorsorge heranwagen müssen. Männer leben heute im Schnitt 13,6 Jahre über das Pensionsalter; Frauen verbleibt eine Lebenserwartung von 14,2 Jahren. Allein mit höheren Lohnbeiträgen oder Mehrwertsteuerprozenten wird sich die anstehende Massenpensionierung der Babyboomer nicht finanzieren lassen.

Die Schweiz weist weltweit die dritthöchste Lebens­erwartung auf und hat einen grossen Dienstleistungssektor. Trotzdem hinkt sie hinterher. Bereits 18 OECD-Länder haben ein höheres Rentenalter beschlossen und/oder haben Reformen geplant, wie eine Aufstellung des Bundesamts für Sozialversicherungen zeigt.

  • Deutschland:  65,5 (m) / 65,5 (f) – Schrittweise Erhöhung des Rentenalters
    auf 67 bis ins Jahr 2029.
  • Österreich: 65 (m) / 60 (f) – Rentenalter für Frauen wird von 2024 bis 2033 schrittweise auf 65 angehoben
  • Frankreich: 62 (m) / 62 (f) – Erhöhung des Rentenalters auf 67 bis 2022 (nur bei Nichterreichen Mindestversicherungsdauer)
  • Italien: 66,6 (m) / 65,6 (f) – Angleichung des Frauenrentenalters an ­Männer bis 2018; Erhöhung Rentenalter auf mindestens 67 bis 2021, je nach Lebenserwartung
  • Finnland: 65 (m) / 65 (f) – Keine Reform geplant
  • Dänemark: 65 (m) / 65 (f) – Anhebung Rentenalter auf 67 bis 2022; ab 2024 abhängig von der Lebenserwartung
  • Niederlande: 65,75 (m) / 65,75 (f) – Anhebung Rentenalter auf 66 bis 2018, auf 67 bis 2021, dann gemäss Lebenserwartung
  • Schweden: 65 (m) / 65 (f) – Das System kommt ohne ordentliches Rentenalter aus

Doch wie lässt sich die Arbeit über 65 organisieren? Neue Ideen sind gefragt. Wir präsentieren drei Konzepte, die teils erst als Skizze existieren und teils im Ausland bereits Realität sind: den Rentenalter-Automatismus, die Lebensarbeitszeit und die sogenannte Flexi-Rente. Die drei Ansätze haben verschiedene Akzente, schliessen sich im Prinzip aber nicht aus.

1. Lebensarbeitszeit

Wer ein Leben auf dem Bau gerackert hat, soll nicht bis siebzig malochen müssen. Länger arbeiten ist für Uniabgänger mit Büro- oder Managementjob dagegen zumutbar: Dies ist der Grundgedanke von Systemen, in ­denen die Rente an die Lebensarbeitszeit gekoppelt wird. Diese Systeme berücksichtigen, wie stark Menschen in ihrem Berufsleben tatsächlich beansprucht wurden. Der ungelernte Lagerist mit seinen 45 Arbeitsjahren auf dem Buckel soll früher in den Ruhestand als der Ingenieur oder die Ärztin, deren Karriere Mitte zwanzig begann.

«In der Debatte über die Zukunft der AHV wird oft die Notwendigkeit betont, die Dauer des Erwerbslebens und/oder die Beschwerlichkeit der Arbeit zu berücksichtigen», stellt eine Studie des Bundesamts für Sozialver­sicherungen fest. Das Papier datiert aus dem Jahr 2008. Die hie­sige Politik hat den Ball jedoch nie aufgenommen. Was eigentlich erstaunt. Denn das Konzept der Lebensarbeitszeit trägt zwei elementaren Punkten rund um die Reform der Altersvorsorge Rechnung. Erstens: Wir werden alle länger arbeiten müssen. Zweitens: Wir werden nicht alle länger arbeiten können. Man müsse «die Schwächsten verschonen», heisst es in der BSV-Studie dazu auch.

«Wer früher mit Geldverdienen beginnt, kann auch früher damit aufhören.»

Ansätze eines Lebensarbeitszeitmodells finden sich etwa in Frankreich. Erwerbspersonen aus belasteten Branchen können dort zwei Jahre früher in Pension. Früher an eine Rente kommen auch Leute, die bereits als Teenager ins Arbeitsleben eintraten. Auf gewisse Grundsätze des Modells stützt sich auch Schweden ab. Dort wird auch Familienarbeit zur Lebensarbeitszeit hinzugerechnet. In der Schweiz schickt zum Beispiel die Bau­wirtschaft ihre Arbeitskräfte bereits mit sechzig in Rente. ­Dieses Arrangement gilt aber nur für eine eigens eingerichtete Branchenkasse, nicht aber für die landesweite Altersvorsorge.

Wie das Prinzip landesweit umgesetzt werden könnte, beschreibt das BSV in seiner Studie. Es diskutiert dort einen konkreten Vorschlag: die AHV-Formel mit «beruflichem und familiärem Beanspruchungskoeffizienten». Arbeitstätige erhalten dabei für jedes Leistungsjahr eine Gutschrift – wobei ein Mindesteinkommen von gut 1000 Franken im Monat zur Anrechnung notwendig ist und Familienarbeit anerkannt wird. Die totale Zahl der Leistungsjahre wird bei der Pensionierung dann durch 45 geteilt. Es resultiert ein Multiplikator, der auf die Rentenhöhe angewandt wird. Bei beruflichen Früheinsteigern liegt dieser knapp über 1, sofern sie effektiv bis 65 arbeiten. Späteinsteiger, die ihren knapp unter 1 liegenden Multiplikator aufbessern wollen, müssen hingegen übers ordentliche Rentenalter hinaus arbeiten.

Die Berechnung eines individuellen Multiplikators ist nicht ganz trivial. Doch die Methode ermöglicht Flexibilität und bietet Anreize, die Karriere im Alter fortzusetzen.

2. Schuldenbremse

Sie war schon so gut wie tot. Jetzt wird die Idee wieder aus der Schublade hervorgekramt: die Schuldenbremse für die AHV. «Ich sehe eine grosse Gemeinsamkeit. In den Diskussionen zur Rentenreform hat niemand mehr bestritten, dass in der Altersvorsorge Handlungsbedarf besteht», sagt Ökonomieprofessor Christoph Schaltegger von der Universität ­Luzern. Entscheidend sei, den Handlungsbedarf nun mit kon­kreten Reformschritten zu verbinden: «Konsequent gedacht landen wir dann bei der Schuldenbremse

Der Automatismus zwingt die Politik, das Rentenalter schrittweise auf 67 zu erhöhen – aber nur, wenn der Bestand des AHV-Fonds unter einen bestimmten Grenzwert fällt. Weil kein Sozialabbau auf Vorrat betrieben wird, soll dies Vertrauen schaffen – auch auf linker Seite. «Es wird nur korrigiert, wenn die Finanzierung gefährdet ist», betont Wirtschaftswissenschafter Schaltegger.

In vielen Ländern hat man solche Interventionsmechanismen bereits eingeführt. In Schweden wird die Rentenhöhe an eine strikte Formel gekoppelt: Fällt der Deckungsgrad der ersten Säule unter 100 Prozent – was im vergangenen Jahrzehnt mehrmals geschehen ist –, werden die Renten diskussionslos gekürzt. Zur Abfederung des Leistungsabbaus erhalten die Senioren Steuererleichterungen und Wohnbeihilfen. In Dänemark wiederum wird das Rentenalter zum Zeitpunkt der Pensionierung fix an die Lebenserwartung geknüpft. Dabei stellt ein Autopilot sicher, dass die Senioren im Durchschnitt nur rund 15 Jahre Rente beziehen können. Schon im Jahr 2022 wird das Renten­alter von 65 auf 67 erhöht – bis 2030 dann erfolgt die Anhebung auf das Rentenalter 68.

«Kann sich die Politik nicht einigen, wird die Notbremse aktiviert.»

Dabei zeigte sich in diesen Ländern, dass die politische Auseinandersetzung nach der Einführung des Automatismus meist an Härte verlor – auch wenn die ausgelösten Sanierungsmassnahmen häufig schmerzhaft waren. Auch in der Schweiz könnte die Einführung einer Schuldenbremse zu einer Entkrampfung der Rentendebatte führen. Schaltegger will die Politik mit der Einführung eines Autopiloten aber nicht völlig entmachten. Fallen die Bestände des AHV-Fonds unter den Grenzwert, kann die Politik in einer ersten Phase kurzfristige Sanierungsmassnahmen treffen, um das Loch zu stopfen. Nur wenn sich die Parteien nicht auf Gegenmassnahmen einigen können und sich der AHV-Fonds weiter leert, wird die Notbremse aktiviert.

Ob dieser Weg einzig eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters oder einen Mix mit anderen Massnahmen zur Sanierung des Vorsorgewerks vorsieht, ist laut Schaltegger sekundär: «Wichtiger für die Zukunft der AHV ist, dass die Politik grundsätzlich einen Interventionsmechanismus installiert, der die ­zuverlässige Finanzierung der Renten garantiert.»

3. Flexi-Rente

Das ordentliche Rentenalter soll neu Referenzalter heissen. Zumindest sah dies die verwor­fene Rentenreform so vor. Damit wollte Bundesrat Alain Berset vermitteln, dass man künftig mit 62 in Pension gehen kann – oder auch erst mit 70. Das Pro­blem daran war bloss, dass die Anreize der Reform in die falsche Richtung liefen: Für den Durchschnittsverdiener lohnte es sich kaum, über 65 hinaus zu arbeiten.

Anschauungsunterricht, wie man es besser macht, erhält man in Schweden. Das Land hat schon in den 1990er Jahren eine umfassende Flexibilisierung des Rentenalters eingeführt. Auf eine starre Altersgrenze für den Rentenbeginn wurde bewusst verzichtet – es besteht bloss eine Untergrenze für die Frühpensionierung. Dem Bürger steht es damit frei, je nach Lebensziel sein Rentenniveau und den Beginn der Pen­sionierung zu steuern. Er tut dies in Kenntnis der finanziellen Folgen: Ein Blick auf eine Tabelle zeigt, was es im Einzelfall einbringt, länger zu arbeiten. Ebenfalls besteht die Möglichkeit, Teilrenten zu 25, 50 oder 75 Prozent zu beziehen, gleichzeitig einer Teilzeitarbeit nachzugehen und mit den Lohnbeiträgen die Rente zu verbessern.

«Dem Bürger steht es frei, den Beginn der ­Pensionierung zu steuern.»

«Es wäre zu begrüssen, wenn sich die Schweiz am schwedischen Modell orientiert», betont Jérôme Cosandey von der Denkfabrik Avenir Suisse. Die Abschaffung des fixen Rentenalters ­erlaube es, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe mitein­ander diskutierten: «Die Unternehmen sind gefordert, flexible Arbeitszeit- und Pensionierungsmodelle einzuführen und zu Umschulungen ihrer älteren ­Belegschaft Hand zu bieten. Die Arbeitnehmer müssen sich derweil um ihre Arbeitsmarktfähigkeit bemühen und bereit sein, in neuen Funktionen mit ­reduzierten Einkommen zu arbeiten.»

Jedoch bringt die Flexibilisierung den Firmen auch Unannehmlichkeiten. CEO schätzen es, dass Mitarbeiter, die ihre Leistung nicht mehr erbringen, mit dem Rentenalter 65 elegant verabschiedet werden können. Diese Haltung sei verständlich, letztlich aber der falsche Ansatz, findet Cosandey.

Schliesslich zeigt die Statistik, dass die Beschäftigten ihr Verhalten an die «Flexi-Rente» anpassen: Sowohl frühere als auch spätere Austritte aus dem Erwerbsleben nehmen zu. Zugleich führt die Abschaffung des Rentenalters zu ­einem längeren Verbleib im Erwerbs­leben: Laut OECD arbeiten schwedische Männer im Schnitt bis zum Alter von 66,1 Jahren – das ist in Europa ein klarer Spitzenwert.

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