Ein zweiter Entwicklungssprung könnte im Luftfahrtmarkt bevorstehen, zumindest bei den Billigfliegern: Sie hatten bereits das «Unbundling» erfunden, also das Verkaufen aller möglichen Nebenleistungen wie Essen, Gepäckbeförderung oder fester Sitzplätze gegen Extra­gebühr. Und nun erweitert EasyJet die Wertschöpfungskette massiv ausserhalb der Flugzeugkabine – die Briten ent­wickeln sich zum Grossanbieter von Pauschalreisen, das Lieblingsprojekt des seit zwei Jahren amtierenden CEO Johan Lundgren.

Das Geschäft findet unter der Marke EasyJet Holidays statt, «die Angebote werden viel mehr Strandziele umfassen» als bisher, sagt ­Europachef Thomas Haagensen. Dazu wird die Marke stark ­ausgebaut; sie existierte bereits für Kombinationen von Flügen mit Mietwagen- und Hotelbuchungen, vor allem in Städtezielen. EasyJet wittert ein Bombengeschäft, taxiert den Markt auf insgesamt 80 Milliarden Franken.

Bisher buchten nur eine halbe Million EasyJet-Kunden, bei einem «adressierbaren Potenzial» von 20 Millionen Kunden, eine Unterkunft zu ihrem Flug via EasyJet-Website. Diese wird für den Pauschalreisenverkauf neu eingerichtet und aufgewertet, ein CEO für das neue Geschäftsfeld ist bereits ernannt: Garry Wilson, der viel Erfahrung aus leitenden Posi­tionen beim US-Reisevermittler ­Orbitz (heute Expedia) und der Tui-Gruppe mitbringt.

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In England bereits lanciert

Das neue Angebot ist im ersten Markt, der EasyJet-Heimat England, bereits an den Start gegangen, «damit wir das Sommer­geschäft 2020 bedienen können», sagt Haagensen. «In den anderen Märkten denken wir an das Sommergeschäft 2021». Zwar ist bisher nichts offiziell – aber dass die Schweiz als kaufkräftiger Markt von Reisenden und als attrak­tives Reiseziel, wo EasyJet an den Flughäfen Genf (mit 45 Prozent Marktanteil) und Basel (60 Prozent) klarer Marktführer ist, nicht unverschont bleiben wird von EasyJets Pauschalreisen, gilt in der Branche als gesichert.

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Herr der Flieger: Thomas Haagensen ist seit 2008 bei EasyJet und seit Kurzem Europachef.

Quelle: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene

Schon jetzt, sagt Luftfahrtexperte Thomas Jaeger von CH-Aviation, habe von Genf und Basel aus kein anderer Anbieter eine so grosse Abdeckung klassischer Warmwasserziele. Als Vorbild gilt der britische Billigflieger Jet2, der bereits ein punkto Umsatz sowie Marge erfolgreiches Pauschalreisegeschäft aufgebaut hat.

Sprengkraft für den Reisemarkt

Analysten billigen dem neuen Angebot von EasyJet durchaus Sprengkraft für den Reisemarkt zu: Während Pauschalreisen bisher meist in Paketen von 7, 10 oder 14 Reisetagen angeboten werden, erlaubt EasyJet, dank ihrem breiten Angebot an Flügen, dem Kunden eine freie Wahl seiner Hin- und Rückflugdaten sowie der Dauer des Aufenthalts. Andere Schweizer Reiseanbieter, sagt Jaeger, würden die neue Konkurrenz mit Sicherheit «spüren».

Wie, erklärt Jaeger am Beispiel ­Fuerteventura: «EasyJet kann aus all ihren Quellmärkten wie Grossbritannien, Deutschland, Italien, Schweiz, Frankreich und so weiter Passagiere an solche Stranddestinationen fliegen und mit diesen vielen Reisenden enorme Skaleneffekte beim ­Einkauf von Dienstleistungen er­zielen.» Sprich: Hotelzimmer oder Transfers billiger einkaufen als einheimische Reise­veranstalter. Kickbacks von den gebuchten Partnerhotels könnten weitere Einkünfte bringen.

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Falls das neue Geschäft ein Erfolg wird, dürften bald weitere Wett­bewerber, zumindest aus der Sparte der Billigfluglinien, nachziehen.

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