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Kommunikation
Social Media: #Gefällt_mir_nicht

Alle Handys in der Höhe bei einem Event
Das Handy immer griffbereit: Jeder Moment muss gepostet werden.Quelle: Noam Galal/Getty Images

Ich brauche Social Media nicht, obwohl ich 25 Jahre alt bin: Wieso ich statt Facebook-Friends lieber richtige Freunde habe.

Timo Kuhn
Kommentar  
Von Timo Kuhn
am 20.07.2018

Während der Uni-Vorlesung werden lustige und nicht ganz so lustige Nachrichten auf Jodel gecheckt. Die Einladung zur nächsten Party wird per Facebook verschickt, die Planung dazu läuft über eine eigens gegründete WhatsApp-Gruppe und – ganz wichtig – Bilder von der Party werden auf Snapchat sowie Instagram in einer Story gepostet.

Ob man eine interessante Person auf einer Party trifft, spielt keine Rolle. Es gibt ja Tinder. Selbstverständlich dürfen auch Posts von den Ferien in den sozialen Medien nicht fehlen. Und Selfies im Alltag sind ein Muss – aber natürlich ohne Selfie-Stick.

Eine Klischee über die Jungen

In etwa so sieht das Klischee der jungen und sehr jungen Generation in den Augen vieler Älterer aus. Vielfach trifft dieses Bild auch zu. Soziale Medien nehmen einen prominenten Platz im Leben vieler junger Menschen ein. Auf mich trifft das allerdings ganz und gar nicht zu – und ich bin nicht der einzige meiner Generation.

Soziale Medien üben nicht nur auf Junge eine grosse Faszination aus. Allerdings werden insbesondere diese von Snapchat und Instagram mit ihrem Angebot angesprochen. Zwar hat der Aktienkurs von Snapchat seit dem IPO im Frühjahr 2017 über 50 Prozent verloren. Dies lässt darauf schliessen, dass sich der Hype zumindest an der Börse ein wenig abgeflacht hat. Dennoch spielen soziale Medien eine zunehmend präsente Rolle im Leben vieler Menschen. So erklärte beispielsweise Instagram im Juni 2018, dass man nun weltweit eine Milliarde Nutzer habe.

Keine schlaflose Nächte

Dabei fühle ich mich ganz und gar nicht als Aussenseiter, weil ich andere eben nicht mittels Social Media an meinem Leben teilhaben lasse. Natürlich nutze ich Messenger Dienste wie Telegram oder WhatsApp. Ich verfüge auch über ein Facebook-Profil, was ich allerdings äusserst selten besuche. Manchmal verpasse ich deswegen eine Einladung auf Facebook – aber zum Glück werde ich dann noch persönlich eingeladen. Ich habe also nie schlaflose Nächte oder fühle mich auch nicht ausgeschlossen, weil ich nicht dauernd online verfügbar bin.

Einer der Hauptgründe, weswegen ich auf Social Media meist offline bin, ist der Datenschutz. Ich messe dem Thema grosse Bedeutung zu. Meiner Meinung nach gehen wir mit unseren Daten viel zu fahrlässig um. Das Argument «Ich habe doch nichts zu verbergen!» hört man oft. Aber es ist ein völlig falscher Blickwinkel, der dabei an den Tag gelegt wird. Die Verknüpfung verschiedenster Datenströme und darauf aufbauende Profile stecken noch in den Kinderschuhen. In China werden wir ab 2020 die Auswirkungen des Social Credibility System auf Individuen beobachten können.

Soziale Medien können der Gesundheit schaden

Die chinesische Regierung möchte ein Scoring implementieren, das die eigenen Bürger in verschiedensten Bereichen bewertet. Zahlungsfähigkeit, Vertragstreue oder Konsumverhalten sind dabei noch die harmlosen Kriterien. Denn der Score soll noch viel weiter gehen. Beispielsweise wird jemand bestraft, wenn zu oft Computerspiele bestellt und damit vermeintlich Zeit vertrödelt wird. Hingegen soll belohnt werden, wer gesunde Babynahrung bestellt. Bei sehr schlechten Scores drohen gar der Jobverlust.

Dieser allzu laxe Umgang mit Daten ist nicht der einzige Grund, weswegen ich keinerlei Ansporn habe, soziale Medien intensiver zu nutzen. Es gibt zahlreiche Studien zu den negativen Auswirkungen von Social Media. Zum Beispiel diejenige der Royal Society for Public Health: «Status of Mind: Social media and young people’s mental health». Diese listet die negativen sowie positiven Auswirkungen auf, welche soziale Medien auf (junge) Nutzer haben. Schlafstörungen, Fear of Missing Out (FoMO), Mobbing oder Beeinflussung des eigenen Körperbildes sind dabei nur einige der aufgelisteten Probleme.

Früher war nicht alles besser

Die Fähigkeiten der direkten, persönlichen sozialen Interaktion nehmen dabei meinem Empfinden nach ab – und die Verrohung in sozialen Medien nimmt zu. Das soll nicht bedeuten, dass früher alles besser war. Im Gegenteil: Das Internet ist eine tolle Errungenschaft. Es eröffnet uns so viele Möglichkeiten, die darauf basieren. Abläufe und Prozesse sind schneller geworden, Reisen wurde einfacher und Wissen ist überall verfügbar.

Es gibt allerdings auch Auswirkungen, die für unsere Gesellschaft insgesamt schlecht sind. Beispielsweise gibt es die Diskussion um Hasskommentare im Netz schon sehr lange. Und sie dreht sich immer weiter, ohne dass auch nur ansatzweise Lösungen in Aussicht sind, die wirkliche Verbesserungen bringen. Die sozialen Medien sind nicht Auslöser für diese Probleme. Aber sie fördern sie verstärkt zutage und verschärfen solche Probleme.

Fehlendes Problembewusstsein

Ich kenne viele Leute in meinem Umfeld, die Social Media – insbesondere Facebook, Instagram oder Snapchat – gar nicht oder nur sporadisch nutzen. Es fehlt aber ein Bewusstsein bei vielen (jungen) Menschen, welche negativen Auswirkungen die sozialen Medien auf die eigene Person und Persönlichkeit haben können. Und was mit den Unmengen an freiwillig bekanntgegebenen Daten in Zukunft noch passieren kann.

Dabei ist klar, dass soziale Medien auch Vorteile bieten. Beispielsweise können wir einfach und problemlos Kontakt mit Personen halten und in gewisser Weise an deren Leben teilhaben, die am anderen Ende der Welt wohnen. Aber wie so oft ist das Mass des Nutzungsverhaltens entscheidend. Und für mich bedeutet dieses Mass, dass ich meine Zeit lieber im realen Leben mit Personen verbringe, die mir wirklich etwas bedeuten. Social Media ist daher für mich reiner Zeitverlust. Wäre ich häufiger online, hätte ich weniger Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Das bedeutet auch, dass FoMO & Co. für mich Fremdwörter sind. #BackToRealLife

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